Wir trinken, um eine Ausrede zu haben, sagt Kate Fox

Video: Schon schlimm, so eine Hausparty (Videokampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

Enthemmungen durch Alkohol sind kulturell und nicht chemisch bedingt, behauptet die britische Sozialanthropologin Kate Fox in einer Rede, die hier als Audiostream und hier gekürzt in deutscher Übersetzung vorliegt.

Demnach gebe es etwa in England und Deutschland »ambivalente Trinkkulturen«, die mit Alkoholkonsum die Erwartung gesteigerter Aggressivität, Promiskuität und asozialem Verhalten verbinden – während es diese Erwartungshaltung in anderen Ländern nicht gebe und sich Menschen dort auch besoffen noch ordentlicher benähmen als Engländer oder Deutsche:

Die britische und andere ambivalente Trinkkulturen gehen davon aus, dass Alkohol enthemmt und er Appetit auf Sex oder aggressiv macht, so dass die Probanden in Experimenten nach Alkoholgenuss – und sogar nach alkoholfreien Placebos – dazu übergehen, ihrer Hemmungslosigkeit freien Lauf zu lassen. […] Unsere Meinungen hinsichtlich der Wirkungen des Alkohols sind sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Wenn man fest davon überzeugt ist und erwartet, dass man vom Alkohol aggressiv wird, dann wird man es auch. Ja man kann selbst nach dem Konsum von alkoholfreien Placebos stockbetrunken werden.

Leider fehlen die Verweise auf die Quellen, auf die Kate Fox sich stützt – auch im englischsprachigen Vortrag, der die Grundlage des deutschen Essays bildete.

Die Pointe wäre gleichwohl faszinierend: Gut gemeinte und steuerfinanzierte Anti-Alkohol-Kampagnen (wie zum Beispiel »Alkohol – Kenn Dein Limit«, die zumindest in Hamburg sämtliche Plakatwände in Beschlag nimmt, die H&M&Lana del Rey freigelassen haben) wären demnach kontraproduktiv.

Denn statt abzuschrecken, in dem sie alkoholbedingtes Fehlverhalten benennen, argumentiert Kate Fox, stärken sie den Mythos, dieses Fehlverhalten sei alkoholbedingt.

Damit wirken sie womöglich einladend: Wer mal richtig die Sau rauslassen will, findet im Alkohol eine gesellschaftlich akzeptierte Entschuldigung dafür. Wenn Kate Fox Recht hat, dann mindern solche Kampagnen das Problem nicht, sondern verschärfen es.

[Mit Dank an die NovoArgumente-Redaktion]

3 Kommentare zu „Wir trinken, um eine Ausrede zu haben, sagt Kate Fox“

  1. Hey Oskar, Mark Easton hat das Phänomen in seinem Buch «Britain etc» beschreiben. Ab S. 7 (also bei Amazon noch in der Buchvorschau) findet sich das entsprechende Kapitel; ab S. 11 sind die zugehörigen Studien zitiert. Die Vorstellung ist schon lustig, dass wir mit Alkohol möglicherweise einen ähnlich irren Glauben verbinden wie jene Asiaten, die Nashornmehl für potenzsteigernd halten.

    Kleines Fun Fact am Rande (wo wir grad beim Thema Alkohol sind): Nirgendwo ist die Grupppe derer, die gar keinen Alkohol trinken, so klein wie in Deutschland (siehe: http://herrfischer.net/2012/09/22/das-oktoberfest-oder-warum-sich-die-deutschen-beim-alkohol-einig-sind/). Auf die Dämonisierung scheinen sie jedoch keinen Einfluss zu haben. In Italien, wo der Alkohol offenbar entspannt, ist die Gruppe mit 18 % der Bevölkerung etwa gleich gross wie in England, wo er aggressiv macht…

  2. Lieber Tin, herzlichen Dank für den exzellenten Hinweis auf »Britain etc«. Interessant, dass die Thesen vom kulturbedingten Fehlverhalten in Großbritannien offenbar common knowledge sind – wir uns hierzulande aber die steuerfinanzierte Bromance »gemeinsam chillen oder betrunken stressen« leisten (PDF Download). Besser hieße es wohl: »gemeinsam chillen – betrunken oder nicht, egal«.

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