Intelligente Pornografie? Clayton Cubitts »Hysterical Literature«

Video: Stoya liest aus dem Roman »Necrophilia Variations« in der ersten Folge der Serie »Hysterical Literature«

Gibt es intelligente Pornografie? Das klingt nach einem Widerspruch, weil »Pornografie« (eigentlich ja bloß: die unverblümte Darstellung von Sex) häufig als Kampfbegriff verwendet wird – und oft tatsächlich ausgesprochen dumm ist.

Vielleicht nähert man sich der Antwort unter Vermeidung semantischer Minenfelder am besten über eine verwandte (oder sogar identische) Frage: Gibt es sexy Literatur?

Auch das mag widersprüchlich klingen. Vom Projekt einer Generation von Schriftstellern (Henry Miller, Philip Roth, John Updike, … ), den Sex mit der Literatur zu versöhnen, ist nicht mehr viel übrig. Aufschlussreich schreibt darüber Katie Roiphe in ihrem Essay »The Naked and the Conflicted«. Stattdessen gibt es heute den Bad Sex in Fiction Award. Und, na ja, »Shades of Grey«.

Das erste Video der Serie »Hysterical Literature«, das Clayton Cubitt mit der Darstellerin Stoya drehte, nähert sich den Fragen »Gibt es intelligente Pornografie?« & »Gibt es sexy Literatur?« quasi experimentell und performativ.

Stoya wählte ein Buch für eine Lesung aus, bei der es darum geht, trotz sexueller Stimulation die Fassung zu wahren. Was ihr nicht – oder: nicht lange – gelingt. Das Ergebnis ist eine Art Zehn Seiten trifft Beautiful Agony.

(Außerdem musste ich an die Videoreihe »Drunk History« denken, in der es zwar vordergründig um Geschichte statt um Geschichten geht, in der aber ebenfalls besondere Erzählsituationen dadurch entstehen, dass in den Körper des Erzählenden eingegriffen wird.)

Das Format der Lesung setzt den Rahmen für ein Spiel um Exhibitionismus, Voyeurismus und (Selbst-) Kontrolle. Unintelligent ist das nicht, unsexy auch nicht. Obwohl der vorgelesene Roman dabei wohl eher zweitrangig und womöglich auch ein Kandidat für den Bad Sex in Fiction Award ist …

[gefunden via Tissue]

11 Kommentare zu „Intelligente Pornografie? Clayton Cubitts »Hysterical Literature«“

  1. Ich bin gerade mehr oder weniger zufällig über Cubitts Idee gestolpert und möchte vornweg anmerken: Schön, dass sich jemand – nicht nur Cubitt, sondern offenbar auch Du, Oskar – Gedanken daran verschwendet, ob Pornografie eigentlich auch eine »intelligente« Facette haben kann. Wobei ich Intelligenz vielleicht durch Sinnlichkeit (oder gar: Authentizität?) ersetzen würde. Mit Fragezeichen, wohlgemerkt. Denn diese Bruchstelle, die Erotik und Sinnlichkeit von Pornografie trennt, ist ja gar nicht fassbar, oder zumindest: nur subjektiv erfahrbar. Erotik und Sinnlichkeit färbt sich vielleicht (noch) durch ein emotionales Bedürfnis, das in der Pornografie ganz verblasst ist; da ist nur noch nackter Trieb, Verfügbarkeit. Kein Begehren, kein begehrt sein wollen. Stoya selbst schreibt ja in diese Richtung: »I think the interesting parts of sex are in the hints of what can’t be seen.«

  2. Volle Zustimmung, wobei ich dem „nackten Trieb“ widersprechen würde. Die von aller kulturellen Dreingabe entkleidete Tierhaftigkeit ist ja die unsinnlichste aller Pornografien gerade nicht – sondern selbst eine Performance, die einstudiert ist und Genre-Regeln folgt.

    Ich finde, das Spannende „Hysterical Literature“ ist nicht nur, dass hier Sex nicht aufs Genitale reduziert wird (das gibt es ganz ähnlich auch bei „Beautiful Agony“), sondern dass hier mit dem pornografischen Imperativ „Komm so hart und laut und lang wie Du kannst“ gebrochen wird, zu Gunsten von etwas Spielerischerem und Offenerem.

    Ob’s dadurch authentischer wird, ist mir egal. Aber es wird dadurch interessanter.

  3. Eine Performance? Ja, definitiv wird in Pornos performt. Aber das Genre ist welches? Ähnlich wie stumpfe Actionfilme eine Projektionsfläche für die eigenen Aggressionen, für die fehlende eigene Standhaftigkeit und Durchsetzungsfähigkeit sind, sind Pornos ein Auslagerungsfeld für unausgeglichene sexuelle Identitätsanteile. Was man selbst kann, genügt nicht, befriedigt nicht; es zieht in den Bann, was andere da auf der Bildfläche treiben, und man wäre selbst gern so potent, so standhaft, um es so treiben zu können. Diese Kompensation (Mit-Sensation) ist für viele Betrachter wohl wirklich gar nicht so unsinnlich, wie Du ja selbst meinst, sonst wäre sie nicht so erfolgreich.

    Das Unsinnliche, finde ich, ist nicht das Schauspiel, nicht das Gespielte, sondern das Vakuum hinter dem Spiel, die Aggression (daher die zu Actionfilmen gezogene Parallele). Roger Willemsen hat darüber in Der Knacks ein paar sehr treffende Absätze verloren: »Der Knacks der Pornographie wird frei in der Ungerührtheit der Frauen. Die Männer, für die pornographische Filme gedreht werden, arbeiten sich – vertreten durch potente Protagonisten – daran ab, diese Frauen zu erreichen, ihnen eine Erschütterung beizubringen. Doch man kann ihnen das Intimste zufügen und das Extreme abverlangen, sie bleiben doch unerreichbar, und in der bemühten Darstellung ihrer Erreichbarkeit werden sie nur immer unerreichbarer. […] Eine Darstellerin sieht in das Spiel der eigenen Lust, als stünde sie vor einer mittelalterlichen Kirchenfassade; eine andere kneift die Augen zusammen, als müsse sie sich, die Luft einziehend, auf einen sehr fern liegenden Gegenstand konzentrieren; eine dritte Blick an sich herab wie zur Protokollierung eines wissenschaftlichen Experiments; eine vierte genießt die Lust nicht, sondern das eigene Spiel. Was immer sie tun, sie blicken immer über die Lust hinaus in die Leere hinter der Erregung.«

    Vor diesem Hintergrund also mein Gedanke, dass Pornos nur »nackte Triebe« befriedigen, oder anders: vorübergehend befrieden. Es geht ja nicht um ein emotionales Interesse am anderen, sondern um das Interesse am eigenen Ego: Du kommst so hart und laut und lang, weil allein nur ich dafür sorge, dass du so hart und laut und lang kommst. Le sex, c’est moi.

    Weswegen Ideen wie Hysterical Literature und Beautiful Agony für mich etwas Authentisches – für Dich »Interessantes« auf den Weg bringen: Da hat jemand Lust auf und an sich selbst. Oder?

  4. Herzlichen Dank für den abermals langen & anregenden Kommentar. Sehr willkommen, das.

    Nur ganz schnell, weil mir zu mehr gerade die Zeit fehlt: Zur (literaturwissenschaftlichen) Genre/Gattungs-Diskussion lohnt sich die Diss „Frauenpornographie“ von Corinna Rückert, in der es auch um die theoretisch seriöserweise nicht festzumachende Unterscheidung zwischen (guter) Erotik und (schlechter) Pornografie geht.

    Was die „Authentizität“ angeht (und das macht jetzt ein neues Fass auf), sehe ich das auch mit einer gewissen Sorge – wer bei „Hysterical Literature“ und „Beautiful Agony“ mitmacht (oder noch mehr bei anderen, Interview-lastigen Pornos wie etwa bei „Ersties.com“, die dazu noch vorgeben, in den Privaträumen der Protagonistinnen gefilmt worden zu sein) liefert sich viel mehr aus, als jemand, der eine Rolle in einem Perfomance-Porno spielt, mit klaren Regieanweisungen, schlechter Musik und Nachvertonung, nicht?

  5. Wieder wurde das Verborgene so anziehend gemacht, dass man kaum wiederstehen kann. Vielleicht gibts bald die „under the table cam view“ für ein paar Pflaumen zu sehen. Was mich eigentlich interessiert ob die Orgasmen echt oder gespielt sind. Bevor ich wusste dass das Testkanninchen eine Pornodiva ist, hatte ich weniger zweifel daran. Jetzt interessiert es mich, wer die anderen sind, besonders die letzt die in 6 Minuten kommt …

  6. Intelligent sind Texte über Pornographie, wenn sie ein ehrliches Statement eines Mannes enthalten. Peter Redvoort hat das unlängst mit „Pornos machen traurig“ versucht – meines Erachtens ist ihm damit eines der wenigen (selbst)kritischen Statements von männerseite gelungen.

    Norbert

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