Antiimperialismus 1968/2012 – zur Kontroverse um Judith Butlers Aussagen zu Hamas und Hisbollah [aktualisiert]

Abb.: Judith Butler bei einer Diskussion in Berlin, kurz bevor sie einen Preis des Christopher Street Day 2010 ablehnte (CC-Foto: Susanne Christensen/flickr)

Ist noch etwas zu den Vorwürfen gegen Judith Butler zu sagen, bevor wir den Fall unter der Rubrik »Auch kluge Leute sagen manchmal dumme Sachen« zu den Akten legen?

Ja: Sie hat offenbar nicht genug von Jürgen Habermas gelesen. (Ätsch!)

Der schrieb schon 1969 über die »militanten Studenten« und ihren unterkomplexen Antiimperialismus:

Sie fingieren eine welthistorische Einheit des Widerstands gegen den Kapitalismus, der von den Guerillakämpfen in Südamerika und Asien über die Negerrevolten in den nordamerikanischen Städten und die Kulturrevolution in China bis zum Widerstand in den »Metropolen« reichen soll. […] Die durch Diffusion zu erklärende Übereinstimmung der Parolen und Techniken täuscht darüber hinweg, daß die Studentenrevolten hier und dort so gut wie nichts miteinander zu tun haben.

Dass Hamas und Hisbollah damals noch nicht in die »welthistorische Einheit« eingemeindet wurden, liegt übrigens daran, dass beide Gruppen erst in den 1980er-Jahren gegründet wurden und somit für Theorien einer globale Linken noch nicht zur Verfügung standen.

An dem Interesse seitens der Studenten hätte es womöglich nicht gemangelt: Einige von ihnen empfanden die Gegner Israels durchaus als ihre Verbündeten und störten 1968 einen Vortrag des israelischen Botschafters in Frankfurt mit dem Ruf: »Ha, Ha, Ha – Al-Fatah ist da.«

[Nachtrag, 7. September 2012] Die Debatte um Judith Butlers Äußerungen reißt nicht ab – kaum ein Tag, an dem der Perlentaucher nicht neue Stellungnahmen anspült. Befremdlich finde ich, dass kaum jemand darüber diskutiert, ob Butlers Theorien es verdienen, mit dem Adorno-Preis ausgezeichnet zu werden. Stattdessen geht es immer nur um ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah, ihr Verhältnis zu Israel oder ihr persönliches Judentum.

All das ist nicht zentral für ihr Werk, aber was soll’s, man kann sich schön darüber aufregen und muss nicht ein einziges Buch gelesen haben um mitreden zu können. Immerhin: Ab und zu wird dazu auch Lesenswertes geschrieben. Aufgefallen ist mir der scharfsinnige und erfrischend klar formulierte Kommentar von Detlev Claussen:

Butlers Behauptung, Hizbollah und Hamas seien Teil einer »globalen Linken«, ist weder antisemitisch noch selbsthasserisch, sondern realitätsunabhängig und voll dumm. Eine »globale Linke« gibt es ebenso wenig wie die Weisen von Zion. Das wird nicht dadurch besser, dass es weltweit einen Haufen von dummen Linken gibt, die nicht erkennen können, dass islamistischer Fundamentalismus und Linke eine contradictio in adiecto ist. Antiimperialismus dagegen ist kein linkes Alleinstellungsmerkmal; auch die Nazis sahen sich als Antiimperialisten.

… zu ergänzen wäre höchstens noch, dass auch die heutige Rechte am Antiimperialismus festhält, was ihn einmal mehr als verlässliches Erkennungszeichen einer wie auch immer gearteten Linken delegitimiert.

[Nachtrag, 8. September 2012] Über einen Facebook-Freund, der diese (Achtung: antiimperialistische!) Website verlinkte, habe ich von der Resolution HR 35 erfahren, die wenige Wochen vor Beginn der Butler-Kontroverse in Deutschland in der California State Assemby verabschiedet wurde. Die Resolution fordert Mitarbeiter von kalifornischen Universitäten (wie jener University of California, Berkeley, an der Judith Butler lehrt) auf, »to increase their efforts to swiftly and unequivocally condemn acts of anti-Semitism on their campuses«.

Für Aufregung sorgt dabei, dass der Text der Resolution (hier in Gänze online) die in Amerika verbotene »hate speech« gegenüber jüdischen Studenten (also etwa »physical aggression, harassment, and intimidation«, wobei »physical aggression« ja ohnehin rechtlich geahndet wird) vermengt mit Formen von Kritik des Staates Israel, die vielleicht geschmacklos, aber dennoch vom amerikanischen Ersten Verfassungszusatz gedeckt sind (etwa zu behaupten »that Israel is a racist, apartheid, or Nazi state, that Israel is guilty of heinous crimes against humanity such as ethnic cleansing and genocide, […] and that Jews in America wield excessive power over American foreign policy«).

Es bleibt abzuwarten, welche Folgen die Verabschiedung dieser wohl in erster Linie symbolischen Resolution haben wird. Verschwindet jetzt zum Beispiel das vielfach verkaufte und kontrovers diskutierte (und unter anderem hier mit den Mitteln des gepflegten Diskurses in Stücke gerissene) Buch »The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy« aus den Bibliotheken der University of California? Dagegen werden sich die Universitäten wohl zu wehren wissen, zumal jene, an der einst das Free Speech Movement begann. Oder ist die Resolution bald vergessen, wenn das Wahljahr 2012 sich dem Ende neigt? Das scheint mir wohl realistischer zu sein.

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