Über die Sehnsucht nach den »good sixties« – und über Ted Herold & Lill Babs Song »Wir jungen Leute« (1962)

Video: Ted Herold & Lill Babs – Wir jungen Leute

»Wir jungen Leute« von Ted Herold und Lill Babs wurde im Jahr 1962 veröffentlicht – und wirkt fünfzig Jahre später, als ich es zufällig bei YouTube entdecke, wie ein Artefakt aus einer vergangenen Zivilisation.

Der Song beschwört den internationalen Hedonismus: Spritztouren nach Verona, Abstecher nach Portugal. Die in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgewachsenen deutschen Jugendlichen stehen laut dem Songtext auf die Musik der früheren Feinde – »heiße Musik« aus Amerika, Chansons aus Frankreich – und haben Idole, die den Nazivätern kaum gefallen dürften. Den schwarzen Louis Armstrong etwa. Und die mondäne Jackie Onassis. »Die Jugend ist international«, heißt es im Song. Und in einer Geste, die Länder- und Kulturgrenzen lässig beiseite wischt: »Wir haben alle die gleichen Träume.«

Wenn man »Wir jungen Leute« heute, im Eurokrisenjahr 2012, covern würde, müsste man wohl eher singen: »Wir haben alle die gleichen Sorgen« – und selbst das wäre gelogen, denn obwohl die Krise langsam auch in Deutschland ankommt, ist sie hier im Alltag doch immer noch viel weniger spürbar als etwa in Spanien oder Griechenland (und wohl auch Portugal oder Italien, um im Bild des Songtexts zu bleiben). Heute müsste man eine inhaltlich aktualisierte Version von »Wir jungen Leute« vielleicht aus der Sicht eines Spaniers singen, der vor der Arbeitslosigkeit nach Deutschland flüchtet, nachmittags Sprachkurse im Goethe-Institut besucht und nachts in der internationalen Schlange vor dem Berghain steht. Arbeitsmigration meets Easy-Jetset, soviel Hedonismus darf sein.

Umso mehr interessiert mich, wie »Wir jungen Leute« im Jahr 1962 gewirkt hat. War das ein realitätsverleugnender Schlager? Oder ein sanfter – und kommerziell gebändigter – Ausdruck einer Sehnsucht nach Hedonismus und Internationalismus, die sich einige Jahre später in Gegenkultur und Studentenbewegung Bahn brechen sollte?

Gegenkultur war »Wir jungen Leute« jedenfalls nicht, obwohl er älteren Deutschen vor den Kopf gestoßen haben dürfte. Der Song erschien zunächst als Flexidisc, also auf labberigem und dünnem Vinyl, das manchmal Zeitschriften beilag, so wie heute die CD-Beileger in Musikmagazinen. Flexidiscs konnte man nur abspielen, wenn man sie auf eine andere Schallplatte legte, die sie stabilisierte. Und auch dann gab es anders als bei regulären 7″-Single-Schallplatten nur eine Seite. Die Flexidisc zu »Wir jungen Leute« wurde als Werbeaktion der Kaufhauskette Hertie verteilt, später gab es dann eine Zweitveröffentlichung als reguläre Single-Platte.

»Wir jungen Leute« war wohl einer der letzten Hits von Ted Herold, der in diesen Jahren mit Peter Kraus um den Titel des »deutschsprachigen Elvis Presley« konkurrierte. Während Herold 1963 seine Wehrpflicht ableisten musste, wurde er von der britischen Beat-Welle überholt, die seinen Orchestersound ziemlich alt aussehen ließ. Danach war Herold abgemeldet. Die Zeit nannte ihn bereits 1981 – da war er noch keine 40 Jahre alt – einen »Alt-Rockstar« und mockierte sich über seine Playback-Auftritte. Auch Lill Babs verschwand Mitter der sechziger Jahre hierzulande von der Bildfläche. Abgelöst wurden sie durch Beat, Soul, Rock – jenes ästhetische Gemenge, das noch heute unter dem Schlagwort »Pop«, also »zeitgenössisch«, firmiert, während man »Wir jungen Leute« wohl kaum noch hören kann, ohne »Oldie« oder »Schlager«, also »alt«, zu denken.

Insofern wirkt »Wir jungen Leute« wie eine Hinterlassenschaft jener Zeit, die der amerikanische Historiker Bernard von Bothmer in seinem Buch »Framing the Sixties« als »the good sixties« beschrieb: Einer Zeit, die heute nostalgisch als friedlich, glamourös und unschuldig beschrieben wird – bevor »the bad sixties« ausbrachen mit ihren (amerikanischen) Rassenunruhen, dem Vietnamkrieg, der Studentenbewegung. Eine solche scharfe Trennung und restrospektive Überhöhung der früheren und späteren sechziger Jahre ist Blödsinn, schreibt von Bothmer, aber man begegnet ihr im (amerikanischen) Alltag immer wieder.

Die goldene Ära der »good sixties« zu beschwören ist dabei keineswegs nur konservative Anti-68er-Rhetorik. Es gibt durchaus auch einen link(sliberal)en Glamour dieser Zeit. Die intellektuelle Szene New Yorks um Magazine wie Partisan Review, Commentary oder auch The Reporter war in den frühen sechziger Jahren noch nicht zerrissen zwischen den Kämpfen von New Left und Neocons sowie Postmodernen und Kulturbewahrern. Außerdem fingen nach Vorbild von John F. Kennedy und Jackie Onassis Linke in den frühen sechziger Jahren erstmals an, sich ordentlich anzuziehen, schreibt Norman Mailer in »The Armies of the Night«. Und die Reise auf den Mond schien auch greifbar. Heute klingt eine Sehnsucht nach dieser Zeit im Preppy-Revival an, das dem Style des Bildungsadels jener Zeit nacheifert. Und – wenn auch sehr ambivalent – in dem Erfolg der Fernsehserie »Mad Men«.

Ich finde besonders faszinierend, dass man den Bruch zwischen »the good sixties« und »the bad sixties« heute in der Musik der jeweiligen Jahre zu hören glaubt. Da ist, in Deutschland wie in den USA, der Schmalz und Teenie-Bopper-Sound der Zeit bis etwa 1962/1963. Und der Lärm, die Unkonventionalität, die Sex-, Drogen- und Polit-Texte der Jahre 1968/1969. Man vergleiche etwa »Wir jungen Leute« mit Jimi Hendrix Version des »Star-Sprangled Banner«. Oder Frank Sinatra und The Supremes mit Velvet Underground und MC5 – um nur ein paar besonders pointierte Paarung zu nennen.

Wenn sich Wikipedia nicht irrt, hieß Ted Herold bürgerlich übrigens Harald Walter Bernhard Schubring und Lill Babs, die in Schweden geboren wurde, Barbro Margareta Svensson – in diesem Sinne fand (West-) Europa in den »good sixties« tatsächlich auf dem Boden von Kommerz, Hedonismus, Jugendlichkeit und amerikanischer Popkultur zueinander.

Noch mehr »junge Leute wie du und ich«, vereint zwischen Amerikanophilie, preppyesquem Look und glänzendem Chrom (man beachte – wohl eingesetzt, damit des nicht zu sehr fremdelt – den Gastauftritt der Dackel):

Video: Will Brandes – Wir jungen Leute (1959)

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