»Kein Herz für St. Pauli«: Ein neues Online-Magazin schildert den Streit um die Esso-Häuser am Spielbudenplatz

Abb.: Früher modern, heute »Schandfleck«: Skizze der Essohäuser auf St. Pauli
© Günter Zint (panfoto.de/kiezmuseum.de), mit freundlicher Genehmigung

Die Esso-Tankstelle an der Reeperbahn ist ein Erkennungszeichen St. Paulis. Wenn Kamerateams den Kiez einfangen wollen, dann richten sich ihre Objektive wohl ähnlich oft auf die Zapfsäulen am Spielbudenplatz wie auf die Leuchtreklamen über der Große Freiheit. Die Tanke ist mehr als eine Tanke: ein Getränkemarkt für die Partytouristen und ein Tante-Emma-Laden mit Klatsch und Tratsch für die Anwohner (sagt Liselotte Strehlow, die seit vielen Jahren in der Nachbarschaft wohnt). Trotzdem wird es sie bald nicht mehr geben. Genau wie die beiden Gebäudekomplexe zu denen sie gehört, die sogenannten Esso-Häuser (siehe Bauskizze).

Im Mai 2009 wurden die sanierungsbedürftigen Esso-Häuser von der Immobilienfirma Bayerische Hausbau gekauft. Die will die Gebäude jetzt abreißen und durch einen Neubau ersetzen. Der Investor kann das mit den baulichen Mängeln der Häuser ganz gut begründen. Dennoch bleibt ein Unbehagen – immerhin wurde genauso mit dem Gelände der alten Astra-Brauerei verfahren und an ihrer Stelle ein architektonischer Fremdkörper errichtet, der wie ein Viertel im Viertel neben der Reeperbahn sitzt und unter anderem das Empire Riverside Hotel beherbergt (Namensgeber der stadtentwicklungskritischen Doku »Empire St. Pauli«, die in Gänze online zu sehen ist).

Oder mit der Reeperbahn 1, wo seit kurzem die sogenannten Tanzenden Türme zu sehen sind, bei denen ich schwer vorstellbar finde, dass sie in spätestens fünfzig Jahren nicht auch als abrisswürdige Bausünde gelten. Die Esso-Häuser wurden in den 1960er Jahren schließlich auch als zukunftsträchtig empfunden (und entsprechend von der Lokalpresse gefeiert, während die Bildzeitung heute von einem »Schandfleck« schreibt). Und ernsthaft: Tanzende Türme? Ein Bürokomplex mit Knick, als Homage an das »schräge« St. Pauli? Ürx.

Vor allem geht es aber um die Mieter: Werden die Bewohner der Esso-Häuser der Aufwertung St. Paulis (= Mietsteigerung = sozialen Verdrängung) zum Opfer fallen? Der Investor verspricht, dass die Bruttomieten gleich bleiben und sogar neuer sozialer Wohnungbau in dem größeren Neubau an Stelle der Esso-Häuser entsteht. Dennoch währt der Streit um die Zukunft des Gebäudes schon mehr als drei Jahre.

Eine gute Einführung in diesen Streit bietet das Online-Magazin »Kein Herz für St. Pauli«, das Volontäre der Akademie für Publizistik am vergangenen Donnerstag veröffentlicht haben. In multimedialen Beiträgen kommen Bewohner und Mieter (eins, zwei, drei), der Investor, ein externer Gutachter und der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes zu Wort. In wenigen Tagen haben die Volontäre das Magazin zusammengestellt. Sein experimenteller Charakter ist an manchen Stellen zu sehen – trotzdem ist das exzellenter Lokaljournalismus. Und davon gibt es auch in Hamburg noch nicht genug.

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