Schlägt den Schlager: »Fight Club« von Oliver Paolo Thomas

Abb.: Der Schlagermove 2010. In »Fight Club« lehrt Tyler Durden: Zuviel Sauerstoff macht euphorisch und gefügig (Foto von -sel, via flickr, CC-Lizenz)

Die Stadt ist voller Idioten. Neu ist das nicht. Aber heute geben sie sich weithin sichtbar zu erkennen: Sie tragen Plastikblumengirlanden, Sonnenbrillen mit rosa eingefärbten Gläsern und bunte Polyesterkostüme, die sie in Kaufhausketten erstanden haben. Sie sind laut, sie sind besoffen und sie fühlen sich im Recht: herzlich willkommen zum Schlagermove in Hamburg. Es fällt heute leichter als sonst, angesichts des Zustands der Zivilisation ein Unbehagen empfinden – und womöglich sogar eine latente Aggressivität. Dass ausgerechnet heute Oliver Paolo Thomas Bühnenfassung von »Fight Club« im Rahmen des Kaltstart Theaterfestivals in Hamburg gezeigt wurde, mag ein Zufall sein – aber es ist ein guter Zufall.

»Fight Club« erzählt die Geschichte von Jack, der bei einem amerikanischen Automobilkonzern für die Rückrufaktionen zuständig ist. Immer wenn ein fehlerhaftes Auto in Flammen aufgeht, reist er zur Unfallstelle. Sein Job: Er berechnet, ob eine Rückrufaktion mangelhafter Fahrzeuge teurer ist, als Tote und Verletzte in Kauf zu nehmen – und sich mit ihren Angehörigen außergerichtlich zu einigen. Die Erfüllung sucht Jack darin, sein Mittelklasse-Apartment perfekt einzurichten, doch er leidet unter der Sinnlosigkeit seines Lebens. Er besucht Selbsthilfegruppen von Todkranken um sich abzulenken, beginnt eine Beziehung mit der lebensmüden Marla Singer und lernt eines Tages Tyler Durden kennen, der ihm eine neue Einsicht vermittelt: Besitz versklavt, nur Schmerz macht frei.

Gemeinsam gründen Tyler und Jack den »Fight Club«, in dem sich frustrierte Angestellte und Sachbearbeiter nach Feierabend gegenseitig die Zähne ausschlagen und so zu sich selbst finden. Dann zeigt Tyler Jack, wie man Sprengstoff mischt – so entsteht der Plan, New York in die Steinzeit zurückzubomben, in eine Zeit also, in der Männer noch echte Männer sein konnten. Das wäre doch was, denkt Jack: endlich wieder Tiere jagen und nicht bloß die neuesten Ikea-Möbel, endlich wieder Felle und Leder tragen und nicht mehr Krawatten und Khaki-Hosen, nie wieder Triebverzicht!

»Fight Club«, diese gänzlich unsubtile Anklage der Entfremdung, des Herdentriebs, der Plastik- und Konsumkultur, erschien 1996 als Roman von Chuck Palahniuk, 1999 in der Verfilmung von David Fincher und wurde erstmals 2010 in  Thomas Theaterfassung am Rottstr 5 Theater in Bochum aufgeführt. Aktuell ist diese Geschichte noch immer, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als in den 90er Jahren: Zum großen Finale sprengt der »Fight Club« die amerikanischen Kreditbanken und damit – so die Idee – auch die Ketten der amerikanischen Bevölkerung. Es fällt schwer, dabei nicht an die geplatzte Immobilienblase und an die Verschuldung der College-Absolventen, an Occupy Wall Street und an David Graebers »Schulden«-Buch zu denken.

Dabei hat Oliver Paolo Thomas bei seiner Bearbeitung fürs Theater kaum merklich in den Spielfilmtext eingegriffen und nur bei den Dialogen zur Konsumkultur hier und da ein aktuelles »Apple« und »iPad« ergänzt (etwas irritiert hat  mich der Verweis auf Steve Jobs, der im Stück offenbar noch unter den Lebenden weilt).

Die Inszenierung ist konservativ, nicht nur in ihrer Texttreue, sondern auch in der Wahl ihrer visuellen und dramaturgischen Mittel. Anfangs ist die Bühne leer und ein Scheinwerfer taucht alles in bedrohlich rotes Licht, bei der ersten Kampfszene setzt dann das Stroboskop ein (man sitzt da und denkt: »naa-türlich«). Außerdem zünden sich der verwegene Tyler Durden und die suizidale Marla Singer unentwegt Zigaretten an, wobei Marla mit extra-langen Streichhölzern ausgestattet wurde und so lange mit dem Feuer spielt, bis es auch der letzte im Publikum kapiert hat. Im Soundtrack des Theaterstücks laufen Songs von Nine Inch Nails und Aphex Twin, jeweils eine naheliegende Wahl, wenn es um düster, beklemmend und laut sein soll.

Mutig ist das alles nicht, aber was soll’s, es funktioniert – und mehr noch: es wirkt. Im vollbesetzten oberen Saal des Kulturhaus 73 ist es eng und heiß, ich sitze unbequem und umgeben von schwitzenden Körpern, das verstärkt den Eindruck des Spiels. Es ist aber vor allem das Verdienst der drei Schauspieler (Alexander Ritter als Jack, Felix Lampert als Tyler Durden und besonders fantastisch: Dagny Dewath als Marla Singer), dass der oft pathetische Text nicht peinlich wirkt und auch nie zu vertraut – wobei ich nicht sicher bin, ob die Abschlussszene mit ihren einstürzenden Bankgebäuden, die im Theatersaal nur über Soundeffekte erzählt wird, auch dann funktioniert, wenn man nicht die Filmbilder im Kopf hat.

Nach dem Schlussapplaus bin ich beeindruckt, wie gut es gelungen ist, das Kino der großen Leinwand auf dem Theater der kleinen Bühne nachzuspielen. Draußen ist von den Schlagermove-Idioten nichts mehr zu sehen.

1 Kommentar zu „Schlägt den Schlager: »Fight Club« von Oliver Paolo Thomas“

  1. Ziemlich gute Kritik, sehe ich auch so. Der Film ist ja schon auch etwas platt gewesen….Amis halt. Die Inszenierung bringt da eigentlich auch nicht mehr als eine etwas spießige Übertragung auf die Bühne, aber das funktioniert wenigstens. Und du hast recht: Es funktioniert wohl vor allem, weil die Schauspieler echt stark waren.

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