Gegen die Nostalgie (und im Zweifel: für die Political Correctness)

Abb.: Vorbildlich politisch unkorrekt, aber leider ein Neandertaler: Banksys »Caveman«, fotografiert von Stefan Kloo/Lord Jim (CC).

Über den »Terror der Tugend« schrieb Harald Martenstein neulich ein ganzes ZEIT-Dossier, gestern legte die Süddeutsche nach und veröffentlichte auf Seite 3 einen Artikel über die singapureanischen Zuständen auf deutschen Spielplätzen (leider nicht online, doch der Tenor war: »Kaugummis, Alkohol, Hunde – alles verboten, schlimm!«).

Das finde ich bemerkenswert: Prominente (und zumindest im Fall von Martenstein auch beneidenswert gute) Autoren warnen auf den besten Seiten der großen deutschen Qualitätszeitungen vor der verordneten Rücksichtnahme und der Political Correctness, die in Deutschland angeblich um sich greift. Der Suhrkamp Verlag macht mit und veröffentlicht mit »In Anführungszeichen« eine anti-PC-Streitschrift der Wiener Intellektuellen Matthias Dusini und Thomas Edlinger (die ich hier für Spiegel Online besprochen habe).

Aber – ist es wirklich so schlimm?

Auf Spielplätzen treibe ich mich seit einigen Jahren nicht mehr so viel rum, deshalb kann ich den Artikel aus der Süddeutschen nicht kommentieren. Ansonsten scheint mir die Aufregung aber schwer nachvollziehbar. Klar, die »Negerpuppe«-Kampagne gegen Sarah Kuttner war lächerlich, aber Allianzen aus Boulevardjournalisten (Mopo) und abgehalfterten Fernsehpromis (Mola Adebisi) gab es schon immer (siehe auch hier).

Dieser alberne Feldzug ist also schwerlich ein Indiz dafür, dass der Tugendterror um sich greift. Oder gar dafür, dass Kultur und freie Meinungsäußerung von Moralaposteln erstickt werden. Ich habe sogar eher den Eindruck, dass wir (das heißt: wir weißen, gebildeten, okay verdienenden Männer, die in dieser Diskussion als alleinige Kläger auftreten) uns heute freier äußern und »unkorrekter« genießen können als noch in vergangenen Jahrzehnten.

Anekdotische Evidenz:

1) Prohibitionisten sind mir außerhalb der Geschichtsbücher noch keine begegnet

2) in den Bars, in denen ich verkehre, wird trotz des Verbots weiter geraucht (und das fühlt sich wild an)

3) provokante Frauengruppen fordern nicht mehr »Schwanz ab!«, sondern Quoten von läppischen 30 Prozent

4) die Nationalflagge hat sich vom Schrebergarten emanzipiert (aber nicht gänzlich vom Dumpfen und Bierseligen)

5) dass jemand für einen Mörder gehalten wird, weil er Metallica hört, erscheint mir heute unvorstellbar

6) lustvoll grausame Splatterfilmreihen werden von der Kulturstiftung des Bundes gefördert

6.1) Pornos will schon lange niemand mehr verbieten

6.2) Die Simpsons will schon lange niemand mehr verbieten

6.3) (plus: wir haben South Park und Family Guy)

6.4) geschmacklose Nazi-Science-Fiction-Filme laufen im Millerntorstadion, toleriert von den St. Pauli Ultras

7) das unterhaltsamste Buch des Jahres geht muslimischen und christlichen Konservativen gegen den Strich

8) vor meinem Zimmer rasen noch immer alternde Zahnärzte auf ihren Harleys vorbei, egal ob das umweltschädlich, ästhetisch fragwürdig und aus der Zeit gefallen ist oder nicht

9) niemand isst mehr Currywurst, aber alle essen Burger (nicht immer vegetarisch)

10) OK, Tierrechtler und Antispeziesisten nerven manchmal wirklich ein bisschen, wurden aber gerade in dieser Woche eindrucksvoll delegitimiert (danke, Heiko Werning!)

usw. usf.

Und jetzt mal ernsthaft: Was mich am Anti-Political-Correctness-Diskurs stört, ist sein nostalgisches Grundrauschen. Diese Suggestion: »Früher war alles unkorrekter, deshalb freier, deshalb besser.« Ich glaube nicht, dass die genannten Autoren wirklich so denken. Aber ich bin auch nicht sicher, ob sie sich ausreichend von der unreflektierten Nostalgie abgrenzen.

Zum Ressentiment verdichtet ist diese Nostalgie aber das Ende des aufgeklärten Nachdenkens über Politik, Kultur und Gesellschaft – wie man bei einigen von jenen beobachten kann, die sich die sogenannte »Politische Unkorrektheit« aufs Banner geschrieben haben.

Mehr dazu in meinem Text auf Spiegel Online.

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