Kulturkampfbekämpfer. Über den Roman »Taqwacore« von Michael Muhammad Knight (und die Street Art von Princess Hijab & NiqaBitch)

Abb.: Beispiel für Princess Hijabs »Verschleierung« vom Werbeplakaten (Foto via yaplog)

»I am an Islamist, I am the Antichrist«, schreit ein verschwitzter, halbnackter Pakistani ins Mikrofon. Der Bassist neben ihm trägt Iro und die islamische Mondsichel auf dem T-Shirt. Und vor der Band, die ebenerdig mit ihrem Publikum spielt, schubst sich ein Burka tragendes Mannsweib den Weg in den Moshpit frei. Es ist der Sommer 2007 und der Schauplatz ein kleiner, dunkler Kellerclub in Chicago. Die Decke ist niedrig, die Anlage überfordert und der Sound beschissen, doch das Publikum hat Spaß. Etwas abseits der Pogotänzer steht eine Gruppe junger Muslimas, die mit ihren verschleierten Köpfen im Takt nicken. Die Band nennt sich The Kominas, das bedeutet »Bastard« oder »Mensch von niedriger Geburt« in der pakistanischen Nationalsprache Urdu. Und der Song, auf den alle abfeiern heißt »Sharia Law in the U.S.A.«.

Diese Szene ist in Omar Majeeds Dokumentarfilm »Taqwacore: The Birth of Punk Islam« zu sehen – und nein, die Band fordert darin nicht die Einführung der Scharia auf dem amerikanischen Kontinent. Der Song spielt auf »Anarchy in the U.K.« von den Sex Pistols an. Die störten 1977 die Feierlichkeiten zum silbernen Amtsjubiläum von Queen Elisabeth II., marschierten mit Hakenkreuz-Emblem durch London und verunsicherten die britische Gesellschaft auf eine Weise, die seitdem oft nacherzählt, bewundert und verklärt wurde, aber in ihrer Intensität niemals wiederholbar schien. 30 Jahre später zeigt sich nun: Das Provokationspotential des frühen Punk ist wiederholbar. Man muss nur seinen Zeichen und Reizwörter aktualisieren: Islamisierung des Westens statt Zerfall des britischen Empires, Burka statt Hakenkreuz, »Scharia« statt »Anarchie«.

Video: Zur Erinnerung – die Sex Pistols waren hässlich, laut und gruselig, auch wenn Sie heute bei Madame Tussauds zu sehen sind

I. Der Autor Michael Muhammad Knight

Omar Majeeds Film zeichnet die seltsame Karriere des Schriftstellers Michael Muhammad Knight nach – jenes Mannes, der als Crossdresser in der Burka zum »Scharia«-Song Pogo tanzt und als Malcolm McLaren des »Punk Islam«, als dessen kreatives Mastermind, gelten kann. Michael Knight wurde 1977 geboren, dem Jahr, in dem Punk zum öffentlichen Ärgernis wurde. Michael bekommt allerdings andere Probleme mit auf den Weg: Sein paranoider Vater, den er später als Schläger, Rassist und christlichen Apokalyptiker beschreibt, ist mit Frau und Kind auf der Flucht vor dem Teufel.

Unterwegs durch das Hinterland der amerikanischen Ostküste lebt die Familie in Hütten und Wohnwagen – bis die Mutter mit ihrem Sohn ausreißt. Sie will ein geregeltes Leben, zieht in eine Kleinstadt und schickt Michael auf eine katholische Schule. Der rebelliert. Als Teenager hört Michael Knight Musik von Public Enemy und schreibt dem inhaftierten Charles Manson, um sich mit ihm über amerikanische Kultur auszutauschen. (Manson antwortet, doch es wird keine Brieffreundschaft daraus.) Schließlich entdeckt der junge Knight die Autobiografie von Malcolm X, die gerade in der Verfilmung von Spike Lee in die Kinos gebracht wird. Was Malcolm X über seine Pilgerfahrt nach Mekka berichtet, beeindruckt Knight. Er besorgt sich Bücher über islamische Geschichte und Theologie aus der Kleinstadtbibliothek, reist als 17-Jähriger zur Faisal-Moschee, die mit Geldern aus Saudi-Arabien im pakistanischen Islamabad errichtet wurde – und kehrt als übereifriger Konvertit in die Vereinigten Staaten zurück.

»Alles was ich vom Islam und von der islamischen Kultur wusste, stammte aus Büchern von konservativen Gelehrten«, schreibt Knight später über diese Zeit: »Ich glaubte, dass alle Muslime fünfmal täglich beten, alle muslimischen Frauen den Hijab tragen und der Islam das Lebenszentrum eines jeden Gläubigen darstellt. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass es halbherzige Muslime geben könnte, so wie die Familie meiner Mutter aus halbherzigen Katholiken bestand.« Mit seiner neuen Glaubensstrenge quält Knight sich und andere, eckt in der Schule und in der Universität an. Zu denen, die sich noch mit ihm abgeben, zählen Punks – dabei trinkt Knight noch nicht mal Bier. Irgendwann nach dem 11. September 2001 geht es nicht mehr. Knight ist so weit, den Islam wieder aufzugeben. So zumindest erzählt er es selbst im Dokumentarfilm »The Birth of Punk Islam« sowie »Blue-Eyed Devil« und »Impossible Man«, zwei von insgesamt acht Büchern, mit denen Michael Muhammad Knight in den letzten zehn Jahren in den Vereinigten Staaten Aufmerksamkeit erregte. Das wichtigste davon ist sein Debütroman »The Taqwacores«, der unter dem Titel »Taqwacore« jetzt auf Deutsch erscheint und eigentlich seinen Bruch mit dem Islam besiegeln sollte.

Abb.: Michael Muhammad Knight liest im UT Connewitz in Leipzig, am 15. März 2012 (CC-Foto via flickr/UT Connewitz)

II. Der Roman: »Taqwacore«

»Taqwacore« ist ein utopischer, oder genauer, ein heterotopischer Roman, der von einem temporären Raum berichtet, in dem vertraute soziale Regeln außer Kraft gesetzt werden. Der Erzähler Yusef Ali, ein frommer Sohn pakistanischer Einwanderer, kommt zum Maschinenbaustudium in eine abgehalfterte Industriestadt in der Provinz, dahin, wo Amerika am langweiligsten ist. Um nicht durch ungläubige Kommilitonen in Versuchung geführt zu werden, mietet er sich in einer islamischen Wohngemeinschaft ein. Was er nicht ahnen kann: Es handelt sich um eine islamische Punk-WG, in der unentwegt Musik dröhnt, die womöglich nicht ganz halal ist (etwa Propaghandis »Fuck Religion«). Es wird gemischtgeschlechtlich gebetet, getrunken und gefeiert, Schwule gehen ein und aus und die gängigen Koranauslegungen auch sonst sehr zweitrangig. Taqwacores nennen sich die Bewohner des Hauses, nach dem arabischen Wort für Gottesfurcht, die ihnen eine innere Angelegenheiten ist und sich nicht in Äußerlichkeiten niederschlägt.

Das islamische Punkhaus legt Autor Michael Muhammad Knight als doppelte Metapher an. Einerseits steht es für die geografische und kulturelle Vielfalt des Islams: Hier leben Schiiten, Sunniten und Sufisten, Menschen mit pakistanischem, sudanesischem und indonesischem Hintergrund auf engstem Raum zusammen – und alle legen den Koran unterschiedlich streng aus. Zugleich bildet das Haus die musikalische, modische und ideologische Vielfalt jener Subkulturen ab, die Michael Muhammad Knight dem Punk zuordnet. Ein Rude Boy, ein Riot Grrrl und ein Straight Edger wohnen hier, ein Pop-Punker mit Vorliebe für kalifornische Skateboardfahrerbands und ein britischer Working-Class-Purist. Das allein bietet schon erhebliches Konfliktpotential: »Als jamaikanischer Fundamentalist hasste Rude Dawud den kommerziellen amerikanischen Punk-Ska der zweiten Generation«, heißt es in dem Roman. »Rabeya wiederum fand ungefähr die Hälfte der Punk-Rock-Songs, die die anderen spielten, frauenfeindlich und patriarchalisch.«

Die Bewohner des Hauses müssen ihre widersprüchlichen Identitäten aus Islam und Punk kontinuierlich mit sich selbst aushandeln – mit der Enthaltsamkeit der Straight-Edge-Szene mag der Islam vereinbar sein, aber gilt das auch für Riot-Grrrl-Feminismus? Gleichzeitig gilt es, sich mit den religiösen und subkulturellen Lebensentwürfen der Mitbewohner zu arrangieren. Was alle verbindet, ist ihre Hässlichkeit. Diese, sagt Cheftheoretiker Jengahir, sei die einzige verbindliche Definition von Punk: Punks sind hässliche Menschen und stolz drauf. Analog zu dieser Definition sind Taqwacores »hässliche Muslime«. Man muss keinen Iro tragen, um Taqwacore zu sein – der Begriff gilt für alle Gläubigen mit Schönheitsfehlern: Hundebesitzer und Biertrinker, Frauen, die sich nicht verantwortlich fühlen, wenn Männer beim Anblick ihrer unverhüllten Haare schlüpfrige Gedanken bekommen, oder Jugendliche, die gerne Salamipizza essen (nicht, wie es irrtümlich in der deutschen Übersetzung heißt, »Pizza mit Peperoni«). In der Welt des Romans gibt es eine lange Tradition dieser »hässlichen« islamischen Gegenkultur: Knight erzählt von muslimischen Pulp-Fiction-Autoren, sufistischen Beatniks und eben der islamischen Punkrockszene mit fiktiven Bands wie Osama’s Tunnel Diggers und Songtiteln wie »Our Holy Prophet Fingered His Six-Year-Old Bride In Her Dirty Asshole«.

Video: Ausschnitt aus Omar Majeeds Dokumentarfilm »Taqwacore«. Ab Zählerstand 1:11 spielen The Kominas »Sharia Law in the U.S.A.«

III. On the Road: »The Birth of Punk Islam«

So unwahrscheinlich wie seine Geschichte ist auch der Erfolg des Romans. Im Jahr 2003, so erzählt Michael Muhammad Knight, verteilte er handkopierte Ausdrucke seines Buches auf dem Parkplatz vor einer Moschee und unter Punkerfreunden. Dann nimmt »Alternative Tentacles«, der Mailorder von Jello Biafra (Ex-Dead Kennedys), den Roman ins Programm. Ein Jahr später erscheint im anarchistischen Autonomedia-Verlag die erste gedruckte Auflage, bald darauf eine Lizenzausgabe in Großbritannien.

In England wird Knights Roman damit beworben, dass er im muslimischen Malaysia beschlagnahmt worden sei. Doch auch die britische Ausgabe wird zensiert: Nach den gewalttätigen Ausschreitungen, mit denen Muslime Anfang 2006 auf die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung »Jyllands-Posten« reagierten, ist den Verlegern jeder Hinweis auf das Sexleben des Propheten zu heikel. Sie lassen entsprechende Stellen des Buches, wie den Songtitel »Our Holy Prophet…« streichen. Mit Michael Knight wird ein Kompromiss vereinbart: Alle Stellen, in denen Wörter gestrichen wurden, sind in der britischen Ausgabe durch Sternchen markiert – der Autor sorgt dafür, dass diese Stellen auf der Internetseite von Autonomedia freizugänglich nachzulesen sind. (Die deutsche Übersetzung basiert auf der unzensierten amerikanischen Ausgabe.)

Es dauert nicht lange und Michael Muhammad Knight bekommt Briefe von Lesern, die sich mit den »hässlichen Muslime« identifizieren können. Er bleibt als Außenseiter zwischen den Kulturen nicht allein. Manche Leser gründen – inspiriert durch »Taqwacore« – Punkbands mit islamischen Referenzen: The Kominas gehören dazu, oder auch Vote Hezbollah, die sich nach einer fiktiven Gruppe im Roman benennen. 2007 kauft Michael Knight einen alten Schulbus und lackiert ihn grün, in der Farbe des Islam. Zusammen mit Vote Hezbollah, The Kominas und einigen anderen Punkbands, in denen Kinder muslimischer Einwanderer spielen, geht er auf Amerikatournee. Als Journalisten Knight nach der Idee dieser Subkultur fragen, antwortet er: Taqwacore bedeute, im »Kampf der Kulturen« den Mittelfinger in beide Richtungen zu strecken.

Abb.: Samuel P. Huntington auf dem World Economic Forum in Davos, am 25 Januar 2004 (CC-Foto von Peter Lauth via flickr/weforum.org/swiss-image.ch)

IV. Der Kontext: »Kampf der Kulturen«

Samuel P. Huntingtons Buch über den »Kampf der Kulturen«, das spätestens nach dem 11. September 2001 zum internationalen Bestseller avancierte, ist das Werk eines Geostrategen, keine empirische Sozialwissenschaft – das bestritt auch sein inzwischen verstorbener Autor nicht. »Kulturen« oder »Zivilisationen« interessierten Huntington nicht als die dynamischen Prozesse des Lernens und Werdens, des Unterscheidens und Angleichens, von denen der Soziologe Norbert Elias einst schrieb, sondern nur als einigermaßen stabile Kategorien kollektiver Identität. Nach 1989, schrieb Huntington, sei anders als noch im Kalten Krieg nicht mehr die Frage nach der politischen Überzeugung relevant: »Wo stehst Du?« Stattdessen müsse man nach der kulturellen Identität fragen: »Wer bist Du?«. Die Frage »Wo stehst Du?« konnte man mit »Dazwischen« beantworten. Viele Künstler und Intellektuelle auf beiden Seiten des Atlantiks taten das. Sie kritisierten die Verbrechen des Stalinismus und der Sowjetunion, hielten aber auch zum amerikanischen Patriotismus eine skeptische Distanz. Wer die Frage stellt »Wer bist Du?« schließt solche differenzierten Positionierungen aus. »Wer bist Du?« kann man nicht mit »Dazwischen« beantworten. An eine transformative Kraft von Globalisierung und Popkultur glaubte Huntington nicht: auch ein Cola trinkender Terrorist in Bluejeans sei immer noch ein Terrorist.

Im Windschatten der Huntington’schen Theorie – egal auf welcher Seite des Kulturkampfes man sich wähnt – geht es um ein »ganz oder gar nicht«. Das Ziel dieses Diskurses sind nicht Annäherungen oder inhaltlicher Austausch, sondern symbolische Bekenntnissen. Die Exzesse aller beteiligten Seiten sind charakteristisch: Koran verbrennen, Lanzmann-Film verhindern, Sarrazin recyclen. »Taqwacore« differenziert das Bild vom Islam, das polemische Pro-Westler auf der einen und konservative Imame auf der anderer Seite verbreiten, indem es die »halbherzigen« oder »hässlichen« Muslime sichtbar macht. Zudem beansprucht es durch die Verwendung der scheinbar unvereinbaren Symbole im »Kampf der Kulturen« ein »Dazwischen« für sich, dass es laut den Einpeitschern beider Seiten nicht geben dürfte. »Taqwacore« ist als Roman und Geisteshaltung deshalb so erfrischend, weil es sich den Prämissen der kulturkämpferischen Diskussion und dem binären Bekenntniszwang verweigert. Wenn der Kulturkämpfer fragt: »Wer bist Du?«, ist »Fuck you!« nicht die schlechteste Antwort.

Video: 2010, rund ein Jahr vor der Erfindung des SlutWalks, flaniert das Duo NiqaBitch medienwirksam durch Paris.

V. Kulturkampfbekämpfer: Michael Knight, Princess Hijab, Niqabitches

Michael Muhammad Knight war natürlich längst nicht der Einzige, der sich dem normativen Rahmen dieses Diskurses verweigerte – nicht schweigend, sondern schreiend. Vergleichbare Aktionen mit pop-affiner Ästhetik waren in Frankreich während der Diskussion um das Burkaverbot zu beobachten. In der Pariser Metro »verschleierte« eine Künstlerin unter dem Namen Princess Hijab die Gesichter und Körperteile von Models auf Werbeplakaten mit schwarzer Farbe. Ihre Street Art las sich wie ein Kommentar auf die paranoiden Züge der Überfremdungsdebatte und entlarvte den schrillen Ton der Islamkritiker. Westliche Kulturkämpfer, die Princess Hijab die Befürwortung des »islamistischen Tugendterrors« vorwarfen, weil sie sich dessen Symbole aneigne, müssten wohl auch Sid Vicious von den Sex Pistols wegen seines Hakenkreuz-T-Shirts für einen Nationalsozialisten halten.

Vor allem ignorierten sie, dass Princess Hijab die Forderung, Frauen sollten ihre Reize bedecken, eher karikierte als unterstützte. In ihren Bildern sah man wiederholt verschleierte Köpfe, aber nackte Armen und Schultern. Eine Werbetafel bemalte sie so knapp, dass dem weiblichen Model noch eine nackte Pobacke aus dem Schleier ragte und auch gegen Penisse, die sich in den Unterhosen männlicher Dolce & Gabbana-Models abzeichneten, hatte Princess Hijab nichts – ihre Arbeiten verstören Islamkritiker, aber sie sind schwerlich Kunst, die sich radikale Imame ins Wartezimmer hängen. Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Duo NiqaBitch, das in einem YouTube-Video in stark gekürztem Ganzkörperschleier, Hot Pants und High Heels durch Paris läuft. In einer schriftlichen Erklärung richtete NiqaBitch seinen Protest vornehmlich gegen die Kontrolle der öffentlichen Kleiderordnung durch die französische Politik. Doch die Künstlerinnen taten dies nicht um den Preis, die Kontrolle der Kleiderordnung durch die Religion zu befürworten. In ihrem Video läuft ein Track der Beastie Boys: »If you don’t like it then hey, fuck you!« Den Mittelfinger in beide Richtungen strecken – das ist auch ihr Programm.

Michael Muhammad Knight provozierte konservative Muslime auf seiner Taqwacore-Tour, als die beteiligten Bands auf einer offenen Kleinkunstbühne während der Jahreskonferenz der Islamic Society of North America (ISNA) auftraten – alles voran die Frauenband Secret Trial Five. Ihr Auftritt ist in Omar Majeeds Dokumentarfilm festgehalten: Als Sängerin Sena Hussain ins Mikro zu schreien beginnt, sind im Publikum Gesichtsausdrücke blanken Entsetzens, dann auch ungläubiger Begeisterung zu sehen. Die Zuhörer hatten noch keine Ahnung, dass eine offen lesbische Sängerin vor ihnen stand, da riefen die ISNA-Veranstalter schon die Polizei, um die Bühne zu räumen. Weiblicher Gesang und Tanz, so die Veranstalter, seien auf der Konferenz ausdrücklich verboten.  Zugleich widersetzte sich Knight der Vereinnahmung durch westliche Kulturkämpfer, indem er im Tourbus die »Stars and Stripes« auslegte – wer mit ihm über seine Kritik an konservativen Islamauslegungen sprechen wollte, musste zuvor die amerikanische Nationalfahne mit Füßen treten.

Video: Der Trailer zum Spielfilm »The Taqwacores« (2012), den ich wenig überzeugend finde

VI. Es war einmal: »The Taqwacores«

Die vorerst letzte Episode der Geschichte von Taqwacore war die Verfilmung des Romans durch Eyad Zahra unter dem Titel »The Taqwacores« im Jahr 2010. Den Ikonoklasmus des Buches setzt der Regisseur durch den Dreh in einem echten muslimischen Punkhaus visuell um: Rabeya, die feministische und vollverschleierte Punkhausbewohnerin, verwandelt ihre Burka mit Aufnähern und einem »Dyke«-Button von einer Uniform in einen Ausdruck von Individualität. Auf dem WG-Kühlschrank hängt ein Bild des Ayatollah Chomeini, doch dahinter lagert nur amerikanisches Light Beer – das wässrig und nahezu geschmacksneutral ist, aber trotzdem verboten in der Islamischen Republik Iran.

Was jedoch kürzer kommt, ist die Idee des »Dazwischen«, die hinter solchen Provokationen steckt. Taqwacore ist hier eher so etwas wie eine Freakshow. Michael Muhammad Knight wiederum zweifelte bereits einige Monate nach der Tournee daran, ob laute und missverständliche Provokationen das beste Gegengift im »Kampf der Kulturen« seien. Doch sein Roman war in der Welt, inzwischen auch in französischen und italienischen Übersetzungen, und Knight fuhr damit fort, seine spirituelle Sinnsuche in neuen, oft autobiographischeren Texten offenherzig zu dokumentieren. Diesseits des Atlantiks ist von Princess Hijab und NiqaBitch nichts mehr zu hören, jenseits hat sich das Interesse, über Taqwacore zu sprechen, merklich erschöpft.

Zum Beispiel bei Sena Hussain, deren Gesang auf der ISNA-Konferenz 2007 zum Eklat geführt hatte. »We’re not taqwacore, leave us alone, leave us alone«, singt sie in einem neuen Song ihrer Band Secret Trial Five. Taqwacore, das Label, das Grenzen sprengen sollte, war selbst beengend geworden. Hussains Texte sind mit ihren Verweisen auf Guantanamo Bay und den Nahen Osten politisch und anti-rassistisch, aber nicht merklich religiös motiviert – dass sie von weißen Journalisten nicht unter dem Schlagwort »Punk Islam« verbucht werden will, ist ebenso verständlich, wie ihr Betonung, Secret Trial Five sei keine Erfindung von Michael Muhammad Knight. Ob ihre Band auch außerhalb des Taqwacore-Kontextes relevant ist, darf jedoch bezweifelt werden. »Supporting Israel is so fucked«, heißt es in »BDS«, einem weiteren neuen Song: »Fuck that racist, zionist shit!« Statt von der Bereitschaft, den Mittelfinger in beide Richtungen zu zeigen, zeugt »BDS« von der Bereitschaft, sich für eine reichlich bequeme und analytisch unterkomplexe Haltung von Gleichgesinnten auf die Schulter klopfen zu lassen. The Kominas haben sich nie offiziell von Taqwacore losgesagt, lassen aber ebenfalls lieber ihre Songs für sich sprechen. Ihre Website enthält aber neben dem kostenlosen Download ihres Ende 2011 veröffentlichten Albums »Kominas« keine aktuellen Informationen. Die MySpace-Seite von Vote Hezbollah liegt derweil seit über einem Jahr brach. Interviewanfragen an alle drei Bands blieben unbeantwortet. Auch die Sex Pistols haben nicht viel länger durchgehalten. Ihr Mythos nährt sich heute davon, dass ihre Auftritte und Eskapaden – ebenso wie die der Taqwacores – in Büchern, Filmen und Medienberichten umfassend dokumentiert wurden.

Abb.: Basim Usmani, Bassist von The Kominas, bei einem Konzert in Oakland, 2009 (CC-Foto von Dasini/flickr)

VII. …und jetzt?

Braucht es Taqwacore überhaupt noch? In den Thilo-Sarrazin-Jahren haben anti-migrantische und anti-islamische Ressentiments in Deutschland sicher nicht abgenommen. Doch die andauernden arabischen Revolutionen rütteln an den klischierten Bildern und Frontverläufen im »Kampf der Kulturen« stärker, als es zwei Dutzend muslimischen Punker je hätte gelingen können. Westliche Kulturkämpfer behaupten, in Tunesien und Ägypten hätten nur die Islamisten gewonnen – doch die inspirierenden Bilder von verschleierten und unverschleierten Frauen und Männern, die gemeinsam, selbstbewusst und unnachgiebig für ihre Rechte kämpfen, sind so schnell nicht aus den Köpfen zu kriegen. Und selbst wenn der Beitrag des tunesischen Rappers El Général zur Revolution überschätzt sein sollte, wie Tobi Müller in Spex #336 schrieb, so erzwingt seine Präsenz in amerikanischen und deutschen Medien doch einen Wandel der kulturkämpferischen Klischees über die Rückständigkeit der »Araber« und »Muslime«. El Générals libanesische Kollegin Malikah, die sich gleichzeitig als selbstbewusste Frau und gläubige Muslima inszeniert, beansprucht ein kulturelles »Dazwischen« ganz ohne Mittelfinger. Solche Künstler gibt es nicht erst jetzt – doch langsam werden sie auch im Westen gesehen. Was Michael Muhammad Knights Literaturdebüt angeht: Selbst wenn es sich als diskursive Intervention erschöpft haben sollte – auch als profaner Punk-Roman, der hart, schnell, rotzig und geradeaus erzählt, macht »Taqwacore« viel Spaß.

/// Taqwacore (Roman). Aus dem amerikanischen Englisch von Yamin von Rauch. Berlin: Rogner & Bernhard, 2012. 306 Seiten, 19,95 Euro.

/// Taqwacore: The Birth of Punk Islam (Dokumentarfilm). Regie: Omar Majeed, 2009. DVD als US-Import. Anfragen über taqwacore.com.

/// The Taqwacores (Spielfilm). Regie: Eyad Zahra (2010). DVD als US-Import. Anfragen über rummani.com.

Dieser Text erschien erstmals und mit leichten Variationen unter dem Titel »Zuhause bei den Burka-Bitches. Taqwacore von Michael Muhammad Knight« in Spex – Magazin für Popkultur, Ausgabe #337 (März/April 2012), S. 54-61, inkl. »›Ich habe damit nichts mehr zu tun.‹ Interview mit Michael Muhammad Knight«.

6 Kommentare zu „Kulturkampfbekämpfer. Über den Roman »Taqwacore« von Michael Muhammad Knight (und die Street Art von Princess Hijab & NiqaBitch)“

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