Kann »quirky« Indie politisch sein? Eine Frage anlässlich Miranda Julys Interviewbuch »Es findet dich«

Abb. 1: Buch auf Bodendielen

Die Künstlerin und Filmemacherin Miranda July hat für ihr Interviewbuch »Es findet dich« zehn Frauen und Männer getroffen, die in einem amerikanischen Anzeigenblättchen An- und Verkaufsinserate schalten, um mit ihnen über ihr Leben zu sprechen. Das ist keine Idee mit Exklusivitätsanspruch (Sarah Kuttner hat etwas ganz ähnliches gemacht), doch sie funktioniert sehr gut.

Hinter der alten Lederjacke oder den Ochsenfrosch-Kaulquappen, die für wenige Dollar zum Verkauf stehen, verbergen sich Menschen, denen Miranda July im zersiedelten Los Angeles unter anderen Umständen wohl nie begegnet wäre. Sie spricht mit Frauen und Männern, die ihre »Mitbürger« sind (sorry, hier herrschen noch die Nachwirkungen des Gauck’schen Pathos), aber ganz weit weg von Julys weißem, privilegiertem Künstlerleben.

»Es findet dich« hätte als naives, harmlos menschelndes und süß aufgeschriebenes Experiment ausgehen können. Doch es ist mehr als das, nämlich die Untersuchung, was man wohl entdeckt, wenn man die bequemen sozialen Bahnen verlässt – und eine Stadt und ihre Bewohner neu kennenlernt (immer noch Pathos, Pardon, es ist Sonntag). Ich habe dieses Buch jedenfalls als ein durchaus politisches lesen, obwohl nicht ein einziges Mal die Worte »Gentrification«, »Digital Divide« oder auch nur »Macht« genannt werden.

Mehr zu Miranda Julys »Es findet dich« in meiner Rezension auf Spiegel Online.

Miranda Julys Stil kann man guten Gewissens als »quirky« bezeichnen. Dieser Begriff, der etwa mit »versponnen« übersetzt werden kann, ist in englischsprachigen Texten in den letzten Jahren häufiger gefallen, um eine ästhetische Verschiebung im sogenannten »Indie«-Kulturschaffen (Musik, Literatur, Film, Mode, … ) zu beschreiben. Einen kurzen, skizzenhaften Einführungstext hat die Medienwissenschaftlerin Alisa Perren 2008 anlässlich der Oscar-Nominierung des von Diablo Cody geschriebenen Films »Juno« verfasst: »From Cynicism to Sentimentality – The Rise of the Quirky Indie«. (Einen ausführlicheren Essays legte James MacDowell mit seinen »Notes on Quirky« vor, &c.)

Abb. 2: »Juno«-Trailer

Alisa Perren schreibt über »Juno«, dass dieser und einige andere der zentralen »Indie«-Filme in den 00er Jahren (anders als noch in den 90ern) nicht mehr cool, abgeklärt und zynisch, sondern idealistisch und optimistisch seien – sie nennt das »quirky«. Perren spekuliert darüber, ob der Erfolg eines Filmes wie »Juno« mit dem Erfolg eines (damals noch nicht als Präsident amtierenden) Politikers wie Barack Obama zusammenhängt:

I am inclined to think that some of Juno’s appeal springs from the coming-of-age of a new generation along with a more widespread desire to just stop with the cynicism.

Es geht also um mehr als nur einen einzelnen Film. Einem Kanon des »quirky« wären auch viele Arbeiten von Miranda July zuzurechnen, ein Paradebeispiel für diese Ästhetik sind außerdem die Songs und Musikvideos von Darwin Deez. Der Kritiker Mark Greif nennt im »Hipster«-Buch zudem die Romane und Zeitschriften Dave Eggers (»A Heartbreaking Work of Staggering Genius«, »The Believer«), die Filme von Wes Anderson (»Rushmore«, »The Royal Tenenbaums«) und die Songs von The Flaming Lips und Bell and Sebastian. Greif urteilt, dies seien

Kunstwerke […], die sich an der alten binären Opposition von Wissen vs. Naivität, erwachsener Reife vs. Welt der Kindheit abarbeiten – wobei diese Filme und Texte auf eine radikale, ja schwindelerregende Weise zwischen diesen Polen oszillieren. […] Wir erleben eine Ironie ohne Sarkasmus, ohne Bitterkeit und ohne kritischen Impetus.

Damit ist der zentrale Vorwurf linker Kritiker an »quirky« Kunst formuliert, nämlich dass diese unkritisch und die ihr zu Grunde liegende Geisteshaltung die des Rückzugs aus der Politik und dem öffentlichen Raum sei. »Quirky« ist demnach soetwas wie ein ästhetisches Cocooning, apolitisch und passiv.

Neben dem akuten Problem, wie »quirky« abzugrenzen ist (eine unscharfe Definition würde wohl von Cosima von Bonin bis Hello Kitty reichen) wäre die Frage, ob diese Verweigerungshaltung, so sie mit subkultureller Vernetzung einhergeht, nicht doch »politisch« ist – und eine Verweigerung gegenüber dem neoliberalen Leistungsethos und »neuen Geist des Kapitalismus«. (Hierzu sollte man in den Texten des kürzlich verstorbenen Kritiker Martin Büsser fündig werden, etwa in seinen Büchern über »Antifolk« und »Emo«.)

Wenn wir »quirky« und »cool« als zwei Ästhetiken, die womöglich paradigmatisch für zwei Jahrzehnte sind, gegeneinander aufstellen, wäre es jedenfalls zu leicht, die eine »apolitisch« und die andere »politisch« zu nennen.

Hinzu kommt, dass in den Jahren nach der Perren’schen Definition und dem Greif’schen Verdikt einige Kulturschaffende aus dem »quirky« Kanon durchaus einen »kritischen Impetus« und politische Intentionen offenbarten. Allen voran Dave Eggers, der neben seinem Verlag McSweeney’s (in dem auch die englische Orginalausgabe von »Es findet dich« erschienen ist) am Aufbau mehrerer gemeinnütziger Organisationen beteiligt ist (826 Tutoring, Voice of Witness, … ) und auch in seiner schriftstellerischen Arbeit politische Themen aufgreift – etwa in seinen biografischen Büchern »Weit gegangen« über einen Flüchtling aus dem Sudan und »Zeitoun« über einen Katrina-Überlebenden.

Miranda Julys »Es findet dich« ist in seiner Intention wohl weniger explizit politisch, passt aber zu diesen Beobachtungen. Und vielleicht haben wir inzwischen sogar den propagandistischen Exzess des politischen »quirky« erlebt, die ganze Grausamkeit einer kindlich-naiven Weltsicht, den Imperialismus im plüschigem Gewand: Jason Russels »Kony 2012«.

3 Kommentare zu „Kann »quirky« Indie politisch sein? Eine Frage anlässlich Miranda Julys Interviewbuch »Es findet dich«“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s