„Das Knurren der Panzer im Frühling“: Keine Rezension, sondern ein Brief an den Autor (& der antwortete jetzt im Kommentarfeld)

Abb. 1: Sebastian Christ (Jhg. 1981) ist Reporter, Afghanistanreisender, Buchautor

Lieber Sebastian,

vor mir liegt „Das Knurren der Panzer im Frühling“, die Sammlung Deiner Aufzeichnungen aus einem deutschen Krieg. In den vergangenen anderthalb oder zwei Jahren haben wir uns immer wieder über Deine Reisen nach Afghanistan unterhalten – und einmal auch über die Absagen, die Du für Deine auf eigene Faust recherchierten und unkonventionell erzählten Kriegsreportagen von mehreren Zeitschriften bekommen hast. (Ich nehme an, dass sich die verantwortlichen Redakteure vor Wut über ihre Fehlentscheidung inzwischen die Schneidezähne an der Schreibtischkante ausgebissen haben – liebe Praktikanten deutscher Großverlage: Sucht nach den Spuren!)

Jetzt ist Dein Buch erschienen, Du hast vor Bundeswehr-Soldaten und in Berliner Altbauwohnungen daraus gelesen und sogar die erste unfaire Amazon-Bewertung bekommen – herzlichen Glückwunsch!

Ich freue mich, dass sich langsam auch die „echten“, ernsteren Rezensionen mehren, im Deutschlandradio und anderswo. „Das Knurren der Panzer im Frühling“ ist ein Buch, das wahrgenommen und diskutiert werden sollte. Ich habe es gerne gelesen, mich aber dagegen entschieden, eine Rezension zu schreiben. Stattdessen hatte ich Dir angeboten, eine Rückmeldung per E-Mail zu schicken. Du fragtest daraufhin, ob ich meine Anmerkungen nicht bloggen könne – deshalb blogge ich jetzt ungefähr das, was ich sonst Dir persönlich geschrieben hätte. Das mag ein fauler Kompromiss sein, weil es einer Rezension nahe kommt, die ich doch aus Befangenheit vermeiden wollte. Aber: Sollte sich außer Dir noch jemand bemüßigt fühlen, das Folgende zu lesen, so ist jetzt offengelegt, dass es mit Vorsicht zu genießen ist. Ich bin noch voreingenommener als sonst.

Jetzt aber los: „Das Knurren der Panzer im Frühling“ enthält Eindrücke und Aufzeichnungen Deiner Besuche in den deutschen Feldlagern in Afghanistan. Drei Mal bist Du zwischen Februar 2010 und März 2011 für mehrere Wochen zum Recherchieren unter anderem nach Kabul und Kunduz, Faizabad und Mazar-e-Sharif gereist. Dabei warst Du von der Infrastruktur und damit auch von der Unterstützung und dem Wohlwollen der Bundeswehr abhängig, wie Du im Anhang Deines Buches offenlegst. Du warst „embedded“, so ähnlich wie die amerikanischen Journalisten bei der Irak-Invasion (und wahrscheinlich unzählige Kriegsberichterstatter vor ihnen).

„Embedded“, diesen Begriff kannte ich bisher vor allem, weil er als eine Chiffre für miese Berichterstattung und Propaganda verwendet wird. Ich halte Dein Buch für das Gegenteil: guten Journalismus.

Es wäre möglich, „Das Knurren der Panzer im Frühling“ zu kritisieren, so wie man wohl jeden Text eines „embedded journalist“ kritisieren kann: als zu dicht an den Menschen und Maschinen der einrückenden Streitkräfte und Besatzer verharrend, als die Vorkriegszeit und das Gros der zivilen Opfer ignorierend, als komplexe Realitäten nur durch den Ausguck des Panzers betrachtend – letzteres eine Kritik, die bildlich durch eines der Fotos von Britta Radike im Innenteil Deines Buches vorweggenommen wird, das einen Bergpass bei Faizabad durch den Sichtschlitz eines Bundeswehr-Fahrzeugs zeigt. Das wäre sozusagen die pazifistische Kritik, der man entgegnen könnte, dass „Das Knurren der Panzer im Frühling“ eben eher ein Buch über Deutschland als über Afghanistan ist, eher ein Buch über Deutschland im Krieg als über den Afghanistankrieg.

Die militaristische Kritik hat einer Deiner Leser in der bereits erwähnten Amazon-Bewertung vorgenommen, der sich darüber echauffiert, dass Du in Deinem Buch von einer „Schussweste“ und nicht im korrekten, euphemistischen Bundeswehrsprech von einer „Schutzweste“ schreibst – was der engagierte Sprachwart prompt als ein schlechtes „Ohmen“ (sic!) empfindet und schreibt:

„Sebastian Christ ist einer dieser jungen Reporter die an einer deutschen Universität für Geisteswissenschaften ihre ideologische Gutmensch Indoktrination erhielten.“ (sick!)

Ich teile die Dir unterstellten Sozialisationserfahrungen (Uni, Geisteswissenschaften und stolz drauf) und bin der Meinung, dass ein Kleidungsstück, das Menschen tragen, weil auf sie geschossen wird, ruhig „Schussweste“ genannt werden darf. Bei „Schutzwesten“ denke ich an diese orangefarbenen Plastikdinger mit Klettverschluss und Reflektorenstreifen – die sind auch sehr praktisch, aber in ganz anderen Situationen.

(So ähnlich wie Deine leuchtende Multifunktions-Winterjacke, die aus dem Farbspektrum Afghanistans hervorstach und damit nur den Heckenschützen der Taliban half – eine Erkenntnis, die Dich erst nach einem Gefecht ereilte und deren Schilderung zu den stärksten Deines Buchs gehört, weil sie so eindringlich zeigt, wie unvorstellbar und unerwartbar die Realität des Krieges für uns ist, die wir uns in unseren Jack-Wolfskin-Jacken sonst nur durch den Berliner ÖPNV bewegen.)

Im Kern hat der Amazon-Rezensent allerdings recht: Du kommst aus Frankenberg in Nordhessen, genau wie die ersten in diesem Krieg getöteten deutschen Soldaten. Du hast, wie Du schreibst, selbst den Wehrdienst abgeleistet – im Jahr jenes 11. Septembers, der den Anlass für die „asymmetrische Kriegsführung“ mit deutscher Beteiligung gab. Doch diese Nähe zur Bundeswehr und zum Krieg scheint eher eine gefühlte Nähe zu sein. Durch die deutschen Feldlager in Afghanistan reist Du als Außenseiter.

Du kommst an als Außenseiter, Du beobachtest als Außenseiter, sprichst mit den Soldaten als Außenseiter und gehst als Außenseiter. Das macht Dein Buch aber nicht schwächer, sondern stärker.

Über einen Krieg zu sprechen ist in einer Demokratie eben nicht nur die Sache von Militärs. Und „embedded“ bedeutet manchmal etwas anderes als „in bed with“. Zum Glück. Der amerikanische Reporter (und spätere Schriftsteller) Tom Wolfe beschrieb seinen Recherchestil einmal sinngemäß als den eines Marsmännchens: lieber als Außenseiter auftreten, auffallen und dumme Fragen stellen, als nicht auffallen, angepasst sein, dafür am Ende aber nur die halbe Geschichte im Notizblock stehen haben. Du magst Tom Wolfe und hast Dich mit dem amerikanischen „New Journalism“ von Wolfe und anderen Reportern beschäftigt – das merkt man Deinem Buch an.

Zwei Dinge schätze ich besonders am Stil von „Das Knurren der Panzer im Frühling“ und die sind nicht sehr weit entfernt von dem, was einige Texte des „New Journalism“ so toll macht: wie subjektiv Du erzählst und wie fragmentarisch. Im literarischen Schreiben hat sich – brutal verallgemeinernd gesprochen – ja längst die Ansicht durchgesetzt, dass es irgendwie unseriös ist, die Zeit, in der wir leben, in schönen, großen Bögen zu bündeln, Geschichten mit Anfang, Mittelteil und Schluss zu erzählen.

Der (deutsche) Journalismus hinkt scheinbar hinterher. Hier hält sich ein allwissender Erzähler, der große Zusammenhänge auf wenigen Seiten erklärt und dabei schöne, geschlossene, kohärente Geschichten schreibt.

Manchmal scheint das den Preis zu haben, dass ein Journalist der Wahrheit nicht näher kommt, wenn er so tut, als wäre er nicht Teil der Geschichte, die er schreibt, sondern eine unsichtbare Kamera, die frei durch die Gegend schwebt, sich an die Menschen heran- und sogar in ihre Köpfe hineinzoomen kann.

Das ist immer fragwürdig, aber wohl insbesondere, wenn es um das Schreiben über einen Krieg geht. Der Schriftsteller Jonathan Littell, der den beeindruckenden Weltkriegs-Roman „Die Wohlgesinnten“ schrieb und selbst Kriege im zerfallenden Jugoslawien und in Tschetschenien erlebte, sagte in einem Interview, dass die Zeit im Krieg „eine vollkommen andere Dimension annimmt“. Sie sei nicht mehr so portionierbar und planbar wie in unserem Alltag. Littell bezog sich damit nicht ausschließlich auf Gefechtssituationen, sondern meinte auch die scheinbar unaufregenden Momente: „Wenn es in Sarajewo plötzlich kein Geräusch gibt, wird der Himmel, wird die Stille gegenwärtig, und die Zeit wandelt sich.“ Du schreibst als Journalist „literarisch“, aber nicht im Sinne eines allwissenden Erzählers, sondern eher im Sinne von Littells Bemerkung, aus der folgt, dass man über Kriege nur subjektiv erzählen kann.

Du schilderst Deine Angst, Zweifel, Ignoranz, Langeweile: subjektive Gefühle und Haltungen, die mehr über den Afghanistankrieg zu verraten scheinen, als es „allwissende“ Erklärungsversuche könnten.

Du versuchst, Momente einzufangen, vergleichbar mit jenem, „wenn es in Sarajewo plötzlich kein Geräusch gibt“. Ich finde bemerkenswert, welche dieser Momente, welche Details und scheinbare Nebensächlichkeiten Du aufspürst und stellvertretend für das „große Ganze“ dieses Krieges thematisierst. Zum Beispiel in Deinem tragikomischen Kapitel „Die internationale Schutztruppe baut in der Wüste“. Du schilderst ein Gespräch mit einem jungen Sergeant, der eine amerikanische Satellitenschüssel auf einem deutschen Stabsgebäude installieren soll und dabei wochenlang zwischen den Ansprüchen und Arbeitsstilen der deutschen und amerikanischen Militärbürokratie keinen Konsens herstellen kann – wie soll da eine gemeinsame Befriedung Afghanistans gelingen?

Drei Dinge haben mich beim Lesen Deines Buches allerdings gestört. Zum Einen wäre da Deine bedingungslose Liebe zur Metapher.

Manche Deiner Sprachbilder sitzen und sind sehr suggestiv. Zum Beispiel:

Der Sand in Afghanistan wurde vom Teufel persönlich gesiebt. Er ist fein, setzt sich in jede Pore, durchdringt Lüftungen, frisst sich in technischen Geräten fest; er […] rasselt in den Bronchien wie Kohlenstaub in den Lungen der Bergleute.

Im ersten Satz klingt Deine Erzählstimme so, wie ein Drehbuchautor Humphrey Bogart sprechen lassen würde: düster pathetisch, aber cool und unbeeindruckt. Dann schreibst Du auf einen Klimax zu, beschreibst den Sand, der in die Körper dringt und sie von innen wund reibt. Unheimlich. Spätestens wenn ich das Rasseln in den Lungen höre, scheint klar: Wie die Bergleute in der längst überwunden geglaubten Zeit der großindustriellen Schinder, werden deutsche Soldaten in Afghanistan verschlissen. Die Bundeswehr kann ihre Leute nicht vor dem afghanischen Sand schützen – nicht mal vor dem Sand! Das Pathetische ist sicher Geschmackssache, aber Deinem Absatz gelingt eine Kritik an der Entscheidung, deutsche Soldaten nach Afghanistan zu schicken, ohne dass ein einziges politisches Wort geschrieben worden wäre.

Doch leider geht es mir oft genau andersherum: Die Sprachbilder verstärken nicht Deine Geschichte, sondern werfen mich aus dem Erzählfluss.

Zum Beispiel hier: „Die Dörfer krabbelten wie flinke Raupen auf die Flanken des Gebirges.“ Hä? Krabbeln Raupen flink? Ich dachte, sie fressen nimmersatt alles in sich hinein und sind dann fett und träge. Und was bitte sind flink krabbelnde Dörfer? An einer anderen Stelle schreibst Du, das Blut der Soldaten sei „unsichtbar […] wie Zaubertinte“ – aha, und wenn man es über eine Kerze hält, kann man dann lesen, was da geschrieben steht?

Oder: Das Feldlager in Faizabad ist „so leer wie ein Warenhaus nach dem Schlussverkauf“. Gibt’s Schlussverkauf überhaupt noch? Und Warenhäuser? Und wieso ähnelt das Feldlager geplünderten Grabbeltischen formlos fleischfarbener Büstenhalter für die Ü50-Hausfrau? Zusammen mit den frisch gepressten Briketts, von denen anderswo die Rede ist, klingt das leer gefegte Warenhaus auch nicht mehr nach Gegenwart, sondern nach Wirtschaftswunderzeit in der westdeutschen Provinz. Womit wir beim zweiten Problem von „Das Knurren der Panzer im Frühling“ wären: Frankenberg in Hessen.

Dein Buch verrät Dich: Du magst nicht nur Humphrey Bogart und Tom Wolfe, sondern – was gut in diese Reihe passt – auch Ernest Hemingway.

Du magst ihn so sehr, dass Du „Das Knurren der Panzer im Frühling“ der Struktur der frühen Kurzgeschichten-Sammlung „In Our Time“ (1925) des Nobelpreisträgers nachempfunden hast. In „In Our Time“ gibt es Kurzgeschichten über das Leben in Amerika, zwischen denen Hemingway sehr kurze, kursiv gesetzte Vignetten einstreut, die man auch hintereinanderweg lesen kann und die sich, wenn ich mich gerade recht erinnere, zu einer Erzählung von Kampfhandlungen aus dem Ersten Weltkrieg zusammenfügen.

Bei Dir werden die Kurzgeschichten aus dem Krieg (die zugleich journalistische Texte sind) ebenfalls unterbrochen von kürzeren und etwas längeren, kursiv gesetzten Vignetten über das Leben in Deutschland und vor allem im hessischen Frankenberg, wo Du den Wehrdienst abgeleistet hast und Deiner Beschreibung nach ein kollektives Trauma herrscht, weil die ersten toten Soldaten des Afghanistankrieges Söhne dieser Stadt waren. Du hast also Hemingways Struktur übernommen und umgekehrt. Das ist klug und gewagt. Es ist wohl eine besondere Eigenschaft des Afghanistankrieges, dass man ihn sehr leicht vergessen kann, wenn man in Deutschland lebt und hier mit Büroarbeit, Glühweintrinken und Weihnachtseinkäufen beschäftigt ist, mit business as usual also.

Wie viele Frauen und Männer liegen gerade in Feldlagern in Afghanistan? Ich weiß es nicht. Wie viele wurden bisher getötet und schwer verletzt? Nicht einmal das könnte ich auf Anhieb und mit Gewissheit sagen.

Ich fürchte, ich bin mit meiner Ahnungslosigkeit nicht allein. Das unterscheidet Afghanistan von früheren deutschen und erst recht von „totalen“ Kriegen – und deshalb kann man über diesen Krieg nicht sinnvoll schreiben, wenn man das Unwissen der Bevölkerung, das wohl zu einem guten Teil einem Desinteresse geschuldet ist, nicht ebenfalls thematisiert. Deshalb finde ich Deinen Ansatz klug. Gewagt ist er, weil Du mit den sich zwangsweise ergebenden Kontrasten zwischen Afghanistan (im Krieg) und Deutschland (im Frieden… oder auch Krieg?) stellenweise auf einem ähnlich schmalen Grat wandelst, wie mit Deiner Metaphernfreudigkeit.

Einmal schreibst Du über Mazar-e-Sharif (unter Bundeswehrsoldaten genannt MES mit scharfem S), das Luftkreuz der alliierten Truppen. Von hier geht es weiter in die gefährlichen Provinzen Afghanistans, nach Faizabad und Kunduz. Deine kurze Afghanistannotiz endet mit dem Satz „Von Kabul aus musste man über MES fliegen, bevor man im Dreck landete.“ Dann blättert man um und es geht weiter in Deutschland: „Die Eder ist ein stilles Gewässer.“ Und: „Ich erinnere mich an das größte Volksfest der Region, den Pfingstmarkt.“

Wow. Kontrast. Von dem Harten, Kargen, Dreckigen werde ich urplötzlich und brutal in eine seichte, pastorale und schön spießige Schilderung der nordhessischen Provinz geworfen.

Kann man machen. Ich bin aber nicht sicher, ob das Zusammenspiel aus Deutschland- und Afghanistanschilderungen an solchen Stellen wirklich gut funktioniert. Mir hätte, glaube ich, auch besser gefallen, wenn Du formal strenger gewesen wärst und die Vignetten aus Deutschland so kurz und chronologisch gehalten hättest wie Hemingway in „In Our Time“. Stattdessen variieren die deutschen Orte (Frankenberg, Berlin), Zeiten (2011, 2001) und Textlängen (von einigen Sätzen bis zu mehrere Seiten). Das bringt Unruhe in Dein Buch, das an seinen besten Stellen doch ganz klar und ruhig ist.

Das ist alles Genörgel auf ziemlich hohem Niveau, klar. Wirklich geärgert hat mich etwas anderes, Drittes. Ich zitiere nochmals:

Suchen Sie sich ein ruhiges Plätzchen. Sie können dieses Buch in einem Rutsch lesen oder sich immer wieder eine halbe Stunde Zeit nehmen, um ein wenig Fährte zu wittern. Sie müssen nicht aufgewühlt oder empört sein, damit die Texte wirken. Schaden kann das freilich nicht. (…) Falls Sie gewisse Ortsangaben nicht verstehen, dann ist das nicht weiter schlimm: Scheuen Sie sich nicht, das Buch kurz zur Seite zu legen, um im Internet nachzuschauen. Vielleicht finden Sie bei der Gelegenheit auch ein paar historische Fakten zu diesem Land. Nehmen Sie sich die Zeit, lesen Sie!

Oha, dachte ich, als ich das las, Margot Käßmann war auch schon mal fitter. Dann entdeckte ich, dass gar nicht sie Dein Vorwort geschrieben hat (doofe Fehlannahme, vielleicht dem christlichen Verlag geschuldet, der „Das Knurren der Panzer im Frühling“ veröffentlichte), sondern Du selbst! Ein Promibonus als Verkaufsargument wäre eine taktische Rechtfertigung gewesen, diese moralisierenden, bevormundenden, peinlichen Zeilen nicht aus dem Buch zu entfernen. Warum Du sie geschrieben hast, ist mir rätselhaft. Hältst Du Deine Leser für blöd?

Fehlt nur noch, dass Du schreibst: „Kochen Sie sich zur Lektüre meines Buches einen schönen Tee – ich persönlich mag Kamille – und wickeln Sie sich in eine flauschige Decke ein. Aber trinken sie ja nicht zuviel Tee, denn sonst müssen Sie zu oft unterbrechen um aufs Klo zu gehen.“ Soweit gehst Du nicht, empfiehlst Deinen Lesern aber, „aufmerksam“ die Titel Deiner Geschichten zu lesen. Das klingt, als wolltest Du nicht nur Autor dieses Buches sein, sondern zugleich der Deutschlehrer, der es für seine Schüler ungenießbar macht.

Klar, man kann das einfach überblättern. Im restlichen Buch kommen solche Leserbelehrungen kaum noch vor.

Aber ich hätte nach Deinem Vorwort wohl nicht weiter gelesen, wenn ich nicht den begründeten Verdacht gehabt hätte, dass es danach deutlich besser wird. Das wäre ein Verlust gewesen, denn Dein Buch hat mich lange beschäftigt, beschäftigt mich immer noch und wird mich wohl noch länger beschäftigen. Es war insofern eine der anregenderen Lektüren des ausklingenden Jahres 2011. Du bist ein mutiger Autor, im doppelten Sinne – ein mutiger Rechercheur, der an Orte geht, die andere meiden, und ein mutiger Schreiber, der (wenn nicht im engeren Sinne neue, so doch zumindest:) ungewöhnliche Dinge ausprobiert. Ich bilde mir ein, durch „Das Knurren der Panzer im Frühling“ etwas über den Afghanistankrieg gelernt zu haben. Und ich würde mir wünschen, dass Dein Buch Diskussionen über journalistisches Erzählen anstößt oder ihnen neuen Anschwung gibt.

Die Fragen nach Stil und Erzählerposition sind nach meinem Empfinden in den vergangenen Jahren etwas verschattet worden von wirtschaftlichen oder technischen Debatten, die sofort ausbrechen, wenn jemand „Qualitätsjournalismus“ sagt – dabei sind sie mindestens genauso wichtig. Auch deshalb halte ich „Das Knurren der Panzer im Frühling“ für ein gutes und relevantes Buch.

Dieser Brief ist länger und stellenweise polemischer geworden als geplant (das spricht beides dafür, einen kürzenden Redakteur im Nacken zu haben). Wenn Du bis hierher durchgehalten hast: Danke für Deine Geduld. Danke auch für das Buch, das Du mir geschickt hast.

Und herzliche Grüße, Oskar

6 Kommentare zu „„Das Knurren der Panzer im Frühling“: Keine Rezension, sondern ein Brief an den Autor (& der antwortete jetzt im Kommentarfeld)“

  1. bester Oskar,
    ich widerspreche ich dir in deinem dritten Punkt. Denn ein Krieg der von 19, vielleicht 21-jährigen gekämpft wird, der darf in seiner Beschreibung durch einen 30-jährigen durchaus belehrend sein. Zumal im Klappentext. Nicht? (Vielleicht schreibe ich das auch nur, weil ich gerade selbst wagte ein Buch zu veröffentlichen das die letzten 15 Seiten verwendet den Leser zu belehren?)

    herzlichen Gruß,
    Claudius

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