Was die Bildungselite interessiert: n+1-Essays über quantitative Komparatistik und Rappen lernen

Über die New Yorker Kulturzeitschrift n+1 höre ich immer mal wieder den Vorwurf, es handele sich bei den Autor(inn)en um eine Ivy-League-Bildungselite, die unter sich bleibt und an das Lesen als die einzig wahre Form der Wissensaneignung glaubt.

Der Vorwurf ist nicht völlig unberechtigt. Beim Blättern in „Ein Schritt weiter“, der Suhrkamp-Anthologie mit Essays aus den ersten n+1-Ausgaben, findet man Sätze wie diesen:

In Stanford habe ich einmal mit angehört, wie zwei meiner Kommilitoninnen bei einer Fachbereichsparty mit Drinks in den Händen über [Franco] Morettis Sprechstundenzeiten debattierten.

Äh, wie bitte? Zur Orientierung: Es geht hier um einen Literaturtheoretiker und Befürworter einer quantitativen Komparatistik, der in Fachkreisen auffällt, in großen Teilen der Welt aber schlicht unbekannt sein dürfte.

Geschrieben hat den Fachschaftspartysatz Elif Batuman, Autorin von „Die Besessenen“, einem autobiografischen Buch über „Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern“.

Nichts für ungut, aber ich muss irgendwie an „Fick die Uni“ denken, einen Track, in dem die Rapper Panik, Koljah, NMZS und Danger Dan (alias Antilopengang) im vergangenen Jahr über akademische Selbstbezogenheit lästerten, einen kleinen YouTube-Hit erzielten und vielen aus der Seele zu sprechen schienen:

[Ihr] schreibt Texte über Texte und lest Bücher über Bücher und zu allem Überfluss lest ihr Bücher über Bücher und schreibt Texte über Texte – wie unkreativ. Merkt ihr nicht, dass außer euch kein Mensch so etwas liest?

(Hier kann man den Track anhören, hier kostenlos runterladen)

Immerhin, der populistische Reflex („Wir sind die 99%! Langweilige Rumsteher auf Stanford-Fachschaftspartys können uns mal!“) legt sich, sobald man in die neueste Sammlung mit n+1-Texten schaut und dort Themen findet, die einen deutlich größeren Teil der Menschen auf diesen Planeten betreffen dürften: es geht in den Essays um Tanzvideos auf YouTube, den Reiz von Barely-Legal-Pornos – und die Schwierigkeit, ordentlich Rappen zu lernen.

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