Heäring to English lyrics… Über Musikjournalisten, die Songtexte falsch zitieren. Aus aktuellem Anlass & eigener Erfahrung. [Aktualisiert]

[Aktualisierung 6. Oktober]: Christian Lehner antwortet in den Kommentaren. Eine etwas umfangreichere Version seines angesprochenen Das-Racist-Artikels findet sich online beim Musikexpress und ist jetzt hier und in meinem Blogposting verlinkt.

Kann man Songs lieben, deren Lyrics man nicht kapiert? Klar kann man! Man kann sogar Bücher darüber schreiben. Kann man auch als Journalist, der in der Öffentlichkeit über Musik schreibt, Songs feiern, deren Lyrics man nicht kapiert? Auch das kommt vor. Leider. Eines meiner Lieblingslieder in diesem Jahr ist »Radar Detector« von Darwin Deez und obwohl Deez im Refrain ziemlich deutlich (und ziemlich oft!) »you are a radar detector« singt, habe ich diese Zeile in der Spex einst mit »you are my radar detector« transkribiert. Autsch! Das ist zwar kein sinnentstellender Fehler, denn Darwin Deez könnte in dem Song genauso gut »my« singen wie »a«, aber peinlich ist mir das trotzdem.*

Ich fühle also mit Christian Lehner, der im aktuellen Musikexpress die HipHopper Das Racist vorstellt und ihren Mini-Hit »Combination Pizza Hut and Taco Bell« völlig falsch zitiert. In dem kurzen Artikel heißt es:

Über einen staubtrockenen Beat wiederholen Das Racist in geringfügigen Variationen den Satz „I like the Pizza Hut, I like the Taco Bell, I like the combination Pizza Hut and Taco Bell!“

Okay. Der nächste Satz hätte dem Autoren beim Niederschreiben aber selbst komisch vorkommen müssen:

Blogger schärmen von der auf den Punkt gerappten Konsumkritik.

Watt? Spinnen die mal wieder, die Blogger? Wo ist denn die pointierte Konsumkritik in der zitierten Textzeile? Liegt die Kritik in dem Wort »like« versteckt, also darin, dass Das Racist den »combination Pizza Hut and Taco Bell« nicht wie andere Fast-Food-Unternehmen »loven«, sondern auf die nächstkleinere Gefühlsbekundung zurückgreifen? Oder sind es die »geringfügigen Variationen«, welche die Konsumkritik des Textes ausmachen? (Aber dann müsste der »Burger Dance« von DJ Ötzi die Hymne aller Konsumkritiker sein.)

Des Rätsels Lösung ist, dass Das Racist nicht »I like the Pizza Hut« rappen, sondern »I‚m at the Pizza Hut«. So erklärt sich auch, warum dieser Rapzeile das »What?« eines zweiten Rappers folgt, woraufhin der erste irritierend antwortet »I‚m at the Taco Bell« und nach einem erneuten »What?« aufklärt: »I‚m at the combination Pizza Hut and Taco Bell«. Danach folgt der gleiche Dialog mit vertauschten Rollen. Die Schlüsselzeilen fallen später: »Where you at?« und »I don’t see you here!«

So erklärt sich auch die Konsumkritik, die einige Blogger in dem Track entdeckten: Wir müssen uns beim Hören von »Combination Pizza Hut and Taco Bell« zwei Freunde vorstellen, die völlig überfordert in ihre Mobiltelefone schreien, weil sie verabredet sind, sich am vereinbarten Treffpunkt aber nicht finden können. Sie sind nicht »Lost in the Supermarket« wie einst The Clash, dafür aber verloren in einer überkomplexen Imbissbude, einer Art Food Court im New Yorker Stadtteil Queens.

Davon erzählt das Lied und deshalb kann man es als konsumkritisch interpretieren, denn wie sehr nerven uns nicht die Leute, die sich unentwegt und lauthals ihre Position zutelefonieren (»Digger, ich bin grad Landungsbrücken… Was?… In der S-Bah-ha-n!«), während das Gefühl zugleich vertraut ist: Verloren in der Mobilfunk-Hölle. Verloren in der Fast-Food-Hölle. Verloren auf den Nebenkriegsschauplätzen des sogenannten Spätkapitalismus.

Dass Das Racist den Alltagshass mit Slapstick abfedern; dass es also trotz alldem Spaß macht, diesen Song zu hören; das ist es, was »Combination Pizza Hut and Taco Bell« so großartig macht. Würde ich sagen. Aber mich überzeugte auch, als Richard Bell neulich schrieb, Kritiker konzentrierten sich bei HipHop zu stark auf die Lyrics und vernachlässigten darüber die Musik. Man kann »Combination Pizza Hut and Taco Bell« natürlich auch wegen der Beats lieben, wegen des huckeligen Flows, wegen der Gameboy-Sounds zum Finale, wegen des Dada-Appeals, oder, oder, oder.

Dennoch: Wenn Songtext-Exegese, dann geile, bitte. Das sind wir als Journalisten, die in der Öffentlichkeit über Musik schreiben, unseren immer weniger werdenden loyalen Lesern schuldig.

*In der gleichen Ausgabe erschien ein Text über MEN, der scheinbar ebenfalls falsch zitiert, nämlich »I’m gonna fuck my friends to get a little tiny baby«, während in dem Musikvideo, das die Zweitveröffentlichung des Textes auf spex.de begleitet, nur »I’m gonna fuck my best« gesungen wird. Zu meiner Verteidigung: Der Song im Video ist gekürzt, die von mir aufgegriffene Zeile fällt im Originalsong bei Minute 4:50. Die Formulierung »my friends« erschien mir leichter verständlich als »my best«, deshalb habe ich sie ausgewählt.

2 Kommentare zu „Heäring to English lyrics… Über Musikjournalisten, die Songtexte falsch zitieren. Aus aktuellem Anlass & eigener Erfahrung. [Aktualisiert]“

  1. hallo oskar,

    christian hier, der urheber des ‚das racist‘ textes im aktuellen musikexpress.

    völlig korrekt! über dem atlantik wurde aus „i am“, „i like“ (keine ahnung wie, hab das teil seit es herausgekommen ist bei mir auf der festplatte schwirren, tut mir auch leid, das hätte nicht passieren dürfen).

    allerdings hat das nichts mit der zuschreibung der konsumkritik zu tun. den nächsten satz hat nämlich das lektorat gestrichen: „beide fast food ketten gehören einer dachfirma“. hier wird also scheinkonkurrenz durch mehrere auswahlmöglichkeiten simuliert – wir kennen das ja von der waschmittelwerbung. das aufzuzeigen und zwar so richtig dada-mäßig, war das ansinnen von das racist, das haben sie mir auch im interview so gesagt – in their own words.

    tx für den hinweis, ich mag das sehr, wenn texte tatsächlich immer noch aufmerksam gelesen werden.

    christian

    p.s. mein kleiner cousin hat aus „sweet dreams“ von den eurythmics „sweet cheese“ getextet. auch nicht schlecht – oder?

  2. Ich wuerde sogar sagen: sweet royal with cheese!

    Danke fuer Deinen kommentar, das kritiksportlichnehmen

    und alles Gute,
    o.

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