Untote, 1932–1968: Die Entwicklung des Zombiefilms von Halperins »White Zombie« bis Romeros »Night of the Living Dead«

»White Zombie«: Der komplette Film auf YouTube

Wenn im akademischen Milieu von Zombiefilmen die Rede ist (zuletzt etwa in der Juni/Juli-Ausgabe der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung), dann reicht der Blick selten hinter das Jahr 1968 und die Veröffentlichung von George A. Romeros »Night of the Living Dead« zurück. Dabei ist mindestens aus historischen Gründen interessant, was in den 35 Jahren zuvor passierte und wie radikal sich die Genreformel des Zombiefilms in dieser Zeit wandelte. Exemplarisch zeigt sich das im Vergleich von »Night of the Living Dead« mit Victor Halperins »White Zombie« aus dem Jahr 1932.

»White Zombie« erinnert an klassische Gruselgeschichten, inklusive traditioneller Dramaturgie und Happy End. Ein junges, weißes, amerikanisches Paar – Neil und Madeleine – kommen nach Haiti um dort zu heiraten. Ihr Gastgeber, ein gewisser Beaumont, ist Madeleine verfallen und versucht die Hochzeit aufzuhalten um die Braut für sich zu gewinnen. Dazu schmiedet er einen Pakt mit dem Teufel, bzw. dem teuflischen Legendre, einem weißen Plantagenbetreiber, der Zombies als untote Sklaven für sich schuften lässt. Legendre verwandelt mit Hilfe eines Voodoo-Rituals Madeleine in den namensgebenden »White Zombie«. Viel zu spät erkennt Beaumont angesichts der seelenlosen Madeleine die Ausmaße seines Verbrechens und bittet Legendre, sie wieder lebendig zu machen. Dieser lehnt ab und vergiftet Beaumont, der zum Höhepunkt des Films, als Neil mit Hilfe eines Missionars aufbricht, Madeleine zu retten, sich samt Legendre von einer Klippe stürzt. Happy End, denn: Mit dem Tod des weißen Voodoo-Meisters ist auch sein Fluch gebrochen. Die Schuld des in seiner Leidenschaft zum Verbrecher gewordenen Beaumont wurde durch sein Selbstopfer gesühnt, die Liebenden wieder vereint und auch der Missionar darf triumphieren, ist doch die Macht des Heidentums nach Legendres Tod gebrochen oder zumindest geschwächt.

So banal diese Geschichte klingen mag, so interessant ist der Film, der sie illustriert. »White Zombie« gilt als der erste abendfüllende Zombiefilm, der sich noch stark von den Werken George A. Romeros unterscheidet. Beginnend mit »Night of the Living Dead« (1968) haben Romeros apokalyptische und gerne als sozialkritisch interpretierten Filme voller kannibalistischer Untoter die Regeln des Zombiegenres weitgehend festgelegt. (Ironie: In »Night of the Living Dead« ist gar nicht von »Zombies« die Rede, sondern immer nur von »Ghouls«, was der Übersetzungdienst LEO mit »Leichenfledderer« oder »leichenschändendes Monster« übersetzt.)

Abb.: Legendre (rechts, gespielt von Béla Lugosi) samt Zombie-Sklaven (Fotos via wrongsideoftheart.com)

Die Zombies rekrutieren sich bei Romero aus der weißen Mittelschicht und wanken durch das amerikanische Heartland. Die erste Einstellung von »Night of the Living Dead« zeigt etwa eine Landstraße irgendwo an der Ostküste, mit amerikanischen Straßenschildern, amerikanischem Straßenkreuzer und, da die Welt noch in Ordnung und der erste Zombie noch fern ist, mit wehender amerikanischer Nationalflagge. Erklärt werden die sich epidemisch ausbreitenden Zombies später durch eine verstrahlte Materialprobe, die ein Satellit vom Planeten Uranus auf die Erde holte. Seit diese eingetroffen ist, wollen die Toten nicht mehr ruhen, sondern menschliches Fleisch essen. In bester Beck’scher Tradition und somit kompatibel für soziologische Interpretationen, schafft sich die Risikogesellschaft in der Zweiten Moderne hier selbst ab. Dass sich zudem Hinweise auf die Krise der Kleinfamilie, den Generationenkonflikt und Rassenanspannungen in dem Film entdecken lassen, macht ihn umso dankbarer für die Verwertung im akademischen Betrieb.

Ganz anders geht es in »White Zombie« zu. Die nukleare Bedrohung, die später auch Eidechsen zu Killer-Dinosauriern (»Godzilla«) und Streber zu Superhelden (»Spiderman«) mutieren lassen wird, tritt im real-existierenden Amerika als Thema erst in den 1940ern auf; der »Organization Man«, der willenlos wie ein Zombie seinem Dienst nachgeht, ist eine soziologische Erzählung der 1950er Jahre; und der Vietnamkrieg, der oft als Inspiration für den neueren Zombiefilm genannt wird, wird für die Amerikaner erst in den 1960er Jahren zum Thema. In den 1930ern ist der Zombie also noch nicht in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft angekommen, sondern tritt in der exotisierten Randlage von Haiti auf. In der ersten Einstellung von »White Zombie«, noch vor Titel und Credits, sehen wir eine Gruppe afrikanischstämmiger Haitianer in tiefster Nacht, es ist nicht ganz klar was sie machen, aber die tribalistisch anmutenden Trommeln und Gesänge lassen den frommen Christenmenschen vermuten: Es kann nichts Gutes sein.

(Den eurozentrischen und kolonialen Blick auf Haiti verhehlt der Film kaum: Als »our West Indies« bezeichnet der Protagonist Neil zu Beginn von »White Zombie« die Insel, die von den Amerikanern ganz im Sinne der Monroe Doctrine 1915 besetzt worden war – rund hundert Jahre nach Haitis Unabhängigkeitserklärung von Frankreich.)

Abb.: Zombie-Madeleine (Madge Bellamy) mit Legendre und Beaumont. (Fotos via wrongsideoftheart.com)

Kritiker monierten an dem Film in den Dreißiger Jahren der Überlieferung nach die unrealistische Geschichte und das übertriebene Schauspiel. Auch heute noch wirken die Darsteller (allesamt alte Stummfilm-Ikonen) übermäßig statisch und dramatisch, die Kamera betont in Close-Ups Augen, Hände und Schatten, so dass man fast Zwischentitel statt gesprochener Dialoge erwartet. Dennoch wird der Ton in »White Zombie« von den ersten Trommeln und Gesängen an geschickt eingesetzt. Auch im weiteren Verkauf des Filmes klappern irgendwo in der Ferne immer die bedrohlichen Totentrommeln, während die Mühle in einer Zuckerrohrfabrik, die von lebenden Toten beackert wird, ächzt und stöhnt wie die Seelen der Geschundenen.

Ähnlich wie das Schauspiel zwischen Stumm- und Tonfilm verharrt, bleibt auch die als Haiti benannte Location letztlich geografisch unbestimmt, weil während des Drehs Kulissenreste früherer Gruselfilme verwendet wurden, die in ganz anderen Breitengraden angesiedelt waren. Das Grauen kommt in »White Zombie« aus dem Dschungel und liegt in den heidnischen Ritualen der nach Haiti verschleppten Afrikanern begründet. Doch das Finale des Films spielt sich in einem eindeutig europäischen Spukschloss ab, mit gotischen Fenstern und kathedralenhaften Ausmaßen. Zwar kreist ein Geier (nicht Fledermäuse) über dem Geschehen und erinnert uns daran, dass wir uns nicht in Transsylvanien befinden. Dennoch deutet in den letzten zwanzig Minuten des Filmes nichts mehr auf Haiti hin.

Für heutige kulturwissenschaftliche Analysen sollte der Film eigentlich ein dankbares Objekt sein. Race, Gender, Class, all das wird in »White Zombie« verhandelt, nicht zuletzt bereits im Titel, der sich auf Madeleine als ersten weißhäutigen Zombie bezieht. Zugleich ist sie wohl der erste weibliche Zombie und entlarvt als solcher, dass Frauen als Untote wenig wert sind – Männer werden in »White Zombie« ob ihrer Arbeitskraft zu lebenden Toten gemacht, Madeleine wegen ihrer Schönheit. Diese geht aber verloren, als ihre Persönlichkeit, oder, wie es in dem Film heißt, ihre Seele, stirbt.

(In dem späteren Film »King of the Zombies« aus dem Jahr 1941 wird die Idee der Zombies als Sklaven weitergedreht: Hier stürzt ein amerikanischer Pilot über Haiti ab und entdeckt einen Wissenschaftler, der mit Voodoo die Reihen der deutschen Soldaten stärken will – Nazi-Zombies, fast 70 Jahre vor den 2009er Sundance-Hit »Dead Snow«!)

Auch das postkoloniale Werkzeug lässt sich an »White Zombie« wetzen. Es ist wohl kein Zufall, dass mit Haiti ausgerechnet die »Sklavenrepublik«, mit der die Vereinigten Staaten lange ein hoch problematisches Verhältnis hatten, als Schauplatz für diese Behandlung von Sklaverei gewählt wurde (zum Zeitpunkt des Films waren die USA bekanntlich selbst noch weit entfernt von einer Aufhebung der Rassentrennung).

Heute ist der Film gemeinfrei und unter anderem in Gänze auf YouTube verfügbar (s.o.). Der Musiker und Filmemacher Rob Zombie, der mit »House of 1000 Corpses« und »The Devil’s Rejects« selbst Horrofilme drehte und seine Heavy-Metal-Band nach »White Zombie« benannte, sagte laut Wikipedia: »[White Zombie is] a great film that not a lot of people know about…It amazes me that a film that is so readily available can be so lost.«

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