Könnte der Fall Sarrazin auch in den USA passieren? Nein, sagt Dalia Fahmy, die vermutlich Bescheid weiß

Thilo Sarrazin und die USA — Versuch einer Annäherung. (CC-Foto von Bud Spencer via Flickr)

Dalia Fahmy, amerikanische Mitarbeiterin bei der Tageszeitung Die Welt, geht in einem Artikel der Frage nach, ob die Sarrazin-, äh, Debatte so auch in den USA hätte passieren können. Ihre Antwort: Nein.

Amerikaner – zumindest diejenigen, die internationale Ereignisse verfolgen – kratzen sich am Kopf: Wie kann ein etablierter Politiker mit so einer hohen Stelle bei der Deutschen Bundesbank so viel Unsinn veröffentlichen? Und warum debattieren die Deutschen endlos darüber, ob er Recht hat oder nicht?

Womit das Thema eigentlich gegessen wäre, denn genau dieselben Fragen stellt man sich ja auch als Deutscher (wenn man den Kopf noch nicht in den Sand gesteckt hat, oder sich leidenschaftlich in Meta-Diskussionen über Meinungsfreiheit oder anstehende Korrekturen des Parteispektrums ergeht).

Dennoch lohnt es sich, Fahmys Text zu lesen, weil er auf einige interessante Unterschiede zwischen Deutschland und den USA hinweist — was die Demografie und Debattenkultur angeht. Fahmys Thesen: Amerikaner diskutieren sachorientierter, Amerikaner haben weniger Angst um ihre Kultur (die englische Sprache ausgenommen) und amerikanische Muslime bilden einen heterogeneren Bevölkerungsblock, sind wohlhabender und gebildeter — da fallen pauschale Aussagen schwerer. Gerade den letzten Punkt empfinde ich als einen wertvollen Denkanstoß. Welche Rolle spielen soziologische und wirtschaftliche Faktoren, welche kulturelle? Diese Fragen sind mit einiger Sicherheit für die Wahrheitsfindung dienlicher, als Rassenkunde für Nachgeborene.

Schade ist nur Fahmys Schlusspointe, mit der sie den Deutschen und ihren blöden Vorurteilen, die sie eben noch so eloquent angriff, zwei bis drei Schritte zu weit entgegenkommt:

Vielleicht der überzeugendste Grund, warum die Sarrazin-Debatte nie in den USA stattfinden würde: Die Amerikaner lesen keine Bücher.

Was ich, mit Verlaub, für Unsinn halte. Denn erstens möchte ich mal wissen, wer in Deutschland das Sarrazin-Buch gelesen hat, der sich jetzt in die Debatte verwickelt sieht; zweitens stammen die explosivsten Aussagen Sarrazins ja gar nicht (nur) aus dem Buch; drittens kuckt auch die Mehrheit der Deutschen lieber Fernsehen als Sachbücher zu lesen, aber das sind vielleicht einfach nicht die Leute, die lautstark Debatten führen; und viertens kann ich mir nicht vorstellen, dass ein nationaler Politiker in den USA keinen Furor auslöst, wenn er von Judengenen quatscht.*

Dennoch: Chapeau für Ihren Kommentar, Frau Fahmy!

(*dabei, full disclosure, bin ich noch nicht mal auf der Seite von John Mearsheimer und Stephen Walt, deren Israel-Lobby-These von Walter Russell Mead hübsch auseinandergepflückt wurde.)

2 Kommentare zu „Könnte der Fall Sarrazin auch in den USA passieren? Nein, sagt Dalia Fahmy, die vermutlich Bescheid weiß“

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