Die »Latte Macchiatisierung« aller politischen Diskurse, oder: Notizen zur transatlantischen Kulturgeschichte des Einwegkaffees [Up’d]

Abb. 1: Exemplarische Kaffeetrinker (Photo by SanFranAnnie, via, CC-BY-SAN)

Starbucks war das Symbol der Nullerjahre. Zahlreiche Diskussionen um die »Schöne Neue Welt, ca. 2000–2009« ließen sich mit dem Unternehmen illustrieren (und Zeitgeist-Bücher natürlich auch):

In Deutschland war da einerseits die Idee, dass man als junger Kreativer keinen festen Arbeitsplatz und kein Anstellungsverhältnis mehr bräuchte, solange nur ein Milchkaffee und WLAN-Zugang in der Nähe sind. Die »digitale Bohème« arbeitete angeblich nicht mehr im Büro, sondern im Café. Andererseits wurde der Pappbecher zum Chiffre für die Gentrifizierungs- und Privatisierungskampagnen des ehemals öffentlichen Raums. In einem Interview über Stadtaufwertungsprozesse in Hamburg sagte Christoph Schäfer:

In dem Moment, als die Leute anfingen, mit dem Pappbecher in der Hand durch die Straße zu gehen, hat sich die Art und Weise verändert, in der man die Stadt benutzt. Das hat in diesen schicken neuen Zonen etwas von einem Berechtigungsschein: Du konsumierst im öffentlichen Raum, du darfst da sein.

In Amerika galt Starbucks Konservativen derweil lange als Symbol europäisierten, effeminierten, linksliberalen, urbanen und auch sonst schlichtweg teuflischen Ostküsten-Snobbismus (nachzulesen etwa bei Thomas Frank). Trotzdem konnte sich der Macht (oder: den verlockenden Gewinn-Margen) der »Lattes« kaum ein Gastro-Unternehmen entziehen. In einem wunderbar paradoxen Schachzug führte etwa Dunkin‘ Donuts mitten im verlängerten Vorwahlkampf der Demokraten 2008 eigene »Lattes« ein.

Zu diesem Zeitpunkt gab es politische Kommentatoren, die einen Erkenntnisgewinn darin wähnten, bei der Diskussion der Demokraten Hillary-Clinton- und Barack-Obama-Wähler in »Dunkin‘ Democrats« und »Latte Liberals« zu unterscheiden. Die Einen: ehrliche Malocher, die auf dem Weg zur Arbeit bei Dunkin Donuts halten und sich einen Filterkaffee gönnen. Die Anderen: europäisierte, effeminierte, linksliberale, urbane und auch sonst schlichtweg teuflische Ostküsten-Snobs, die mit ihren Macbooks überall dort rumsitzen, wo es, s.o., Milchkaffee und WLAN gibt.

Was machte also die Konzernleitung von Dunkin‘ Donuts, die auf die umsatzsteigernden »Lattes« nicht verzichten, aber auch das bodenständige, proletarische Image nicht verzocken wollte? Sie differenzierte in ihrem Werbespot zwischen »schlechten, europäisierten (Starbucks-) Lattes« und »guten, amerikanischen (Dunkin‘ Donuts-) Lattes«:

Abb. 2: Dunkin‘ Donuts Werbespot »gute Lattes«/»schlechte Lattes«

Bei den US-Wahlen 2008 setzten sich die »Latte liberals« schließlich durch, Barack Obama wurde Präsident. Parallel hatte aber bereits die Finanzkrise ihre Auswirkungen gezeigt — Starbucks verkündete weitreichende Schließungen seiner in amerikanischen Städten omnipräsenten Filialen. Barack Obama entpuppte sich in den Augen vieler als Amerikas führender (Milch-) Schaumschläger, das Zeitgeist-Phänomen der Stunde wurde passenderweise das »Tea Party Movement« und das »Latte-Jahrzehnt« schien beendet.

Jetzt ist Starbucks zurück, zumindest in den USA und wenn nicht als Symbol, so doch als Austragungsort eines neuen politischen Kampfes. Es geht dabei um Waffenrecht: In Staaten wie Kalifornien und Wyoming dürfen Bürger Waffen bei sich tragen, aber nur, wenn diese gut sichtbar sind.

Einige Waffenrechtler finden das super (zum Beispiel der Cowboy in dem Video unten), andere empfinden es als Einschränkung (denn wieso sollte man Waffen nicht auch verdeckt tragen dürfen?), allen macht es aber offenbar großen Spaß, bewaffnet Milchkaffee zu bestellen: Die sogenannten »Open Carry«-Aktivisten verabreden sich zu Flashmobs in Starbucks-Filialen und tragen dabei ihre Pistolen bei sich, um auf ihre Anliegen, was auch immer die jetzt im Einzelnen sind, aufmerksam zu machen. Mehr Infos dazu im Bericht der New York Times, (auf Deutsch auch auf faz.net) oder hier:

Abb. 3: »Open Carry«-Aktivisten bestellen ihren Kaffee lieber bewaffnet

Wie steht es in Deutschland um die »Latte Macchiatisierung« aller verfügbaren politischen Diskuse? Ich bin da nicht auf dem aktuellen Stand, seit ich nach meiner Rückkehr aus den USA Kaffee wieder bevorzugt selbstgekocht, oder — ganz konservativ — sitzend und in Prozellan kredenzt trinke. Wer mehr weiß, möge kommentieren. Ich spendiere ein Kännchen für den besten Beitrag.

Bis dahin das Zwischenfazit: Starbucks war das Symbol der Nullerjahre. Für die Zehner fällt uns ja vielleicht noch was Neues ein.

[UPDATE 12.3.2010:] Im Zusammenhang mit jüngsten gesetzgeberischen Initiativen gegen Aufwertungsprozesse und Mietpreisexplosionen in Hamburg schreibt die taz (nord) von einem »Macchiato-Stop auf St. Pauli«. Das finden die Kollegen vom Hamburger Abendblatt (Ausgabe vom 11.3.2010) so drollig, dass sie es zitieren. Trinkt man Latte Macchiato auf St. Pauli? Ich hatte die Gentrifizierung dort eher für ein Caipirinha-Problem (das mit einem »Caipirinha-Stop« gelöst werden kann) gehalten: Seit immer schickere und kiezfernere Leute dort feiern, wird es für die eben auch interessanter dort zu wohnen.

Leonie Seifert berichtet derweil für Zeit Online über die amerikanische »Coffee Party«. Dabei, so ist ihrem Artikel zu entnehmen, handelt es sich um eine Reaktion auf die »Tea Party«. Nun ist die Dichte der Macchiato-Hasser unter den Tea-Party-Leuten wahrscheinlich sehr hoch (s.o.), aber der Name ihrer Protestbewegung gegen expansive Bürokratie und Staatsverschuldung hat natürlich wenig mit der Abgrenzung zu anderen Heißgetränketrinkern zu tun und viel mit dem Bezug auf die historische »Boston Tea Party«, die wiederum keine Partei war, sonder eher Party im Sinne von »Happening«, weswegen etwas irritiert, dass in Deutschland von der neuen »Tea Party«, die bisher auch überwiegend »Happening«-mäßig auftrat, immer wieder als (potentieller) Partei die Rede ist. Würden Konservative noch einmal dritte Parteien gründen, nachdem Ross Perot ihnen Bill Clinton eingebrockt hat? Ich würde es ihnen nicht wünschen. Die »Coffee Party« ist dagegen mal wieder ein Beleg dafür, wie toll wir Millenials mit dem Internet können und wie unglaublichpolitisch wir sind: Es handelt sich dabei um einen Witz auf Facebook.

3 Kommentare zu „Die »Latte Macchiatisierung« aller politischen Diskurse, oder: Notizen zur transatlantischen Kulturgeschichte des Einwegkaffees [Up’d]“

  1. Interessante Überlegung, wie das in Europa aussehen würde. Ich kann mir vorstellen, dass es dreierlei Kaffeetrinker gibt: Diejenigen, die aus einem eurozentristischen Konservatismus heraus Filterkaffee, bevorzugt zuhause gemacht, trinken, dann diejenigen, die aus einem linken Antiimperialismus/Antiamerikanismus heraus Starbucks boykottieren und dann die, die aus einem ähnlichen Verständnis heraus aus Solidarität mit den Kaffebauern/EZLN-Revolutionären in Chiapas politisch korrekten Kaffee trinken, bevorzugt in Studenten-WGs und in der Volksküche im selbstverwalteten Café.

    Aber Kafeetrinker und politischer Mainstream in Europa? Finde ich schwierig.

  2. Eine (oh my Gosh, womöglich noch in der Empirie fußende!) Typologie des Koffeinhaltigeheißgetränkeverzehrs in Deutschland ist auch ein Projekt, das in einem so aus der Hüfte gefeuerten Blog-Posting (inkl. Tippfehlern in der Überschrift) wohl nicht zu bewältigen wäre. (Mich fasziniert/amüsiert erstmal vor allem die scheinbare Omnipräsenz des Pappbechers, wenn über Fragen der Lebensführung in den Nuller-/Zehnerjahren verhandelt wird.)

  3. Zumal es mir auch so scheint, als ob Starbucks-Konsum (und Konsum bei den hierzulande präsenteren Starbucks-Me-Too-Konzernen) in Deutschland stärker eine Generationenfrage ist als in den USA, wo nicht nur Studis und Laptop-Schnösel mit Pappbechern rumlaufen, sondern auch Leute, deren Schicht- und Altersgenossen hierzulande lieber über den Verlust der Kaffeehauskultur schimpfen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s