Nazi-Vergleiche, 1968: Schriftsteller Gore Vidal und Publizist William F. Buckley vergessen ihre guten Manieren — vor laufender Kamera.

Aus aktuellem Anlass, (erstens, zweitens) ein Exkurs zur Geschichte des Nazi-Vergleichs in den USA: Einer der bekannteren Zwischenfälle dieser Art betrifft den Schriftsteller Gore Vidal und den konservativen Publizisten William F. Buckley. Während der Parteitage im Präsidentschaftswahlkampf 1968 lud der Fernsehsender ABC Vidal und Buckley (im Video zu sehen mit seinem Finger am Ohr) zu einer Reihe gemeinsamer Interviews ein. In einem dieser Gespräche ging es auch um die Legitimität der Proteste, die im Umfeld des Parteitags der Demokraten in Chicago gegen den Krieg in Vietnam stattfanden.

Der Moderator des Gesprächs, Howard K. Smith, hatte offenbar einen Einspieler gezeigt, in dem Demonstranten eine Fahne der kommunistischen Vietcong hissten (Vidal bestritt später, dass die Flagge zu sehen war, ich kenne den Einspieler leider nicht). Dies veranlasste Smith zu der Frage, ob dieser Akt nicht damit vergleichbar sei, eine Nazi-Fahne während des zweiten Weltkriegs zu hissen. Was folgte, ist ein Dialog, der im oben gezeigten Schlagabtausch gipfelt, in dem Vidal Buckley als „pro- oder Krypto-Nazi“ bezeichnet und Buckley Vidal als „Schwulen“, den er in sein „gottverdammtes Gesicht“ zu schlagen gedenke, sollten die Nazi-Vorwürfe nicht enden. (Man bedenke: das war prä-Nippelgate, als Fernsehsendungen noch live ausgestrahlt wurden.)

Doch damit nicht genug: obwohl sich Vidal und Buckley nicht mehr gemeinsam vor eine Kamera stellten, setzten beide ihren Streit publizistisch fort. Buckley veröffentlichte ein Essay namens „On Experiencing Gore Vidal“, für den er sogar erstmals Vidals Roman „Myra Breckinridge“ las, den er zuvor ungelesen als Pornografie verunglimpft hatte. Vidal verfasste ebenfalls einen längeren Text namens „A Distasteful Encounter with William F. Buckley“, woraufhin Buckley Vidal wegen übler Nachrede verklagte (es kam zu einer außergerichtlichen Einigung). Der Grund: Vidal hatte in seinem Text zwar zunächst geschrieben, dass er Buckley eigentlich als „faschistisch gesonnen“ und nicht als „pro- oder Krypto-Nazi“ zu beschimpfen gedacht hätte. Dennoch setzte er im folgenden Text die NS-Vergleiche fort, nannte Buckleys Rhetorik „Goebbels pur“ und beschrieb sein Auftreten im obigen Video als „im Aussehen und Klang Hitler nicht unähnlich, allerdings ohne dessen Charme“.

Versöhnt haben sich die beiden nicht mehr. Nach Buckleys Tod im vergangenen Jahr schrieb Vidal: „Ruhe in Frieden, William F. Buckley — in der Hölle.“ Ähnlich sieht das übrigens auch Noam Chomsky, in dessen TV-Duell mit Buckley über eine Vietnam-Diskussion ebenfalls Androhungen von Faustschlägen ausgetauscht worden waren.

(Einen längeren Clip ihres Gesprächs gibt es hier.)

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1 Kommentar zu „Nazi-Vergleiche, 1968: Schriftsteller Gore Vidal und Publizist William F. Buckley vergessen ihre guten Manieren — vor laufender Kamera.“

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