Leseliste (#12): Tod, Tod, Dummheit. Drei Artikel zum Internetstreit.

Aus der emsigen Geschäftigkeit eines Seminarraums in Berlin, in dem Studenten Studentenfutter futtern und tippen, Karten gegooglemapt und  Soundslides zusammengeflickrt werden — oder kurz:  Stipendiaten der Journalisten-Akademie Onlinejournalismus üben –, hier eine monothematische Sammlung empfehlenswerter Texten, die ich in der letzten Zeit in Onlinemedien über (Online-) Medien las*:

  • Mediensterben (1): Wer nur eine einzige Geschichte über das Verhältnis von Blogs und dem amerikanische Zeitungssterben lesen will, der lese „The Death of Journalism (Gawker Edition)“ von Ian Shapira. Alle anderen: lest diese Geschichte erst recht. Shapira ist ein Washington-Post-Reporter, der gerne Blogs liest — und der ins Nachdenken kommt, als ein Text, an dem er mehrere Tage lang gearbeitet hat, von einem Blogger auf Gawker passagenweise wiederveröffentlicht wird. Zuerst freut sich Shapira über die Aufmerksamkeit. Dann beginnt er sich zu ärgern. Immerhin konkurriert Gawker mit Shapiras Arbeitgeber um Anzeigengelder — und gefährdet ein etabliertes Medienunternehmen, ohne gleichwertige Arbeitsplätze und Recherchemöglichkeiten zu schaffen. Shapiras Fazit: „I still want a fluid blogosphere, but one where aggregators — newspapers included — are more transparent about whom they’re heavily excerpting. They should mention the original source immediately. And if bloggers want to excerpt at length, a fee would be the nice, ethical gesture.“
  • Mediensterben (2): Die amerikanischen Popmagazine Vibe und Blender wurden kürzlich eingestellt und Spin spart am Personal. Im Onlinemagazin Slate analysiert Jonah Weiner die Lage und nennt drei Thesen zum Musikmagazinsterben: Erstens, so Weiner, gebe es immer weniger Stars für immer mehr Zeitschriftentitel. Von allen Covern grinsen dieselben Typen. Das schadet (möglicherweise) dem Kioskverkauf. Zweitens: Musikmagazine haben nicht nur weniger exklusive Titelstars, sondern auch weniger exklusive Geschichten. Dass Musikjournalisten die einzigen sind, die frühzeitig auf neue Alben zugreifen, vereitelt das Internet. Dass sie Möglichkeiten für ausführliche Interviews und Reportagen bekommen, vereitelt die Musikindustrie — und wiederum die Konkurrenz mit anderen Medien. Und drittens: früher waren Musikmagazine nicht nur ein publizistisches Produkt, sondern ein Distinktionsmarker und Eintrittskarten in elitäre Szenen. Auch dieser Status sei zunehmend gefährdet, so Weiner. Gute Gedanken, die es zu diskutieren lohnt — auch wenn nicht alle Beobachtungen auch auf den deutschsprachigen Magazinmarkt übertragbar sind.
  • Verdummung: Der Journalismusprofessor Brian Cathcart stellt in einem Artikel für das Intelligent-Life-Magazin die Frage, ob Google (und GPS) unsere Allgemeinbildung killen. Wirkt vage vertraut? Jawohl. Aber Cathcart kann exzellent schreiben. Sein Text ist gespickt mit unterhaltsamen Anekdoten, die den Verdummungsverdacht nähren. Trotzdem schafft er es, im großen Finale seines Artikel *nicht* die sofortige Abschaffung des Internets zu fordern. Das soll ihm mal ein deutscher Feuilletonautor nachmachen. Oder ruhig mehr als nur einer: alle.

Und jetzt: Zurück an die Arbeit in unserem Seminar, deren Ergebnisse ich Anfang nächster Woche hier verlinken werde.

*Merke: es zählen nur zwei Dinge im Onlinejournalismus. Selbstreferenzialität und Tittenfotos. Letzteres kann ich leider nicht bieten.

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