Journalisten zwischen Öffentlichkeit und Opferinteressen: Die Winnenden-Diskussion am Tag 2 beim "Netzwerk Recherche"*

Im Gespräch über das Verhalten von Journalisten in Winnenden räumten Chefredakteure auf der „Netzwerk Recherche“-Jahreskonferenz Fehler ein. Uneinig blieben sie darüber, wie in Zukunft über Amokläufe berichtet werden soll.

Abb. 1: Nicht der Zapp-Beitrag, der gezeigt wurde — aber in vielen Punkten ähnlich.

Drei von vielen hatten sich gestellt. Drei, die sich nicht durch ihre Schuld, sondern durch ihren Mut auszeichneten, das betonte Moderator Kuno Haberbusch mehrfach während des Abschlussplenums der NR-Jahreskonferenz. Dennoch saßen Spiegel-Chef Georg Mascolo, Nicolaus Fest aus der Bild-Chefredaktion und Hans Müller-Jahns vom ARD-Boulevardmagazin Brisant auf dem Podium wie auf einer Anklagebank – und zogen daraus unterschiedliche Konsequenzen.

Eröffnet wurde die Diskussion „Geklaute Fotos, verletzte Intimsphäre – Medien ohne Moral?“ mit der Verlesung der Anklage. Ein eingespielter Beitrag aus Haberbuschs Medienmagazin Zapp listete kontroverse Entscheidungen und Fehler deutscher Journalisten bei der Berichterstattung über Winnenden auf. Eine Auswahl: Privatfotos von Opfern wurden unautorisiert auf Titelseiten veröffentlicht. Eine Überlebende wurde den Mordopfern zugerechnet, zwei gänzlich Unbeteiligte mit dem Täter verwechselt. Und Fernsehkameras kurz nach dem Amoklauf auf minderjährige Schüler gerichtet und die Bilder ungepixelt gesendet.

Hans Müller-Jahns nahm die Kritik stellvertretend für seine Zunft an und sprach von einem „Teufelskreis“, der dem Wettbewerb um Neuigkeiten geschuldet sei. Georg Mascolo wollte sich dagegen nicht auf ein Aufrechnen von Geschwindigkeit und journalistischer Qualität einlassen. „In Winnenden zu sein und auf Sendung zu sein halte ich nicht für verwerflich“, sagte der Spiegel-Chef angesichts journalistischer Live-Kommentatoren auf Twitter und im TV. „Der Punkt muss nur sein: Spekulation hat mit unserem Beruf gar nichts zu tun“, mahnte er. Nicolaus Fest stellte derweil die ganze Diskussion in Frage. „Ich halte Winnenden nicht für einen Fall, bei dem die Presse versagt hätte“, sagte er.

Als Leidtragende des Amoklaufs hatte Gisela Mayer vom „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ bereits im Rahmen eines Erzählcafés am Nachmittag ausführlicher von ihren Erfahrungen mit Journalisten berichtet. Ihre Tochter Nina war bei dem Amoklauf ermordet worden. Kurz darauf wurde ein privates Foto veröffentlicht, von dem Mayer vermutet, dass es aus einem sozialen Netzwerk stammen könnte. „Damals war es ungeheuer verletzend, dass ein Foto des Kindes ohne meine Zustimmung in der Presse erscheint“, sagte Mayer. Angehörige von Opfern seien durchaus bereit, über die Ermordeten zu sprechen, sagte Mayer – auch, um die Opfer aus der Anonymität und dem Schatten des prominenten Täters zu holen. Dafür bedürfe es aber etwas Zeit und des respektvollen Auftretens von Journalisten. Sie selbst hatte einige Tage nach dem Amoklauf einer Illustrierten ein Interview gewährt.

Im Umgang mit Betroffenen habe es bei seinem Blatt strenge Regeln gegeben, sagte Frank Nipkau von der Winnender Zeitung. Angehörige seien nicht angesprochen und Fotos von Opfern nicht veröffentlicht worden – was Fest zur Diagnose einer „standeswidrigen Verlogenheit“ motivierte. „Natürlich ist es unsere Aufgabe Informationen zu bekommen“, sagte er. Fehler seien dabei nicht immer vermeidbar. Und wenn es um private Fotos ginge, so blieben die Persönlichkeitsrechte angesichts der Schwere der Tat hinter dem legitimen Interesse der Öffentlichkeit zurück. Ein weiterer Beleg für die Rechtmäßigkeit der Bild-Berichterstattung: „Wir haben bisher kein einziges presserechtliches Verfahren bekommen.“ Mayer wehrte sich gegen diese Rechtfertigung: „Trauernde sind kurz nach der Tat ähnlich schutzlos wie Kinder.“

Am Nachmittag hatte sie zusätzlich ein Umdenken in der Berichterstattung über Täter gefordert. „Medienpräsenz ist da ein ganz starkes Motiv“, sagte sie. „Sie können sich in keinster Weise neutral verhalten“, sagte Mayer zu den anwesenden Medienvertretern. Indem man Amoktätern die Prominenz verwähre und ihre Taten als feige Morde benenne, würde potentiellen Nachahmern ein Anreiz genommen: „Das wird nicht alle Amokläufe verhindern, aber das ist ein wichtiger Faktor.“

Im Abschluss-Plenum sagte Nipkau, nach Gesprächen mit Fachkundigen würde er den Namen und das Foto eines Täters „nie wieder“ veröffentlichen. Fest lehnte solche Überlegungen ab, bedauerte aber eine Fotomontage, die in der Bildzeitung erschienen war und vom Presserat dafür gerügt wurde, dass es „den Amoktäter in einem Kampfanzug in heroischer Pose zeigt“. Noch einmal einen Täter aufs Titelbild zu nehmen wollte Georg Mascolo nicht ausschließen – zumal der Spiegeltitel „Wenn Kinder zu Killern werden“ Tim Kretschmer gerade nicht in heroischer Pose gezeigt habe.

„Dass eine Berichterstattung für die Opfer ungeheuer belastet ist völlig klar“, bilanzierte Fest, „aber das ist ein Konflikt den wir aushalten müssen.“ Entsprechend gab es auch nach der bisweilen hitzigen Diskussion keinen Konsens darüber, wie in Zukunft über Gewaltverbrechen berichtet werden sollte. „Ich bin pessimistisch, solange die wichtigste Frage in morgendlichen Redaktionskonferenzen ist: ‚Wieso haben wir das nicht gehabt?’“, sagte Presseratsmitglied Manfred Protze.

*Der Text entstand im Auftrag der Journalisten-Akademie und wird für die Dokumentation der „Netzwerk Recherche“-Jahrestagung eingereicht.

1 Kommentar zu „Journalisten zwischen Öffentlichkeit und Opferinteressen: Die Winnenden-Diskussion am Tag 2 beim "Netzwerk Recherche"*“

  1. Das Problem ist:

    Erst nach dem Geschehen entscheidet die Gesellschaft, welche Schritte falsch/unnötig/skandalös waren. Doch während des Geschehens ist dies oftmals unklar. Es gibt keine absoluten, klaren Verhaltensregeln.
    Der Journalist ist daher nur seinem Gewissen und seiner Moral unterstellt. In Zeiten von Twitter und Blogs gibt es außerdem auch keine Zwischeninstanz, keinen Chefredakteur, der vor Veröffentlichung rüberliest. Es gibt keine Diskussion.
    Wenn Twitter-Journalisten im Affekt falsch handeln, kann ich es daher EHER verstehen, als wenn dies Print-Journalisten tun. Eine Zeitung/Zeitschrift hat eine Produktionszeit, damit können sie zwangsläufig gar nicht „im Affekt“ agieren. Sie sollten – trotz des zugegeben sehr stressigen Zeitungsalltags – Zeit finden, Artikel zu diskutieren.

    Diskussion ist übrigens das Stichwort. Vielleicht ist die einzig effektive Lösung eine radikale Zwangs-Entschleunigung. Bevor eine Twitter-Nachricht abgeschickt werden kann, geht ein Fenster auf und fragt „Bist du dir sicher, dass diese Nachricht moralisch vertretbar ist?“ JA/NEIN „Ganz sicher?“ JA/NEIN „Auch in zehn Jahren?“ JA/NEIN

    Und die Druckerein verschieben die Produktion um eine Stunde, um die Chefredaktion zu fragen „Sind Sie sich sicher, dass diese Artikel moralisch vertretbar sind?“ ….

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