Was ist Camp? Wolfgang Joop hat auch keine Ahnung…

Ich habe ein Problem. Nein, kein ernstes. Ein kulturwissenschaftliches. Ich kann Trash nicht von Camp unterscheiden. Montagabend hat Stefanie Roenneke an der Uni Hamburg zum Thema „Wieviel Camp steckt in Pop[literatur]“ referiert, da dachte ich schon, ich hätte den Unterschied verstanden. Die Faustregel — beide Begriffe beschreiben popkulturelle Inszenierungen, die nicht den herrschenden ästhetischen Vorstellungen entsprechen, Trash ist dabei durch seinen Mangel an Mitteln gekennzeichnet, Camp durch seinen Überfluss — leuchtet mir ein. Selbstgedrehte Skatevideos und Punkrock sind Trash, opulent inszenierte Tanzfilme und Glam-Rock sind Camp.

Aber dass das noch keine arbeitsfähige Definition ist, merkte ich spätestens eine halbe Stunde später beim Abendessen chez Dönermann St. Pauli. Denn:

Wenn Dosenbier Trash ist, ist Dosenprosecco dann Camp? Immerhin wirbt Paris Hilton dafür. Und die ist neben Mary Schneider doch die Camp-Ikone unserer Zeit? Und was ist mit türkischen Popmusikvideos? Sie scheinen mir sehr campy zu sein, ebenso wie Bollywood, aber ist das Camp-Konzept auf nicht-westliche Kulturen überhaupt anwendbar? (Aufgepasst, Anti-Imps: Kulturimperialismusgefahr!!) Wenn nicht, dann darf man japanische Kung-Fu- und Godzilla-Filme wohl auch nicht mehr als Trash bezeichnen…

Weiterhin: Gibt es Camp-Trash-Zwitterwesen, etwa wenn Quentin Tarantino im ersten Teil von „Kill Bill“ trashige Kung-Fu-Zitate opulent campy inszeniert? Gibt es Graustufen? Wenn Las Vegas städtebaulicher Camp ist, ist die Reeperbahn dann städtebaulicher Trash, weil sie zwar an vielen Stellen Camp zu sein versucht, aber an vielen Stellen dabei scheitert? (Blinkende Lichter und Travestie-Shows sind Camp. Löcher im Asphalt und Hundepunker bestimmt nicht.)

Weitere definitorische Problemzonen aus der Diskussion des Vortrags am Montag: Funktioniert Camp noch mit historischer Achse? Kann man also historische Pop-Artefakte (sagen wir mal: den Film „The Wizard of Oz“ oder die Band „Abba“) guten Gewissens als Camp bezeichnen, oder verbietet das ihre Historizität? Wie verhält sich Camp zu Ironie? Ist Camp nur Camp, wenn er als solcher rezipiert wird? Wie wichtig ist die Intentionalität des Urhebers? Was ist mit der Gender-Konnotation? (Trash = männlich/heterosexuell, Camp = weiblich/homosexuell?)

Auch die Praktiker konnten mir nicht helfen. Strify, der mit seinen 20 Jahren von akademischen Diskursen wohl noch weitgehend unverdorbene Sänger der Retorten-Band „Cinema Bizarre“ und damit Experte für 80s-Referenzen, Mainstream-Pop, Visual Kei, Androgynität und andere Verstöße gegen den Normgeschmack, sagte mir letzte Woche im Interview, er stehe auf „Glamour und Trash“. Trash sei demnach, zuviel Schminke zu tragen und insgesamt einfach „too much“ zu sein, ihm sage Understatement einfach nicht zu. (Klingt für mich erstmal nach Camp.) Und auch der Profi-Ästhet Wolfgang Joop ist beruhigender Weise offenbar eher planlos. In einem Text, der mit seinem Namen unterschrieben ist und in einer Anzeige im aktuellen Spiegel der Bewerbung der BILD-Zeitung dient, heißt es:

„Bild“ ist „camp“. Übersetzt heißt das, man hat einen eigenen Stil. Einen, der polarisiert. Mal ist man „under the top“, mal „over the top“.

Jetzt hilft wohl nur noch eine gemeinsamer Susan-Sontag-Lesekreis meinetwegen auch bei Dosenprosecco und türkischem Pop in einer Dönerbude an der Reeperbahn.

14 Kommentare zu „Was ist Camp? Wolfgang Joop hat auch keine Ahnung…“

  1. OK.

    Susan Sontag schreibt:

    18. One must distinguish between naïve and deliberate Camp. Pure Camp is always naive. Camp which knows itself to be Camp („camping“) is usually less satisfying.

    […]

    23. In naïve, or pure, Camp, the essential element is seriousness, a seriousness that fails. Of course, not all seriousness that fails can be redeemed as Camp. Only that which has the proper mixture of the exaggerated, the fantastic, the passionate, and the naïve.

    24. When something is just bad (rather than Camp), it’s often because it is too mediocre in its ambition. The artist hasn’t attempted to do anything really outlandish. („It’s too much,“ „It’s too fantastic,“ „It’s not to be believed,“ are standard phrases of Camp enthusiasm.)

    […]

    26. Camp is art that proposes itself seriously, but cannot be taken altogether seriously because it is „too much.“ […]

    27. A work can come close to Camp, but not make it, because it succeeds.


    Thomas Hübener
    schreibt:

    Reines Camp im Sinne Sontags ist heute selten. Sowohl bei Neo-Dandys wie Rufus Wainwright und Neil Hannon (The Divine Comedy) als auch bei Pop-Ikonen wie Kylie Minogue, Madonna, Britney Spears oder gar den Meistern der Doppelcodierung, den Pet Shop Boys, sind distanzierende Brechungen immer schon Teil des Werkes. Eigentlich kommen als Kandidaten für eine Camp-Rezeption heute nur ironiefreier Heavy Metal, die Band Tokio Hotel, der Berliner Beatles-Eindeutscher (»Glück ist ein warmes Gewehr«) Klaus Beyer sowie der nach dem Tod Harald Juhnkes letzte große deutschsprachige Entertainer Udo Jürgens infrage.

    Camp, der als Camp intendiert ist, kann laut Sontag also funktionieren, tut es oft aber nicht. Ergänzend zu Hübeners Einwand ist der springende Punkt, glaube ich, dass Popkultur heute, 45 Jahre nach „Notes on ‚Camp'“, der neue Mainstream ist. Sontag hat laut Hübener noch damit zu ringen gehabt, dass sie in beiden Welten, in E- und in U-Kultur zu Hause war, die Kulturkritik aber U noch nicht für voll nahm. Heute ist das vielleicht anders. Wir sind zwar irgendwie immer noch gehalten, einer Wagner-Oper mehr Ehrfurcht entgegen zu bringen als einer Beatles-Platte, doch auch ästhetische Autoritäten (Eltern, Lehrer, Journalisten) sind heute zunehmend eher durch Pop ästhetisch sozialisiert, als durch Hochkultur. Ob ein ästhetisches Werk „scheitert“ oder nicht, hat ja auch mit ästhetischen Befindlichkeiten und Erwartungen seiner Rezipienten zu tun. Insofern ist heute vielleicht am ehesten Richard Wagner Camp? So: in alle Ewigkeiten Verdammte, die mit Schiffen durch die Gegend fliegen und nur von der großen Liebe erlöst werden können, dazu ein bombastischer Soundtrack und ein Publikum, von dem erwartet wird, in Sakko und Krawatte zweieinhalb Stunden bewegungslos zu verharren — wie campy ist das?

  2. Das „Deutsche Universalwörterbuch“ aus dem Hause Duden kennt „Camp“ übrigens nur als „[Zelt]lager; Ferienlager aus Zelten od. einfachen Häuschen“ und „Gefangenenlager“. Insofern bleibt auch das Genus im deutschsprachigen Gebrauch unklar. Vielleicht ist, wie von Hübener gebraucht, „das Camp“ aber tatsächlich besser als „der Camp“. Oder vielleicht auch gerade nicht, um Unterscheidbarkeit zum „[Zelt]lager; Ferienlager aus Zelten od. einfachen Häuschen“ zu gewährleisten?

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