"Abtreibung = Ehrenmord auf Amerikanisch" — neue Analogien für Abtreibungsgegner

Bei der Masse an Kommentaren, Analysen und Prognosen, die jeden Tag zu Barack Obamas Kabinett veröffentlicht werden, ist es schwer, noch Artikel zu finden, die etwas vollkommen Neues über den 44. Präsidenten und das „Team Obama“ heraus gefunden zu haben behaupten. Sam Schulman gelingt das. In einem Artikel im aktuellen „Weekly Standard“ lobt er das Kabinett für seine Vielseitigkeit in punkto Alter, Hautfarbe, Geschlecht, Bildungshintergrund, doch:

Strict orthodoxy reigns only on one issue — […] In the Obama administration there can be no dissent from the view that abortion must be unrestricted, paid for, and with no shilly-shallying about parental notification, partial birth abortion, or other such measures that would actually reduce the frequency of abortion.

Das Obama-Kabinett spiegele in seinem Meinungs- und Identitätspluralismus also ausgerechnet in der moralisch aufgeheizten Diskussion um Schwangerschaftsabbruch nicht die amerikanische Gesellschaft. (Hier wäre die erste Gelegenheit, eine Nachfrage an den Autoren zu stellen, denn: wieso sollte das Kabinett das wollen sollen? Seit Roe v. Wade ist Abtreibung legal. Damit ist das Thema noch nicht von der Agenda der Lebensrechtsaktivisten, aber: Ein absolutes Abtreibungsverbot fordern nur 16 Prozent der Befragten einer Studie aus dem Januar.)

Spannend: wie Schulman angesichts der Hegemonie gegen die es für Abtreibungsgegner anzukämpfen gilt, dem alten Pro-Life/Pro-Choice-Konflikt rhetorisch neuen Anschwung gibt. Indem er Abtreibungen nämlich als, so die Überschrift seines Artikels, „Honor Killing, American-Style“ beschreibt. Wow. Schulman nimmt sich mehrere Absätze Raum, um zu erklären, dass Ehrenmorde ungleich schlimmer seien als Abtreibungen, verteidigt seinen Vergleich dann aber wie folgt:

In nice families there are certain affronts to family dignity that cannot be tolerated. Our notion of family honor demands that nothing interfere with the stately progression of our children from high school to a gap year of social service to a decent college to a respectable career. Various accidents of our biology, such as a high-school pregnancy or a prenatal test that reveals a birth defect are matters that can be handled discreetly and conveniently. What science and Roe v. Wade made possible has become mandatory.

Was Schulman unsubtil impliziert, ist also, dass es in amerikanischen (in Ermanglung qualifizierterer Zuschreibungen:) „links-liberalen“ Bildungsschicht-Familien einen Ehrenkodex gibt, der, im Falle seiner Verletzung, Mord (an ungeborenem Leben) als „korrigierenden Eingriff“ zur Wiederherstellung der Familienehre vorsieht. Die Schwangerschaft vor Schulabschluss oder die prognostizierte Geburt eines behinderten Kindes seien solche Fälle. Man beachte den Satz „What science and Roe v. Wade made possible has become mandatory“: Die rechtliche und medizinische Machbarkeit einer Abtreibung sei in bestimmten Fällen zu einer Pflicht geworden. Wiederum: Wow.

Schulman fährt damit fort, den beschriebenen „liberals“ Verlogenheit zu attestieren, da man Toleranz predige, von der Norm abweichende Schwangerschaften und Babys aber nicht auszuhalten im Stande sei. Es folgt ein Lob der Sarah Palin, die als Vizepräsidentschaftskandidatin deshalb soviel Gegenwind erfahren habe, weil sie — entgegen der sozialen Norm — ein Baby mit Down-Syndrom bekommen und ihre Tochter während ihrer frühen/ungewollten Schwangerschaft unterstützt habe, anstatt beide Male den Schwangerschaftsabbruch als Option zu ergreifen. Wie es sich mittlerweile offenbar auch für konservative Kommentare zu dem Thema gehört, folgt weiterhin eine knappe Abhandlung zu Emanzipation und Geschlechterverhältnis… aber da hat Schulmans Text schon merklich an Geschwindigkeit verloren.

Es gibt keine Kommentarfunktion, komisch eigentlich, bei einem Text der es so sehr darauf anlegt, als rhetorischer Sprengsatz zu funktionieren. Korrektur: es gibt die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen, wenn man sich mit Klarnamen und E-Mail-Adresse registriert. Das ist lästig, aber grundsätzlich sinnvoll. Nur: auch registriert bekomme ich keine fremden Kommentare angezeigt, möglicherweise ist das ein Kommentarfeld, das Anmerkungen direkt per E-Mail an den Autoren schickt, nicht aber veröffentlicht? Schade.

1 Kommentar zu „"Abtreibung = Ehrenmord auf Amerikanisch" — neue Analogien für Abtreibungsgegner“

  1. Ha! Genetic engineering! Hab ich bis vor zwei Minuten noch fürs Abi gelernt! Danke für einen neuen Text, den ich in Aufgabe Drei zitieren kann (:

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