Leseliste (11): Genozidprävention — 15 Jahre nach Ruanda

  • Über den Zustand von Ruanda, 15 Jahre nach dem Genozid, bei dem „rund 800 000 Tutsis und gemäßigte Hutus ermordet wurden“ schreiben Dagmar Dehmer und Ingrid Müller heute auf ZEIT Online: „Tutsis und Hutus gibt es in Ruanda nicht mehr. Heute ist es verboten, diese Worte in den Mund zu nehmen. (…) Bestraft werden soll zudem, wer „über das Unglück eines anderen lacht, sich lustig macht, oder Verwirrung stiftet durch die Negation des Völkermords, der stattgefunden hat“.“ Politisch sei das Land stabil, das juristische Nachspiel des Völkermords eher unbefriedigend — und ebenso die Lektionen, die die „internationale Gemeinschaft durch Ruanda gelernt“ hat, denn, so die Autorinnen: „Seit 2003 tobt im Westen Sudans ein Krieg gegen die Bevölkerung. Bis heute gelang es nicht, dem Morden ein Ende zu setzen.“
  • Etwas positiver fällt die Bilanz von Tod Lindberg aus, der anlässlich des u.a. in Erinnerung an Ruanda als „Genocide Prevention Month“ ausgerufenen Monats April einen langen Artikel über Völkermordsprävention für das Commentary Magazin geschrieben hat. Allerdings, das sollte man vielleicht ergänzend sagen, steht auch Lindberg der Präventionsfähigkeit der „internationalen Gemeinschaft“ kritisch gegenüber: „Diplomacy can work. But in the end, it all comes down to American power.“ Das ist kaum überraschend für einen neokonservativen Autoren (der auch mit großer Leichtigkeit über das Selbstbestimmungsrecht souveräner Staaten hinweg argumentiert), aber einleuchtend. Die größte Hürde für Genozidprävention sei letztlich der mangelnde politische Wille — und die mangelnde Koordination der beteiligten Akteure. Beides falle im internationalen Rahmen noch wesentlich schwächer aus, als im nationalen. Dennoch sieht Lindberg auf beiden Ebenen das Bemühen, Prozesse zu vereinfachen. Darfur gilt aber auch ihm als Beispiel westlichen Scheiterns.
  • Über den (mangelnden) politischen Willen und die (mangelnde) Koordination der (Nicht-) Interventionisten angesichts des schnell voran schreitenden Mordens, schreibt auch Samantha Power in „Bystanders to Genocide“, ihrem epischen Artikel über den westlichen Umgang mit dem Völkermord in Ruanda. Der Text wurde bereits 2001 veröffentlicht, hat aber an Intensität und Lehrstückhaftigkeit nichts verloren und zeichnet, detailliert und immer mit Blick auf den internationalen und amerikanischen politischen Kontext, die Katastrophe von Ruanda nach. Handelt es sich schon um „Genozid“, oder nur um „Genozid ähnlichen Handlungen“? Und: wie reagieren wir darauf? Das waren die Fragen, die diskutiert wurden, während die Mörder mordeten und der UN General vor Ort angesichts seiner Hilflosigkeit den Verstand verlor. Neben allem anderen, was diesen Artikel lesenswert macht, ist das großartiger, engagierter Journalismus.
  • Um zum Abschluss noch mal einen Konservativen zu Wort kommen zu lassen: Joseph Loconte richtet in seinem Kommentar „Embracing Genocide: The Arab League honors the butchers of Sudan“ seinen Blick auf die Machthaber des Mittleren Ostens (besonders auf den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad), denen er vorwirft, das Morden in Sudan nicht nur nicht zu thematisieren, sondern den sudanesischen Staatschef Umar al-Bashir noch zu hofieren — und mit Kritik an Israel und den USA dagegen nicht zu sparen. Ganz unbekannt scheint Loconte diese Haltung nicht, er sieht sie gespiegelt im moralischen Relativismus, den er der amerikanischen Linken unterstellt.

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