"Time Magazine" schreibt über Wachshitler-Enthauptung: Deutschland begeistert, Henryk M. Broder erst recht.

Habe ich was verpasst? So wie ich die viel diskutierte Enthauptung des Wachshitlers im Berliner Madame Tussaud’s durch Frank L. mitbekommen habe, war die Aktion ziemlich umstritten. Oder zumindest: Es war nicht der nationale Konsens, Frank L. jetzt total super zu finden.

Stefanie Kirchner schreibt nun in der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Time Magazine das Gegenteil:

Last Saturday, though, a moment of vandalism turned Frank L. into something of a national hero, mentioned by some in the same breath as the legendary Claus Schenk Graf von Stauffenberg, who led a failed assassination attempt against Hitler in 1944. Frank L. accomplished his extraordinary rise from obscurity to national celebrity through a simple act of decapitation.

(Hervorhebung nachträglich eingefügt)

Nationalheld? Nationale Bekanntheit: ja. Aber Held? Es geht noch weiter:

Instead of condemning Frank L.’s action, many Germans expressed admiration for his attack. One commentator raved, „75 years after the ’seizure of power‘ and 63 years after the end of the Third Reich, finally an assassination attempt against Hitler succeeded … a 41 year-old Berliner accomplished what Johann Georg Elser, Claus Schenk Graf von Stauffenberg … and many others paid with their lives: he decapitated Hitler…“

Frau Kirchner schreibt nicht auf welchen „commentator“ sie sich bezieht, aber mich erinnert ihr Zitat ziemlich stark an den Kommentar von Henryk M. Broder bei Spiegel Online:

75 Jahre nach der „Machtergreifung“ und 63 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches hat endlich einmal ein Attentat auf Hitler geklappt. Nach insgesamt 42 Attentaten, die zwischen 1933 und 1945 unternommen wurden, schaffte ein 41 Jahre alter Berliner etwas, wofür Johann Georg Elser, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Helmuth James Graf von Moltke, Carl Friedrich Goerdeler und viele andere mit dem Leben bezahlen mussten: Er hat Hitler enthauptet, was allen anderen verwehrt blieb.

Broders Beitrag gehört zu den lesenswerteren, die ich über Frank L. gelesen habe. Nur erscheint es mir ziemlich unmöglich, den Text „Antifaschismus zum Nulltarif“ als wilde Schwärmerei zu verstehen (was „to rave“ ja wohl in etwa bedeutet). Broder veralbert mit dem zitierten, einführenden Paragraph die Leistung Frank Ls:

Ob der Führer bei Madame Tussauds hinter einem Schreibtisch hockt und dreinschaut, als habe er den Geburtstag von Eva Braun vergessen, (…) ist sowohl für die Gegenwart wie für die Zukunft vollkommen irrelevant. Hitler ist tot und die Chancen für seine Auferstehung sind so schlecht wie die Aussichten für die deutsche Fußballnationalelf, nachträglich doch noch die EM zu gewinnen.

Und holt dann zur Generalkritik der antifaschistischen Linken in Deutschland aus:

Bezeichnend für die Verwirrung, für die der „Führer“ noch immer sorgt, ist der Kampfruf, mit dem sich der Berliner „Attentäter“ auf die 200.000 Euro teure Wachsfigur stürzte: „Nie wieder Krieg!“ (…) Der Mann hätte „Nie wieder Diktatur!“ rufen müssen, aber diese Parole ist im Antifa-Milieu bei weitem nicht so beliebt wie das wohlfeile „Nie wieder Krieg!“

(…)

Schon bald nach dem Fall der Mauer waren überall in Berlin mahnende Graffiti zu sehen: „Kein Viertes Reich! Nie wieder Deutschland!“ Eine Generation, die den „Konsumterror“ bekämpfte und Che Guevara huldigte, wollte unbedingt eine neue Machtergreifung verhindern – was ihr gewiss auch gelungen wäre, wenn sie nur gewusst hätte, gegen wen sie in den Kampf ziehen sollte.

(usw.)

Da hätte Frau Kirchner also besser nach dem ersten Absatz noch weiter gelesen. Wäre mal gespannt, was der gute Herr Broder dazu sagt, der ja sonst nicht gerade für missverständliche Ansagen bekannt ist. Soweit ich das überblicke hat Broder weder in seinem Privat– noch in seinem Gruppenblog was dazu geschrieben.

Wahrscheinlich ist es ihm egal, bei dem schönen Wetter in Berlin.

6 Kommentare zu „"Time Magazine" schreibt über Wachshitler-Enthauptung: Deutschland begeistert, Henryk M. Broder erst recht.“

  1. Kann den ganzen Trubel nicht verstehen. Irgendwie wird einerseits gesagt, dass wir uns mit der deutschen Historie auseinandersetzen soll, wobei hiermit meist nur der Zeitraum ab WW1 gemeint ist, andererseits bleibt „Mein Kampf“ verboten und Leute die Vandalismus für nen Kasten Bier ausüben sind hoch im Kurs. Es ist halt „in“ links zu sein und sich für eine bessere moralischere Nation zu halten. Sieht man sich allerdings das Stanford-prison-Experiment und das Milgram-Experiment an, verschwimmen die Grenzen. Dann wird klar, das jedes soziale Gefüge, dass von Gehorsam und Obrigkeitsehrfurcht geprägt ist, Menschen dazu bringen kann, andere Menschen zu unterdrücken, zu quälen zu foltern, sie zu demütigen und sie ihrer Würde zu berauben.
    Aber egal — starten wir eine Kollekte für den erfolgreichen Attentäter, der es nach dem Tode Hitlers geschafft hat ihn um die Ecke zu bringen, damit neben den Anwaltskosten, vielleicht noch n zweiter Kasten Bier für ihn ‚ rausspringt…

  2. Wie lächerlich das „Attentat“ auf den Wachshitler ist brauche ich hier sicher nicht weiter zu erläutern, da halte ich es mit dem Kommentar in der FAZ: „70 Jahre zu spät“.

    Zu der These „es ist in links zu sein“ fällt mir auch kaum mehr als Kopfschütteln ein. Meiner Meinung nach ist nur eine einzige Geisteshaltung momentan wirklich angesagt, die Verherrlichung der Zustände früher. „Ach wie schön war es in der Mitte des 20. Jhds. doch bei uns, es ging uns so gut“ ist der Grundtenor. Altlinke bedienen die Frustrierten und Nutzlosen mit sozialistischer Rhetorik, die wirtschaftsfreundlichen Konservativen und Liberalen beschwören für die Besserverdiener die Heilkraft der Marktwirtschaft. Alle lügen sich selber in die Tasche und glauben bzw. wollen der Bevölkerung weiß machen, dass eine Rückkehr in frühere, bessere Zustände mit der jeweiligen Politik möglich ist. Bestes Beispiel dafür ist die fast schon verbrecherische Nebenschauplatz-Diskussion über Vollbeschäftigung. Es gibt kein zurück, diese Verhältnisse (50er – 80er) sowohl politisch, als auch wirtschaftlich werden wir nie wieder erreichen. Es hat noch niemand begonnen sich wirklich ernsthafte Gedanken zu machen, wie wir die Zukunft mit neuen Mitteln gestalten können. Eine vorausschauende, „revolutionäre“ (im sinne von neu, nicht die revolution) Geisteshaltung finde ich nirgendwo … alles dreht sich um die Vergangenheit. Ob beim Wachshitler oder bei Politik im Allgemeinen.

  3. Naja… gerade im Dunstkreis des Themas „Vollbeschäftigung“ erschienen mir die Denkansätze in Richtung „bedingungsloses Grundeinkommen“ ziemlich neu und/oder revolutionär, auch insofern, als dass das genauso wenig eine klassische rechte, wie eine klassische linke Idee zu sein schien.

    Apropos Retro-Linke: Ich habe gerade einen Demo-Aufruf in meinem Briefkasten gefunden, da wird die Abschaffung der Studiengebühren gefordert. Der Aufruf beginnt und endet mit Zitaten aus einem Hannes-Wader-Lied. Freundlicherweise haben sie das noch datiert: 1975. Das ist ein riesiger Sprung in Richtung Zukunft für die, sonst zitieren sie gerne mal Brecht oder Marx als Argumentationsgrundlage für die Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart.

  4. Die Idee mit dem Grundeinkommen ist sicher spannend – ich möchte gar nicht bestreiten, dass ab und an auch von unseren Politikern interessante Ideen in die Diskussion eingebracht werden, auch wenn einem der „Mut zu Neuem“ offensichtlich durch die Parteimaschine aberzogen wird. Die Merkel’sche Idee eines „Bildungs-Solis“ war sicher auch nicht ganz falsch, zumindest diskussionswürdig. Sobald allerdings neue Ansätze formuliert werden (von wem auch immer), gibt es eine nimmermüde Horde von Kritikern, die alles Neue ablehnen und zerreden. Letztendlich fehlt es bei der Mehrheit der Leute noch an der Erkenntnis, dass wir an einem sehr entscheidenden Punkt in der Geschichte angekommen sind. Die nächsten Jahre und Jahrzehnte werden entscheiden, ob und wie wir weiter existieren werden. Angesichts riesiger Probleme, die auf uns zukommen, sind die Diskussionen, die alltäglich geführt werden mehr als beschämend. Die größten Sorgen der Bevölkerung und der Politik scheinen das Rauchverbot und die Pendlerpauschale zu sein. Ich bin sehr oft fassungslos, angesichts solcher Ignoranz.

  5. @ Phillip Mit der Linksheit meine ich natürlich vor allem mein derzeitiges Umfeld. Da fällt mir immer wieder aufs neue auf, wie sich die Leute von Faschismus beeindrucken lassen und antifaschisten Kram aus dem Nähkästchen plaudern, wo es nur geht, auch wenn sie sonst politisch nicht allzu viel zu sagen haben. Vielleicht habe ich den Begriff in diesem Sinne zu subjektiv verwendet.

    Was deine Aussage betrifft, dass die Leute lediglich im politischen Oberwasser wühlen muss ich dir leider zustimmen. Es gibt da eine Interessante ansätze, die zu „radikal“ sind und daher nicht umgesetzt werden. Was meist nur meint, dass der Änderungsaufwand hoch ist. Menschen sind seit jeher ihrer Beschaffenheit her eher semikonservativ und scheuen Veränderungen.

    Derzeit muss ich gestehen, dass ich nocht nichtmal mehr wählen gehe. Das Wahlsystem ist absurd. Erstens kann es sein, dass man durch eine Stimme an eine kleinere Partei, welche die eigenen Interessen recht gut vertritt, indirekt größere Parteien stärkt die man gar nicht an der Regierung beteiligt sehen will. Zweitens ist es so, dass keine der aktuellen Parteien mir programmatisch zusagt. Ich finde es wäre wichtig ein Rangwahlsystem einzuführen, womit man wenigstens Punkt 1 ändern könnte. Für Punkt 2 wären vielleicht Volksentscheide der richtige Weg. Aber, nun ja …

    Ich würde mir halt wünschen in den Bereichen mitbestimmen zu können, wo ich mich halbwegs auskenne und die Themen links liegen zu lassen *räusper, Wortspiel* die mich nicht interessieren. Übrigens wurde das derzeitige Wahlsystem vom BVG als verfassungswidrig erklärt, mal schauen obs dann bei der Veränderung der Gesetzeslage übers bloße Löcherflicken hinausgeht.

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