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Kreative Baby-Quäler. Sacha Baron Cohen, Jill Greenberg, Spencer Elden und die endlose Faszination halbnackter, heulender Kleinkinder

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 28. November 2009

Video: Brutales Baby-Casting in dem Kinofilm „Brüno“

Eine der besten Szenen aus der wirklich-nicht-so-schlechten „Borat“-Fortsetzung „Brüno“ zeigt den Komiker Sacha Baron Cohen in der Rolle des österreichischen Fashion-Typen Brüno beim Casting potentieller Baby-Models. Es ist eine wunderbar ambivalente Szene (Ist das noch lustig? Ist das schon traurig?), die zu entlarven scheint, wie sehr einige Eltern bereit sind, ihre Kleinkinder absurden Situationen und Gefahren auszusetzen, nur um sie (und sich) als Models berühmt und interessant zu machen: „Könnten wir bei dem Fotoshooting mit ihrem Kind Bienen und Hornissen verwenden?“ — „Ja, klar!“ — „Was ist mit brennendem Phosphor?“ — „Oh, mein Baby liiiebt brennendes Phosphor.“ Und so weiter.

Ganz abwegig ist die Idee des brutalen Babyfotoshoots (das im Film am Ende unter anderem ein biblisch inszeniertes Foto eines gekreuzigten Kleinkindes ergeben wird) nicht. Als Beispiel aus dem echten Leben fällt mir dazu als Erstes die Fotografin Jill Greenberg ein, die für ihre Fotostrecke „Crying Babies“ (hier als Bildergalerie, hier Greenbergs Website) ihre Models allerdings offenbar nicht schlimmer gequält hat, als ihnen Süßigkeiten oder Spielzeug wegzunehmen und sie so zum Weinen zu bringen. Trotzdem hat sie für ihre dramatischen Porträts der „Crying Babies“ einiges an Unverständnis und Widerspruch abbekommen (hier zum Beispiel, in bester Blog-Manier formuliert: „Jill Greenberg is a sick woman who should be arrested and charged with child abuse“).

Es hat Jill Greenberg dabei wahrscheinlich nicht wirklich geholfen, dass einige Fotos heulender Kinder mit Bildunterschriften wie „Four More Years“ im Netz kursierten — eine Anspielung auf die Wiederwahl von George W. Bush im Jahr 2004. Und auch nicht, dass sie später Bilder des Republikaner-Präsidentschaftskandidaten John McCain entstellte und den von seinen Anhängern als Helden gefeierten Veteran und früheren Kriegsgefangenen als blutrünstiges Monster darstellte.

(Harmloser ist ihre Abneigung gegenüber konservativen Ikonen in der auf ihrer Website ausgestellten Serie „Shiny Faces“ umgesetzt, in der sie den  TV-Moderator Glenn Beck im Stile ihrer „Crying Babies“ inszeniert. Der konservative Dampfplauderer Beck ist bekannt dafür, dass er in seiner Sendung aus Liebe und Angst um Amerika schon mal zu weinen beginnt — d.h., wenn er nicht gerade Barack Obama als Rassisten bezeichnet.)

Nächste Frage: Ob man Baby-Models mit der frühen Prominenz wirklich einen Gefallen tut? Spencer Elden, der 1991 als kleiner Junge nackt, gierig und samt Penis auf dem Cover des erfolgreichen Nirvana-Albums „Nevermind“ zu sehen war, scheint heute mit der Berühmtheit ganz gut klar zu kommen: „I feel like I’m the world’s biggest porn star“, wird er zitiert. Zehn Jahre nach dem Erfolg von „Nevermind“ ließ es sich sogar in der gleichen Pose noch mal fotografieren, diesmal trug er dann allerdings doch lieber eine Hose.

Offenbar ist es jedenfalls so, dass die Artdirektoren dieser Welt von nackten/heulenden/gepeinigten Baby-Models nicht lassen können. Und, dass es genug Eltern gibt, die bei dem Spiel mitmachen. Aktuell ziert das dramatische Foto eines heulenden, kaum bekleideten Kleinkinds das Titelbild des TIME-Magazine, das eine kaum weniger dramatisch übertitelte Geschichte bewirbt: Einen Jahrzehntsrücklick 2000–2009 namens „The Decade From Hell“. Ob sich da in zehn Jahren mal ein Teenager drüber ärgern wird?

(Das TIME-Foto ist übrigens gar kein Foto, sondern ein Video-Still. Aber egal.)

Cut — Leute machen Kleider: Noch ein neues Magazin!

Veröffentlicht in medien von oskar piegsa am 11. März 2009

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Abb. 1: Cut’n'Paste-Cover in Punk-Tradition, denn: das hier ist nicht Handarbeit, das ist DIY!

Woot! Ein zentimeterdickes Magazin mit schönem Layout und Hipster-Models, die desinteressiert in Fotografien herumstehen, und echten Schnittmustern (echt, aka.: mehr noch als so Statement-mäßig wie im Missy Magazin, richtige Schnittmuster, auf Butterbrotpapier gedruckt, zum Ausfalten)! Und für Anfänger wird erklärt, wie man Knöpfe annäht. Danke, liebe Erstausgabe des Cut Magazins, DIY/„Marke Eigenbau“ ist soeben zwei Nummern gewachsen.

Jetzt könnte man es sich kritikmäßig natürlich leicht machen, und darüber nörgeln, dass die in der Zeitschrift enthaltenen Schnittmuster nur für Frauen_sachen sind. Aber damit würde die Rollenklischeekritik ja als Rollenklischee daher kommen. Jungs können doch genauso gut Sommerkleidchen nähen und tragen, ey, was soll daran denn falsch sein?

Überschwängliches Geblogge, weil: wenn jetzt jeder Gang zum Kiosk mit einer überraschenden, neu gegründeten Lebensführungszeitschrift belohnt wird, dann können die Zeiten so schlecht nicht sein. Und wenn doch, naja, dann sparen wir ein bisschen am H&M-Budget und nähen uns unsere Klamotten einfach selbst. Zur Not auch Sommerkleidchen.

Nachkaufen: Cut. Leute machen Kleider. Am Bahnofskiosk. 7 EUR, ca. 172 Seiten.

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Abb. 2: Sagt ein Münchner Magazin zum anderen: Meine Centerfolds sind größer als deine Centerfolds.

Medienkrise wegabonnieren! Vier von vielen guten Zeitschriften: De:Bug, Missy, Foreign Policy, Blank. Jeweils mit kurzer Begründung.

Veröffentlicht in medien von oskar piegsa am 6. März 2009

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Gut #1: De:Bug, Ausgabe 130 (März 2009), am Bahnhofskiosk

Gut, weil: Die De:Bugger können Spiegel-Titelgeschichten besser als der Spiegel. Zumindest wenn’s um Social Networks geht (vgl. „Fremde Freunde. Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen“ und „Anonymität & Identität. Das Ende der zwei Welten“). Und außerdem können sie Mode, Gadgets und Tanzmusik. Also alles, was mir gerade fehlt.

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Frage: Wie hip ist Peek & Cloppenburg?

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 16. Dezember 2008

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Antwort: Geht so hip. Dieser eher unbeholfene Versuch der Schleichwerbung/Streetcred-Aneignung durch Platzierung des Vice Magazins im Berliner Werbeprospekt macht jedenfalls nur eingeschränkt Lust auf Kapuzen-Jacke mit Print, Größen S-XXL, 29,90.

[Foto von Jonas und Annika, herzlichen Dank!]

"Achtmilliarden Minuten mit Zeitschriften" Video-Rezensionen von Printmagazinen. Folge 1: "Bang Bang Berlin"

Veröffentlicht in medien von oskar piegsa am 11. September 2008

Magazine! Yeah! Es gibt wenig besseres, manchmal. Deshalb jetzt mit Tusch und Sekt und kaltem Büffet: die Eröffnung einer neuen, unregelmäßigen Zeitschriften-Review-Serie in diesem Blog.

Neulich hatte ich hier schonmal Titty City, ein Schmuddelheft neuen Typs, vorgestellt und andere Zeitschriften, die ich mag. Jetzt versuche ich mal das zu institutionalisieren. Und zwar: als schlecht ausgeleuchtete Video-Serie, ich sag mal: „Fanzine 2.0″. Digitale Kompaktkameras und Windows Movie Maker sind die Schere und Klebstoff des 21. Jahrhunderts.

Weil das ganze trotzdem mehr Arbeit war, als man ihm ansieht, weiß ich noch nicht, wann der zweite Teil folgt. Aber hej: Kommentare könnten motivationssteigernd wirken, und Heftvorschläge für die Short List nehme ich extra gerne an. Am interessantes finde ich neue Magazin-Gründungen abseits großer Verlage, die optimalerweise neue Versuche zum Verhältnis von Print und Internet anstellen. So wie eben neulich Titty City oder hier Bang Bang Berlin.

Die gute Nachricht, allen „Print ist tot“-Unkenrufen zum Trotz, ist: da gibt es ja mehr als genug.

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"39,90"-Verfilmung: Warum liest Octave die deutsche Vanity Fair?

Veröffentlicht in medien von oskar piegsa am 12. August 2008

Die Verfilmung von Frédéric Beigbeders 99 Francs (auf deutsch: 39,90) hinterlässt seine Betrachter mit vielen Fragen. Ich stelle mir vor allem diese: der Portagonist, ein französischer Werber namens Octave, entnimmt seine Mode-Tipps in der deutschen Sprachfassung des Filmes der „italienischen Vogue und deutschen Vanity Fair“ (Emphasis added) — habe ich das richtig verstanden?

In der Romanvorlage stand das so ganz sicher nicht – als die erschien gab es den deutschen Ableger dieses Magazins nämlich noch gar nicht. Entweder hier war ein wohl meinender Übersetzer am Werk (der offenbar die internationale Bedeutung der deutschen Vanity Fair überschätzt), oder es ist dem Verlag Condé Nast gelungen, Product Placement in die deutsche Übersetzung des Werbe-kritischen Filmes zu schummeln. Subversion an der Subversion — wäre ja nicht das erste Mal.

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49% Jugendschutz, 51% Kaufanreiz: Stacey Dash auf dem King Magazine.

Veröffentlicht in amerika, medien von oskar piegsa am 7. August 2008

Auslage eines Kiosks entlang der Michigan Avenue in Chicago. Aufgenommen im Mai 2008.

Abb.: Auslage eines Kiosks entlang der Michigan Avenue in Chicago.

Ich hoffe diese Frage ist jetzt nicht zu philosophisch. Aber ist die gute Frau Dash wirklich angezogener, wenn ihr Körper durch ein knappes Stück Papier bedeckt wird, anstatt durch einen Bikini? Ist das Jugendschutz? Oder ist das Kaufanreizförderung? Auffallen tut das Cover auf diese Weise jedenfalls noch besser. Wieder was gelernt: Weniger ist mehr.

(Bild aus meinem Archiv, aufgenommen im Mai 2008. Die unzensierte Fassung des Covers hat das Flypaper Blog.)

Die Leute wollen über Zeitschriftentitel diskutieren.

Veröffentlicht in medien von oskar piegsa am 10. Juli 2008

Interessantes Hobby. Erst wurde denen beim Dummy Magazin die Bude dafür eingerannt, dass sie ihr nächstes Heft „Neger“ nennen wollten (ich finde: zu recht). Jetzt ist man bei jetzt.de in heller Aufruhr darüber, dass man ein feministisches Pop-Magazin Missy nennen wollen kann (eindeutig: zu unrecht).

Hoffentlich führt das jetzt nicht dazu, dass demnächst das Verfahren der Benennung von Dingen und Zuständen anhand von Erhebungen der Publikumsmeinung wieder in großem Stil reaktiviert wird.

Sie wissen schon, alle schreiben ihren Vorschlag auf einen Zettel und werfen ihn in einen Kasten, und am Ende kommt dabei heraus, das sitt das Pendant zu satt ist, und dass hässliche Maskottchen Trix und Flix heißen sollten.

Und damit ist dann ja niemandem geholfen.