Für die letzte Ausgabe der US-“Vanity Fair“ schrieb Christopher Hitchens über seinen Freund Salman Rushdie. Hitchens beginnt seinen Text mit einer Anekdote darüber, wie Rushdie den Autoren Robert Ludlum veralbert (mir und anderen Literaturvermeidern wohl am bekanntesten durch die verfilmte „Bourne“-Trilogie). In dem Artikel scherzt Rushdie darüber, wie Shakespeare-Stücke wohl heißen würden, wenn Ludlum sie geschrieben hätte. So wird „Macbeth“ zu „The Dunsinane Reforestation“. Das ist sogar lustig, wenn man noch nie etwas von Ludlum gelesen hat. (OK, „Macbeth“ muss man gelesen haben. Oder zumindest das hier. Bitte besonders den Absatz über „Birnam Wood“ beachten!)
„This is the way, when discussing Rushdie and his work, that I like to start“, schreibt Hitchens. „He is sublimely funny, and his humor is based on a relationship with language that is more like a musical than a literary one.“ Hitchens fährt — broderesque — fort, über mediale Selbstzensur zu schreiben, darüber, wie die Furcht vor weiteren Fatwas und weiteren brennenden Botschaften zur präemptiven Selbstzensur im Kulturbetrieb führe.
Zufällig bin ich jetzt über die Videoaufzeichnung eines Vortrages gestolpert, den Rushdie — von dem ich bisher noch nichts gelesen habe — im vergangenen Jahr vor der Google-Belegschaft hielt. Er spricht über die Entstehungsgeschichte seines (am 6. März auf Deutsch erscheinenden) Romans „Die bezaubernde Florentinerin“.
Die Geschichte des Romans spielt im 16. Jahrhundert, ist in und zwischen Indien und Europa angesetzt, in Nebenrollen treten Niccolò Machiavelli, Dschingis Khan und Graf Dracula auf. Alles in allem kling das mindestens so wahnsinnig wie Christian Krachts Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, den ich auch nicht gelesen habe, aber mir immerhin zu einem guten Stück vom Autoren vorlesen lassen durfte, als der im vergangenen Jahr in Hamburg auftrat.
Wer bisher die Augen verdreht, aber dennoch beharrlich weitergelesen hat, dem sei gesagt, dass genau jetzt die Erklärung folgt, warum ich hier über Bücher schreibe, die ich nicht gelesen habe: zurück zu Salman Rushdie. Der erwischte einen wunden Punkt bei mir, als er im Diskussionsteil seines Vortrages (bei Minute 34:24 im Video) gefragt wird, wie die Fatwa ihn in seinem Leben und Schreiben beeinflusst — und Nachfolgendes antwortet:
[...] I also think it’s had a kind of negative effect on what people think of my work. I mean, I’m now talking about non-readers of my work. I think if you read my book, then you make up your mind, whether you like it or not, and that’s easy.
But I think because the attack on my work was of a very particular kind, let’s say it was theological and it was kind of arcane and it was medievalist [sic] and it certainly was not funny, people somehow transposed those qualities to what they imagined my work must be like. So, you know, because the attack was theological, I must be a religious writer. Because the attack was so humorless, I must be humorless. And so on.
And I think the combined effect of all that was to make some – many, perhaps – readers think: ‚I don’t think those books are for me, because they are too alien from me and I don’t like that kind of sound of that kind of book.’ [...]
Voll erwischt! Ich weiß nicht, ob ich mich damit nach Hitchens schon zum präemptiven Selbstzensierer qualifiziere (ich glaube: nein, tue ich nicht), aber bisher bin ich nicht in Versuchung gekommen, „Die satanischen Verse“ zu lesen. Und zwar auch aus den von Rushdie beschriebenen Ressentiments.
Was jetzt als Indiz dafür verstanden werden kann, dass das Internet doch nicht dumm macht. Zumindest wirkt Rushdie in dem Google-Video genauso angenehm und humorvoll, wie Hitchens ihn in seiner Kolumne beschreibt. Und macht Lust darauf, seine Humorbegabung auch mal auf dem guten alten Informationsträger Papier anzutesten. Also: mal wieder ein Buch zu lesen.
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