Zwei Leichen, 1000 Seiten & die Gegenkultur: Unversöhnliche Herbstlektüren von Norman Mailer und Irving Kristol
Fast zwei Jahre nach dem Tod von Norman Mailer am 10. November 2007, hat das neokonservative Commentary Magazine einen elaborierten Generalveriss dessen Lebens/werkes veröffentlicht. In bester Tradition des Autoren wird zwischen seinen privaten Eskapaden und seinem literarischem Output nicht wesentlich unterschieden. Der Rezensent beschreibt den doppelten Pulitzerpreisträger als moralisch in jeder Hinsicht degeneriert und seine Prominenz als Symptom für die Verderbtheit der amerikanischen Kultur:
In the republic at twilight, where the cult of the self is our one true faith and energy has superseded virtue as the object of our reverence, it was inevitable that someone like Norman Mailer should become America’s most celebrated man of letters.
Lesenswert ist das im Zusammenhang mit der stattlichen Auswahl an Rezensionen und Essays, die Commentary auf seiner Internetseite im Gedenken an das Leben des kürzlich verstorbenen neokonservativen Publizisten Irving Kristol veröffentlichte. Kristol hat sich ebenso wie Mailer in The White Negro und The Armies of the Night intensiv mit der amerikanischen Counterculture beschäftigt. Seine Haltung war dabei, anders als bei Mailer, nicht die des partizipierenden (Selbst-) Beobachters, sondern von beeindruckender Abneigung geprägt.
Die Gegenkultur sei nicht nur „gegen Kultur“, sondern auch völlig ohne Anlass gewesen, schreibt Kristol in einem seiner Texte. Mailer würde wohl widersprechen und — wie er es in The White Negro tut — noch einmal auf Shoa und Atomkrieg als psychologischen Hintergrund des (hier als amoralischem Draufgängertums empfundenen) „American existentialism“ hinweisen. Beides Faktoren, die ganz anders auf Kristol wirkten — und ihn zusammen mit seinem Entsetzen über die besagte Counterculture + X aus dem Lager der linken Intellektuellen nach rechts trieben.
Mailer nahm die Counterculture vorweg, Kristol wird als Pate der Counter-Counterculture gehandelt — und beide haben tausende Seiten Text hinterlassen, die man als Streitgespräch zweier unversöhnlicher Positionen zu Individuum, Staat, Kultur und Moral in Amerika lesen kann. Buckley vs. Vidal in XXL.
Gut, dass es draußen Herbst geworden ist.
Bester Dokumentarfilm des, äh, mindestens Tages: "Guido Beach", über die Strandkultur an New Jerseys Atlantikküste
Abb.: Gunnison Beach, in New Jersey, USA, fotografiert vons Richard Arthur Norton, via Wikipedia.
Wer im amerikanischen Staat New Jersey lebt, der lebt auf der falschen Seite des Hudson Rivers (nämlich nicht in New York City). Viel mehr war mir bisher nicht bekannt mir über den „Garden State“, der als solcher gerne mal öde Kulisse für surreale Filme oder Serien über kleinbürgerliche Mafiosi ist. Doch schon kommt die digitale Revolution um die Ecke und macht uns alle schlauer. Die folgende Mini-Doku, gefilmt mit billiger Digital-Kamera, veröffentlicht auf YouTube und verbreitet über Facebook, sei den Lesern dieses Blogs aufs Herzlichste ans Herz gelegt:
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Was würde der Niedergang der Suburbia für die Republikaner bedeuten?
Im Zusammenhang mit Hua Hsus Essay „The End of White America“: Tim Mak schreibt im Republikaner-Retter-Blog „The New Majority“ über Richard Floridas und Alan Ehrenhalts Überlegungen zum Niedergang der Suburbia und Re-Urbanisierung der USA und den sich daraus möglicherweise ergebenden politischen Konsequenzen für die amerikanische Rechte:
Republicans should be troubled if these prophecies and prescriptions come to pass. After all, some of the most reliably consistent mechanisms drawing individuals to conservatism are the modes of consumption inherent in suburban living. It has long been thought that those who agree with lower taxes do so because of the burden of mortgage payments, and that those who shun spending programs like public transit are inclined in this manner because they own cars [...]. But what if suburbia as we know it vanished [?]
[...]
Taxes will continue to be a burden on the middle class, but a middle class that more directly benefits from urban public spending may be increasingly willing to shoulder the load. People will continue to purchase houses, but perhaps in lower numbers. Voters are drawn to policy stances when they are relevant to problems experienced in their own lives, and Republicans will need to adjust their policies so that they speak to an increasingly urban audience. To do this, conservatives will need to consider how government can be effectively used to encourage competition and efficiency in the problems most relevant to the burgeoning urban middle-class: issues like health care, education and social security.
Rick Morran nimmt sich in dem anderen Republikaner-Retter-Blog „The Next Right“ des Programms der diesjährigen „Conservative Political Action Conference“ (CPAC) an (26. bis 28. Februar, dieses Jahr leider ohne mich) und kommt zu dem Ergebnis: angekommen sind diese Überlegungen in der „konservativen Bewegung“ noch nicht. Das Programm ist bestückt mit verdienten Veteranen des rechten Amerikas, wichtige Kritiker nehmen nicht teil. Und: Veranstaltungen widmen sich dem „Culture War“ (der laut Morran dazu geführt hat, dass die Republikaner als Schwulen- und Frauenhasser wahrgenommen würden und nicht als besonnene Steuer- und Wirtschaftspolitiker) und dem Online-Wahlkampf — nicht aber der Erneuerung des eigenen Programms angesichts einer sich verändernden Realität.
Immerhin eine Veranstaltung im Rahmen der CPAC widme sich Hispanics. Diese wachstumsstarke Bevölkerungsgruppe konnte George W. Bush als texanischer Gouverneur noch für sich gewinnen, auf nationaler Ebene ist sie den Republikanern aber weitestgehend verloren gegangen.
Die Suburbia-Überlegungen sind ja nicht zu Unrecht mit einem „what if“ markiert (zum steigenden Ölpreis im vergangenen Sommer gab es auch schon mal Überlegungen, ob jetzt eine Re-Urbanisierung einsetzen würde, und — sieh da – der Ölpreis sank wieder und der Gedanke ward verworfen). Aber: die letzten zwei Kongress-Wahlen haben gezeigt, dass Suburbia ohnehin schon jetzt nicht so beinhart auf Seiten der Republikaner verharrt, wie Karl Rove das einst annahm.

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