a c h t m i l l i a r d e n . c o m

Das Internet hat Indie getötet. Und das ist OK, denn folkloristische Schellack-Mixe klingen auch gut.

Veröffentlicht in medien, popkultur von oskar piegsa am 26. September 2009

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Abb.: Die Design-Klitsche Diesel Sweeties erklärt, wie die Indie-Attitüde funktioniert. Gibt’s hier als T-Shirt.

These: Das Internet hat Indie getötet. Nicht als Genre, aber als Attitüde. Zu Kurt Cobains Zeiten konnten Indie-Snobs noch obskure Band-T-Shirts auftragen und damit Eindruck schinden, unabhängig davon, ob die Band was taugte (kannte ja keiner, und das war der Punkt). Heute wird das sofort mit dem iPhone gecheckt. Oder mit dem Surf Stick. So schnell kann man das T-Shirt gar nicht ausziehen, wie die anderen checken, dass die Band in Wirklichkeit nicht cool, sondern kacke ist.

Auch die Einstellung „Ich mag Musik nur, solange du sie nicht kennst“, in der Grafik oben wunderbar visualisiert von Diesel Sweeties (und auf T-Shirts gedruckt hier käuflich zu erwerben) hat sich leider erledigt. Oder, vielleicht: zum Glück. Die Geeks und Nerds wurden durch das Netz begünstigt und sind die neuen Alphamenschen. Aber nur, solange sie ihr Wissen zu teilen bereit sind. Was machen also Nerds, die auf Wissen als Pose setzen? Die Wert auf einen Snob-Habitus legen?

Eine Möglichkeit wäre die künstliche Verknappung durch Wiederentdeckung des Vinyl (dessen Absatzzahlen sich seit einiger Zeit ja auch tatsächlich förmlich boomen). Erstpressungen, Japan-Only-Releases, rare 7-Inches, Fehlpressungen. Nichts neues. Diese Ausprägung der Indie-Nerd-Snobs gibt’s schon so lange, das mittlerweile Witze über diese Indie-Ostfriesen im Umlauf sind: „Was ist der Unterschied zwischen einem Trekkie und einem Plattensammler? Der Plattensammler denkt er wäre cool.“ Haha.

Noch effektiver wäre es wahrscheinlich, gleich auf Schellack-Platten zu setzen. Die sind noch seltener, es erfordert noch mehr Expertise sie aufzuspüren und es besteht noch weniger Gefahr, dass genug andere Leuten auf diesen Trend aufspringen, um ihn in den Mainstream zu tragen. Außerdem haben Bands (oder, naja, Polka-Gruppen und Opern-Sänger), die auf Schellack veröffentlich(t)en in der Regel keine MySpace-Profile, vielleicht noch nicht mal Wikipedia-Seiten. Allerdings wohl auch keine T-Shirts, so dass man die Schellacks wohl öfter mal unterm Arm über den Schanzen-Piazza schleppen müsste, um das durch sie erworbene Distinktionspotential auch voll auszuschöpfen.

Oder man wechselt doch die Seiten und zieht das Nerd-Ding voll durch, aber ohne snobbistische Abschottungsversuche. So wie Jon Ward vom Excavated Shellac Blog, der regionale Schellackaufnahmen aus aller Welt nicht nur aufspürt, sondern auch digitalisiert, akustisch säubert, katalogisiert und zum Download anbietet. Ich höre mir gerade seinen Streichinstrumente-Mix an, der hier als Stream und Download angeboten wird.

Music you don’t know + Music I don’t know = Music both of us love.

Breaking News: Second Life doch noch nicht tot! Das 80s-Revival darf offenbar alles…

Veröffentlicht in popkultur, quick thought von oskar piegsa am 13. September 2009

Kantige Polygon-Damen in Unterwäsche sind sooo 2007? Offenbar nicht. Seitdem es wieder okay ist, weiße Anzüge zu tragen, seitdem jede zweite neue Band Synthie-Pop spielt und seitdem YouTube mit Musikvideos voller pinker, kosmischer Nebel verstopft, kommt jetzt die nächste ästhetische Fürchterlichkeit zurück. Und obwohl auch ich mir schwor, niemals auf den 80er-Schmonz reinzufallen, muss ich sagen: ich finde langsam gefallen an dem Style.

Das Video zu „Shooting Stars“ von Bag Raiders* erinnert mich auch an Akte X plus GTA Vice City, abzüglich der Gewalt und Ambivalenz. Und im Vergleich zum thematisch ähnlich gelagerten Video des heimlichen All-Time-Favorites „Tainted Love“ haben die das heute mit der Farbsättigung echt gut drauf…

*interessanter Name übrigens: Lara Croft in männlich-metrosexuell — geplündert werden Handtaschen, nicht Grabkammern. Das ist auch besser für die Fingernägel.
[gefunden im Blog des in diesem Zusammenhang ebenfalls austestungswürdigen Star Smith]

Weezer: jetzt noch geekiger! Das 8bit-Tribute-Album.

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 3. September 2009

weezer 8 bit

Es lief natürlich schon vor Monaten groß im Nerdcore-Blog, aber, mein Gott, wer ackert schon diszipliniert seine RSS-Feeds durch. Deshalb erst jetzt (und: anderswo) entdeckt: ein Tribute-Album mit 8bit-Cover-Versionen von Weezer-Songs! Ich bin damals nach großer Begeisterung über diese Band zu Schulzeiten nach dem Green Album ausgestiegen, doch das 8bit-Album enthält viele schöne Coverversionen auch der älteren Lieder.

Schon toll: Weezer, die Band, für die das Genre Geekrock damals im Grunde genommen erfunden worden ist, klingt jetzt noch geekiger! Sie klingen nicht mehr so als würden sie den ganzen Tag Computer spielen — sie klingen wie Computerspiele! Und dabei gar nicht so schlecht: Der Opener „Island in the Sun“ (im Remix von Videogame Orchestra) ist ein Hit und fast besser als das Original. „In the Garage“ (im Remix von OxygenStar) überzeugt mich besonders, weil es tatsächlich nach „Super Mario Bros.“ klingt und „Buddy Holly“ (von nordloef) drückt so doll und stumpf, dass es fast von Scooter seien könnte. Was nicht bedeutet, dass ich nicht auch dazu tanzen würde. Hier gibt’s das ganze Album kostenlos zum Download.

Ach so, und: wer dieses Weezer-Album gut findet, der sollte ruhig auch die Band Math austesten – lebensbejahende 8bit-ähnliche Popmusik mit Gesang aus Neu England. Super.

Let it be known: achtmilliarden ♥s 8bit.

Ohne Worte:

Veröffentlicht in amerika, deutschland von oskar piegsa am 21. August 2009

Musik, Gehirne, Identität, Digitalien: Interview mit dem Neurologen Oliver Sacks

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 2. August 2009

Über den Einfluss von Musik aufs Hirn schreibt Neurologe Oliver Sacks in einem Buch — und gibt eine Schnelleinführung zu einigen Fragestellungen im Interview mit Harper’s. Neben der dort nachzulesenden Diskussion der Möglichkeit einer musikalischen Umerziehung à la „A Clockwork Orange“, hier zwei Denkanstöße: erstens zur Rolle von Musik in der Ausbildung (kollektiver) Identität, die mich u.a. im Zusammenhang mit der Rolle der Musik in der Herausbildung subkultureller Gruppenidentitäten (und der womöglichen Wegentwicklung von der musikbasierten Sub-/Jugendkultur?) interessiert…

Sharing music is one of the most powerful ways humans bond together, and this has obvious survival value. We still use music in this way, to come together in singing religious songs, holiday music, national anthems, protest songs, even “Happy Birthday.”

…und zweitens eine musikologische Variante der „Is Google making us stoopid?“-Frage: die unterstellte Ausweitung unseres Wissens im Vergleich zu früheren Generationen, bei gleichzeitiger „Abflachung“.

[O]ur exposure to different types of music, and hence our musical literacy, has certainly expanded, but perhaps at a cost. As Daniel Levitin has pointed out, passive listening has largely replaced active music-making. Now that we can listen to anything we like on our iPods, we have less motivation to go to concerts or churches or synagogues, less occasion to sing together. This is unfortunate, because music-making engages much more of our brains than simply listening.

Hier würden mich insb. die Unterschiede zwischen dem klassischen „Musik machen“ (aka.: Luft in Schwingung zu bringen um so konsertierten Verständnissen von Wohlklang zu entsprechen) und dem Generation-iPod-mäßigeren „Musik bearbeiten“ (aka. in DJ-Sets und Mixtapes arrangieren, samplen, remixen, Karaoke) interessieren. Sind die notwendigen Fähigkeiten vergleichbar? Gar nicht? Was ändert sich, wenn wir uns weiterhin intensiv mit Musik beschäftigen und Musik kreieren, aber eben nicht mehr körperlich?

[Interview-Link gefunden bei Andrew Sullivan]

2009 ist nicht 1929. Also, allein musikalisch schon nicht. Woody Guthrie und Dan Costello, Freight Trains und die DB.

Veröffentlicht in amerika, deutschland, popkultur von oskar piegsa am 29. Juli 2009

recessionsongsfrontweb

Abb. 1: 2009, vertont von Dan Costello.

Die Bahn hat Pressemeldungen dementiert, laut denen Passagiere ohne gültigen Fahrschein nun schon bei der ersten Kontrolle angezeigt werden sollten. Und ich dachte schon, die hätten angesichts der Wirtschaftskrise Angst vor bevorstehenden Verhältnissen wie in den USA der 1930er Jahre.

Die damals gängige Praxis, mangels Geld oder anderer Transportmittel auf der Suche nach Arbeit illegal Güterzüge zu besteigen und ebenso kostenfrei wie unkomfortabel zu reisen, feiert auch auf der anderen Seite des großen Teichs offenbar noch kein Revival. In den Medien kam das Unterwegssein als Hobo in den Jahren vor der Krise eher als Hobby sinnsuchender Mittelstandskids vor (LA Weekly nannte sie 2002 die „Hobohemians“ & die Freighthopping-Doku von VBS.tv hatte ich hier ja schon mal empfohlen) und seitdem habe ich dazu auch noch nichts Gegenteiliges gelesen.

Vielleicht ist das ein weiteres Indiz dafür, dass es eher von einer sprachlichen Krise zeugt, wenn man von der, die gerade Karstadt und Opel und internationale Staatshaushalte zu verschlingen droht(e) als der „größten Wirtschaftskrise seit den 30er Jahren“ spricht, wie es etwa die geschätzten Propagandisten der Grünen gerade tun. „Größte Krise“, mag ja sein, aber was bedeutet das denn bitte konkret? Oder, mit Cicero-Chefredakteur Wolfram Weimer gefragt: Schlimmste Krise aller Zeiten? Ich seh’ gar keine Trümmerfrauen?!

„times have been harder. we re sissis“, kommentiert dann auch prompt ein User unter diesem Video, in dem Woody Guthrie die gute alte Zeit besingt:

Abb. 2: 1929, vertont von Woody Guthrie.

Auch die aktuelle Krise wird aber ganz charmant besungen, auf dem Themenalbum „Recession Songs“ von Dan Costello, der dem Ganzen ebenfalls eine positive Seite abgewinnt: wer durch akuten Geldmangel gezwungen ist, sich die Haare selbst zu schneiden, der kommt mit seiner unfreiwillig asymmetrischen Frisur bei den Hipstern in Brooklyn garantiert besser an. Costellos Album steht — auch das ist gut — zum rezessions- und inflationssicheren Preis von $0 hier zum Download (Zip-Datei).

Demnächst will der Mann nach Europa kommen, dann werden sich hoffentlich Gelegenheiten bieten, ihm etwas Trink- und Haarschneidegeld in den Hut zu werfen. Das oben gezeigte Cover-Artwork stammt übrigens, ebenso wie der Hinweis auf die Platte, von Piwi. Und jetzt bitte nicht vergessen, krisenmäßig rumzumäkeln und mitzusingen: „Hey Mister, where’s my bail-out? Give me a bonus, Mister, you gave one to AIG!“

PS: Wo wir gerade bei guter Musik zur schlechten Stimmung sind, sei erneut auf den bemerkenswerten Schweinegrippe-Song von The Streets hingewiesen und auf den noch besseren Schweinegrippe-Song mit Putnam Pig.

Nackt-Pop stirbt niemals. Und Matt and Kim haben ein großartiges Video zu "Lessons Learned" gedreht.

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 23. April 2009

Unbekleidet über den Times Square zu rocken ist eine olle Kamelle, seit der nackte Cowboy in jedem Reiseführer steht. Und Nacktheit im öffentlichen Raum ist als Konzept für Musikvideos auch eher asbach. Alanis Morissettes lief als Lady Godiva durchs Video von „Thank U“ und Blink 182 taten es ihr in „What’s My Age Again“ nach.

Beide Videos sind auf YouTube allerdings nicht (mehr?) zu finden – insofern bleibt uns vielleicht nicht mehr viel Zeit, um das Video zu „Lessons Learned“ von Matt and Kim zu genießen, das trotz der nicht ganz frischen Idee zu den besten gehört, die ich in einer langen Zeit gesehen habe — aber bitte ganz zu Ende schauen!

Kostenlose Matt-and-Kim-MP3s gibt’s übrigens hier.

[via Pimpettes]

DeLon zu M.I.A.: "You ain't representing for Sri Lanka, 'cause Sri Lanka wants peace and you want war"; "Fuck your terrorist group"

Veröffentlicht in politik, popkultur von oskar piegsa am 11. Februar 2009

Anlässlich der Grammy-Performance von M.I.A. brachte die New York Times gestern einen Artikel über die politischen Statements und unterstellte Tamil-Tigers-Sympathie der Rapperin. Ganz neu ist diese Auseinandersetzung nicht, 2007 führte die Zeile „Like PLO I don’t surrender“ zum MTV-Boykott des Songs „Galang“, M.I.A. selbst brachte die Zeile mit ihrem Einreiseverbot in die USA in Verbindung.

Erst durch den NYT-Artikel bin ich auf das Video des Rappers DeLon aufmerksam geworden, der die Kritik an M.I.A. etwas pointierter vorträgt — auf ihrem eigenen Beat:

[via]