Hamburg & sein Minderwertigkeitskomplex: Man ist immer so Hauptstadt wie man sich fühlt. Hier in Hamburg, zumindest.
Hier in Hamburg gibt es ein konstantes Bedürfnis der Selbstvergewisserung. Nicht nur „schönste Stadt der Welt“ will man sein, sondern auch ständig Hauptstadt von irgendwas. Korrektur: Nicht von irgendwas. Auf keinen Fall Hauptstadt der Kinderarmut und lieber auch nicht Hauptstadt der Mietpreisentwicklung, aber doch bittesehr Kreativ-Hauptstadt, Öko-Hauptstadt und jetzt –mal wieder– Pop-Hauptstadt. Das alles ließe sich wunderbar problematisieren (Gänge, Gaier, Moorburg, Krümmel) verweist aber ohnehin nur darauf, was Hamburg nicht ist:
Hauptstadt.
The Terrordactyls sind ab sofort auf Europatournee …aber bitte nicht so dick auftragen mit dem Kazoo!
Die Jugend bezieht Lebensweisheiten nur noch aus den Simpsons und nicht mehr aus der griechischen Mythologie? Stimmt. Das könnte sich aber ganz schnell wieder ändern, wenn sich erstmal herumspricht, dass der Olymp in punkto skurrilem Humor Springfield in nichts nachsteht. Ich zumindest habe mich gewundert zu lernen, dass die mythologischen Daktyle eine „archaic race of small phallic male beings“ (laut der englischen Wikipedia) und „dämonenartige Gestalten“ (laut der deutschen Wikipedia) sind — und erstmals auftauchten, als „Rhea während der Geburt von Zeus ihre Nägel in die Erde gekrallt hatte“ (Flaum/Pandy: „Enzyklopädie der Mythologie“).
Das ist jetzt bestenfalls gefährliches Einviertelwissen, aber schon drängt sich der Vergleich zwischen den griechischen Mini-Phallus-Dämonen und der Musik auf, die die möglicherweise nach ihnen benannte Antifolk-Band The Terrordactyls spielt. Antifolk, das wissen wir spätestens seit Major Matt Mason und Kimya Dawson (oder dem sehr guten Buch von Martin Büsser), neigt dazu, anti-gigantisch und unstadionrock zu sein und gerade live zwischen verletzlichen, dämonischen und erdigen Qualitäten viel Platz für intensive, intime Momente zu schaffen. Für alle, denen jetzt schleierhaft ist, wovon ich schreibe — Antifolk geht so:
„Devices“ von den Terrordactyls — wie auch das komplette, selbstbetitelte Album von dem es stammt — zeichnet sich durch einen für meinen Geschmack etwas zu liberalen Gebrauch des Kazoos aus. (Kazoos sind wie Käse. Man denkt: das perfekte Gewürz! Kann man nicht genug von auf die Tiefkühlpizza tun! Und dann merkt man: genug vielleicht nicht, zuviel aber schon.) Trotzdem: Das Duett „Devices“, dessen weiblichen Part übrigens die besagte Kimya Dawson übernommen hat, ist schön. Nicht so schön wie das vergleichbare und kürzlich durch die Verwendung auf dem „Juno“-Soundtrack zum Minihit avancierte „Anyone else but you“, aber: schön.
Da man Antifolk-Bands aus den oben angedeuteten Gründen sowieso am besten live sehen sollte, ist die wichtigste Nachricht an dieser Stelle: Die Herren sind ab sofort auf Europatournee. Alle Termine stehen auf der MySpace-Seite der Band, unter anderem spielen The Terrordactyls am 23. September im Haus 73 in Hamburg, am 25. September in Berlin und am 30. September in Heidelberg. Der Eintritt zu solchen Konzerten kostet erfahrungsgemäß noch in der Summe aller Gäste weniger, als das Benzin, das die Band auf dem Weg dorthin verbraucht. Also bitte: hingehen. Und ruhig die CD kaufen, wenn’s gefallen hat. Auch wenn man die hier kostenlos und legal herunterladen kann.
Rock And Wrestling 2009: Diesen Freitag im Hafenklang.
Das Rock And Wrestling 2008 war womöglich die beste Hamburg-Veranstaltung des vergangenen Jahres. Diesen Freitag folgt das Rock And Wrestling 2009. Erfahrungsgemäß sollten die Karten jetzt schon ausverkauft sein. Mir egal, denn ich habe mich für eine Nachschicht mit Schreibtisch-Präsenzpflicht einplanen lassen. So blöd muss man erstmal sein. Mehr Infos auf der Website des Veranstaltungsortes Hafenklang. Meine Rückschau auf das letzte Jahr gibt es hier.
Overheard in HH: Ein Plädoyer für die engagierte Dokumentation exhibitionistischer Erlebnisse im öffentlichen Raum

Abb.: Ein Telefon hält sich die Ohren zu. Foto von KB35, via Flickr, gemäß CC-BY-Lizenz.
Mobiltechnologie ist so geil. Beim Warten auf die U3, stadteinwärts, Haltestelle Borgweg, durfte ich heute einem jungen (offenbar) Vater dabei zuhören, wie er leicht empört auf seine (offenbar) Partnerin einredete. Er könne nicht verstehen, sagte er, was so schwer daran sei, die „harten Brocken mit dem Taschentuch rauszunehmen“ und im Klo runter zu spülen, bevor die Windel in den Mülleimer kommt. Guter Punkt. Und der Mitnehmkaffee schmeckte mir gleich doppelt so lecker.
Der Rückweg war aber noch besser. Vom Display ihres Blackberrys las eine Mitfahrerin ihrer nebenstehenden Bekannten (und doch für den ganzen Wagen vernehmbar) aus dem E-Mail-Austausch mit ihrer Freundin vor. Verhandelt wurde das Topos „Urlaub von einander brauchen“ und die kniffelige Frage, ob und wann man „wir“ sagen darf, wenn man über die eigenen Gefühle redet, und ob und wann das eher verletzend und/oder eine Zumutung ist.
4 Kommentare