Wird Facebook das bessere Internet? Über die Ghettoisierung von MySpace & StudiVZ und die Diskussion mit echten Menschen.
Von der “Ghettoisierung” von MySpace und dem “White Flight” in Richtung Facebook war in letzter Zeit häufiger zu lesen. Nach Untersuchungen der Mediensoziologin Danah Boyd geben privilegierte User in den USA demnach zunehmend ihre MySpace-Profile auf und steigen bei Facebook ein, das schon ästhetisch (Club-Charakter) und historisch (ursprünglich exklusiv für College-Studenten angelegt) für Elite steht.
Die Zeitschrift De:Bug hatte angesichts dieser Beobachtung schon im März einige interessante Gedanken zu Identitätsbildung im Web beigesteuert (früher waren die superpersonalisierbaren MySpace-Seiten der Status Quo, heute die wenig variablen Facebook-Seiten; früher regierte der Spitzname, heute der Klarname; früher gab es ein Front- und ein Backend, heute fällt beides zusammen. Hier gibt’s die entsprechende De:Bug-Ausgabe als PDF zum kostenlosen Download).
Es ist wohl nicht zu vermessen, davon auszugehen, dass der VZ-Gruppe ein ähnliches Schicksal wie MySpace droht. Ich weiß nicht, ob dazu öffentlich Daten vorliegen, aber im Grunde ist es doch ein klarer Fall: Wer Freunde im Ausland hat, der kann mit dem StudiVZ nichts anfangen. Und welcher User, der sich zu einer werberelevanten Zielgruppe rechnen lässt, hat denn heutzutage — nach internationalen Praktika, Schüleraustauschen, Erasmusjahren, Weltwärts-Freiwilligendiensten und Backpacking-Touren — keine Freunde im Ausland?
Gedankensprung: Wird Facebook zum besseren Internet? Auch das ist ein eher spontaner Gedanke und als solcher ausschließlich anekdotisch begründet. Aber seit einiger Zeit scheint das Surfen, ohne mehr als einen Tab geöffnet zu haben, vom Aussterben bedroht zu sein. Egal, wem man heimlich auf den Laptop lugt, einer der geöffneten Tabs ist immer Facebook. Die Konsequenz ist, dass man sich bei Facebook, anders als bei MySpace, nur geringfügig cooler, aufregender und draufgängerischer darstellen kann, als im echten Leben. Nicht nur, weil dort alles unter Klarnamen stattfindet, sondern auch, weil längst ehemalige und zukünftige Arbeitgeber, Eltern, Ex-Freunde und Psychiater bei Facebook sind (es gibt Leute, die sich dem Klarnamen-Prinzip verweigern oder parallele Profile für echte Freunde und sonstige Bekannte führen — ist das nicht sehr viel Aufwand?).
Der Mangel an (gefühlter) Privatsphäre oder Schutzmasken hat aber auch Vorzüge. Mehr als einmal habe ich in den letzten Monaten unerwartete Denkanstöße aus Facebook bezogen, weil auf den Profilen von Freunden auch mir unbekannte Leute interessante Dinge zu aktuellen Themen (durch Status-Updates in den Ring geworfen) zu sagen hatten. Auf einmal gibt es Diskussionen zwischen Fremden — Diskussionen, die in Qualität und Umfang noch weit von Gesprächen im echten Leben entfernt sind, aber vielleicht auf dem Weg dorthin.
Das Klarnamenprinzip und die zarte persönliche Verbundenheit über einen gemeinsamen Bekannten ist dabei wesentlich, denn so wird die Qualität der Diskussionen gesichert — etwas, das meiner Erfahrung nach (vielleicht irre ich mich), den großen deutschen Nachrichten- und Meinungswebsites trotz Community-Management noch nicht gelungen ist. Auch bei Facebook gibt es dumme Sprüche (noch dazu solche, die sich als fatal erweisen können, weil sie anders als im echten Leben nicht so leicht zu überhören sind und archiviert werden). Aber grundsätzlich lässt sich doch beobachten, dass der Hass- und Idiotiepegel stark abebbt, sobald man mit echten Menschen redet und nicht mit Leuten, die sich hinter bizarren Spitznamen verbergen.
Für Leute, die heute mit dem Bloggen anfangen (sei es in der sporadischen Form gelegentlicher YouTube-Empfehlungen und sonstiger Linktipps oder mit der Veröffentlichung elaborierter Essays), könnte sich Facebook als Plattform mehr lohnen, als WordPress et. al. — bei Facebook habe ich die potentiell besseren Diskussionen und sehe die Gesichter meiner Leser. Dazu gibt’s motivationssteigernde Feedback-Funktionen wie das “Like”, die bei Blogs noch nicht vorinstalliert sind. Der Preis dafür ist allerdings der Verzicht auf die Googleability.
Dasselbe gilt neben den Menschen, auch für Medien, die bei Facebook auftreten. Obwohl ich zunächst skeptisch war, ob ich Facebook als Feedreader missbrauchen möchte und dort “Fan” der Medien werden sollte, die ich schon anderweitig verfolge, lohnt sich das schon. Klar, Fan vom “Tatort” zu sein ist eher blödsinnig, wenn da einmal pro Woche das Status Update “Nächste Folge: Sonntag 20:15!” kommt und dann 323 Menschen kommentieren: “Uh, ich freue mich schon”. Aber für Medien mit einem gewissen fachlichen Fokus und inhaltlichen Tiefgang könnte sich Facebook in punkto Diskussion und Feedback als profitabler erweisen, als die eigene Website, auf der anonym kommentiert wird.
Abschließende Frage: Entwickelt sich Facebook also zu einem parallelen, “besseren” Internet? Einem Netz, das sich zwar nicht zum Kreditkartenbetrug und Pornokonsum eignet, dafür aber die vielen Versprechen einlöst, die einst mit dem Internet verbunden waren (Vernetzung, hochwertige Diskussion, Wissenstransfer)? Eine damit verbundene spontane soziologische Frage in Hinblick auf die oben erwähnte “Ghettoisierung” wäre: um welchen Preis? Eine ökonomische: Wem gehören eigentlich die PIs?
Leseliste (#7): Hyperlinks im echten Leben, Krisenkapitalisten vs. Rezession, Mütter vs. Facebook, Nazi-Zombies & Hippie-Zombies, usw.
- Endlich: Hyperlinks emanzipieren sich vom Netz, und beglücken uns bald auch im sogenannten echten Leben. Die Idee: Zeig mit deinem Fotohandy auf ein Gebäude, und dein Fotohandy zeigt dir Links zu weiterführenden Informationen zu dem Gebäude an. Noch ist das Programm in einem experimentellen Stadium, aber: Wow. (Video) [Via Mario Sixtus / Twitter]
- Vinylverkäufe verdoppelten sich in 2008. Jetzt würde ich nur noch gerne wissen, was Herr Gorny dazu denkt. Der sagte in der aktuellen Spex nämlich, die Fetischisierung von haptischen/materiellen Tonträgern sei die falsche Musikindustriekrisen-Bewältigungsstrategie. Klar: die eine Strategie wird es wohl nicht geben. Aber vielleicht mögen music lover ja doch auch schönes Material und können sich mit der Idee anfreunden, dafür Geld auszugeben? (Text) [Via Nerdcore]
- Rezession? Nicht für private Gefängnisbetreiber in den USA. Und, könnte man ergänzend spekulieren, für andere Krisenkapitalisten vielleicht auch nicht. (Text)
- “I can’t define what pornography is but I know it when I see it” soll der US-Supreme-Court-Richter Potter Stewart mal gesagt haben. Was für einen öffentlichen Ausspruch eines Richters natürlich ein bisschen die juristische Verbindlichkeit und intersubjektive Nachvollziehbarkeit vermissen lässt, aber schön veranschaulicht, was uns immer noch für Probleme im (gesellschaftlichen und wissenschaftlichen) Umgang mit “obszönen” Medieninhalten plagen. Denn das Zitat ist von 1964, eine gesellschaftliche konsertierte Pornografie-Definition ist aber trotz wachsender ökonomischen, kulturellen und wissenschaftlichen Bedeutung der Pornografie auch Anfang 2009 noch nicht auszumachen (sehr gut dazu: diese vergriffene Arbeit von Corinna Rückert). Jedenfalls, und unabhängig individueller Einstellungen zur Pornografie als solcher, können wir uns wahrscheinlich darauf einigen, dass Facebook eine im Netz zwar gängige, aber ganz besonders blöde Unterscheidung obszöner (und damit in dem Network verbotener) und nicht-obszöner Fotos anstellt: alle Bilder auf denen (weibliche) Brustwarzen teilweise oder ganz zu sehen sind, sind demnach nicht zulässig. Wer auf seinen Fotos an den entscheidenden Stellen knapp genug bekleidet ist, entgeht deshalb der Löschung, egal, was das Foto über Kontext, Mimik, Pose, usw. an “Obszönitäten” kommunizieren mag. Stillende Mütter werden dagegen gesperrt. Und die (und damit komme ich endlich zum Link zum empfohlenen Artikel auf der Website des Time Magazine) laufen dagegen Sturm. (Text)
- Die Freunde vom FREIHAFEN-Magazin haben ein neues Heft gemacht! Im Werbetext dazu klingen sie ein bisschen so, als wären sie irgendwie gerade in der Mid-Life-Crisis (dabei sind die im Schnitt höchstens 20): “Haltet mal die Welt an, wir haben etwas zu sagen: Mensch sollte mal pausieren, innehalten und atmen. Dieses ganze Herumgerenne und von Bus zu Bahn Gehetze nervt furchtbar. Deshalb widmet sich FREIHAFEN in der neuesten Ausgabe dem Thema „Haltestelle“ und betrachtet die verschiedensten Stationen des Lebens.” Das Heft dazu ist aber wie immer lesenswert. Und steht hier zum Download. (PDF)
- Neulich hat der Spiegel (Ausgabe Nr. 50 / 8.12.2008) in “Über Schmidt” sehr schön über den 90. Geburtstag von Helmut Schmidt, die allgemeine Bohei, die darum betrieben wurde, und den gefühlten Mangel an (politischen) Führungspersönlichkeiten in Deutschland geschrieben. Ein Trost vielleicht: den Amerikanern scheint es so anders nicht zu gehen. Für einen Werbespot für die aufregende “One Laptop Per Child”-Initiative haben sie nicht einen der zahlreichenden noch lebenden prominenten Gutmenschen engagiert (denkbar wären ja: Iren mit schlechtem Brillengeschmack, antifaschistische Scientologen oder dieser eine, mit den grauen Haaren und dem Hündchen), nein, sie haben John Lennon aus dem Grab geholt. Ihr wisst schon… diesen Typen der schon vor Jahrzehnten den Trend vorweg nahm und Vinylverkäufe verdoppelte… (Text)
- Apropos “aus dem Grab geholt”! Als Ergänzung zu all den anderen schlechten Nachrichten, die uns dieses Jahr bisher erreicht haben und noch erwarten, bedauere ich sehr, bekannt geben zu müssen, dass uns 2009 die deutsche Geschichte in bester Zombietradition einholen und gehörig auf die Nerven gehen wird. Damit meine ich nicht nur den Neubau des Berliner Schlosses, sondern auch: “Dead Snow”. Die norwegische Produktion, die demnächst beim Sundance Film Festival in den USA uraufgeführt werden wird, ist neben Tarantinos anstehendem Film der zweite Horrorstreifen, in dem die Nazis die Rolle der Antagonisten übernehmen. Hier ist der Trailer. (Video)
- Die beste Muzak der Woche gibt es übrigens auf der Internetseite des Designers Akutou. Player starten und lächeln. (Audiostream)
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