Aliaa Elmahdy: Wie eine 20jährige Ägypterin den Nacktivismus rettete
Vor fünf Jahren war alles ganz einfach: Wenn eine amerikanische Frau ihre Brüste zeigte um damit den Irak-Krieg zu stoppen, dann war das einfach eine blöde Idee. So in etwa das Fazit meines damaligen Artikels über Nackt-Proteste im zuender:
Der “Nacktivismus” galt einmal als eine kreative Protestform. Tatsächlich ist er inzwischen beliebig. Und wer kam eigentlich auf die Idee, dass sich der Triebtrottel für Politik interessiert?
Damit war das Thema für mich gegessen. Wie konnte es anders sein? Selbst die Tierschützer von “People for the Ethical Treatment of Animals”, die den “Nacktivismus” einst in den Mainstream trugen, verließen sich nicht mehr allein aufs langweilige Nacktsein, sondern agitieren gegen virtuelle Tierquälerei in den quietschbunten Videospielen der “Super Mario”-Serie – das ist mal gewagt und kontrovers.
Am Wochenende feierte der “Nacktivismus” jedoch ein überraschendes Comeback in der öffentlichen Wahrnehmung, ist ein bisschen komplizierter und damit sehr viel spannender geworden.
Denn während in Ägypten Ende November die ersten freien Wahlen anstehen und die Proteste in Kairo am Wochenende so gewalttätig wurden, wie seit dem Sturz des Mubarak-Regimes nicht mehr – die New York Times berichtet von 23 Toten und 1.500 Verletzten in wenigen Tagen – kursiert in den internationalen Medien ein Nacktfoto, das die 20jährige Ägypterin Aliaa Magda Elmahdy von sich im Internet veröffentlichte (und zwar hier und NSFW) und das innerhalb kurzer Zeit hunderttausende Zugriffe verzeichnete.
“Her actions have [...] provoked outrage in Egypt, a conservative Muslim country where most women wear the veil”, berichtete etwa CNN und fragte gleich mal nach, warum Elmahdy sich öffentlich ausgezogen hat. Sie stellt sich in dem Interview als Atheistin vor und argumentiert in Richtung eines pro-sex feminism. Hier zum Beispiel ihre Antwort auf die Frage nach der Rolle von Frauen im post-revolutionären Ägypten:
I am not positive at all unless a social revolution erupts. Women under Islam will always be objects to use at home. The (sexism) against women in Egypt is unreal, but I am not going anywhere and will battle it ’til the end. Many women wear the veil just to escape the harassment and be able to walk the streets.
Ihr Nacktsein ist also – anders als bei den meisten anderen “Nacktivisten” – mehr als ein Mittel zum Zweck, mehr als eine Taktik um Aufmerksamkeit für ein politisches Anliegen zu erregen, stattdessen schon in sich eine politische Aussage. Elmahdy ähnelt in ihrem Anliegen und ihrem Protest deshalb eher der “Topfree Equal Rights Association” als “Babes Against Bush” – oder vielleicht noch den euro-amerikanischen Slutwalks für sexuelle Selbstbestimmung und gegen sexualisierte Gewalt.
Aber ab da wird es kompliziert. Zum einen ist da der Faktor “islamisch geprägtes Patriarchat”, der per Ferndiagnose kaum seriös zu bewerten ist – und damit auch die Frage: mag man sich als Europäer wirklich der pauschalen Islamkritik anschließen, die eher nach Mr Potatohead und seinen Kumpels klingt, als nach einer coolen Feministin?
Zum anderen irritiert die Lolita-Pose mit Nylonstrümpfen und lackrot nachcolorierten Schuhen – dieser kitschig erotisierte Frauenkörper, ein Bild das auch ästhetisch gewagt (oder sagen wir: grenzwertig) ist.
(Mal ganz zu schweigen von den Untiefen der internationalen Solidarität und der Aktion einer israelischen Frauengruppe, die wie schon bild.de bemerkte, doch eher halbherzig ist – denn wo Elmahdy alleine, nackt und doppelt schutzlos steht, zeigen sich ihre Unterstützerinnen zu vierzigst und auf eine Weise entblößt, die zumindest in Teilen Israels völlig unproblematisch sein sollte.)
Das Verwirrende an Elmahdys Pose – die besagten Strümpfe, Schuhe und Blume im Haar – ist aber womöglich ein ziemlich raffinierter Zug. Denn die Versuchung ist groß, als Europäer allzu unbedarft über Elmahdys Protest zu sprechen, nämlich in völliger Unkenntnis der ägyptischen Gesellschaft und Kultur (ups, bereits geschehen).
Schließlich können “wir” auf die Idee kommen, über die (post-) feministische Theorie und Protesterfahrung zu verfügen, um diese Aktion zu bewerten. Dabei haben die meisten von uns natürlich keine Ahnung.
Und zumindest einige der Ahnungslosen werden wohl peinlich berührt sein, von Elmahdy durch ihre Selbstinszinierung und ihre banal-fetischistischen Accessoires in eine Betrachterposition gezwungen zu werden, die unter anderem in ihrem Voyeurismus an die Pornofantasien von unverschleierten Haremsdamen erinnern, die in der europäischen Kunst eine gewisse Tradition haben und die kolonialistische Ausbeutung des Nahen Ostens und großer Teile des Rests der Welt begleiteten.
Eine Betrachterposition, zu der uns die um ihre Freiheit im post-kolonialen, post-revolutionären Ägypten ringende Aliaa Elmahdy herüber zu rufen zu scheint: “Halt’s Maul, Europäer!”
So denn. Der Nacktprotest ist dank Aliaa Elmahdy wieder gefährlich und kontrovers und post-kolonial geupgraded, er erreicht Phase Zwei seiner globalen Ausdehnung, die interessantesten Diskussionen laufen ohnehin nicht auf www.cnn.com und wer jetzt noch mitreden will, lernt besser Arabisch.
Nachtrag (22. September 2011): Die Deutsche Presse-Agentur berichtet vom Online-Nacktprotest chinesischer Ai Weiwei-Unterstützer(innen):
Die Bilder sind eine ironische Reaktion auf die jüngste Schikane der chinesischen Regierung gegen den 54-jährigen Künstler. Die Polizei hatte einem Mitarbeiter Ai Weiweis wegen eines harmlosen Aktfotos das Verbreiten von Pornografie vorgeworfen.
…Moment – “ironisch”, “harmlos”? Ich dachte: gerade nicht.
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