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Was die Bildungselite interessiert: n+1-Essays über quantitative Komparatistik und Rappen lernen

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 29. Oktober 2011

Über die New Yorker Kulturzeitschrift n+1 höre ich immer mal wieder den Vorwurf, es handele sich bei den Autor(inn)en um eine Ivy-League-Bildungselite, die unter sich bleibt und an das Lesen als die einzig wahre Form der Wissensaneignung glaubt.

Der Vorwurf ist nicht völlig unberechtigt. Beim Blättern in „Ein Schritt weiter“, der Suhrkamp-Anthologie mit Essays aus den ersten n+1-Ausgaben, findet man Sätze wie diesen:

In Stanford habe ich einmal mit angehört, wie zwei meiner Kommilitoninnen bei einer Fachbereichsparty mit Drinks in den Händen über [Franco] Morettis Sprechstundenzeiten debattierten.

Äh, wie bitte? Zur Orientierung: Es geht hier um einen Literaturtheoretiker und Befürworter einer quantitativen Komparatistik, der in Fachkreisen auffällt, in großen Teilen der Welt aber schlicht unbekannt sein dürfte.

Geschrieben hat den Fachschaftspartysatz Elif Batuman, Autorin von „Die Besessenen“, einem autobiografischen Buch über „Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern“.

Nichts für ungut, aber ich muss irgendwie an „Fick die Uni“ denken, einen Track, in dem die Rapper Panik, Koljah, NMZS und Danger Dan (alias Antilopengang) im vergangenen Jahr über akademische Selbstbezogenheit lästerten, einen kleinen YouTube-Hit erzielten und vielen aus der Seele zu sprechen schienen:

[Ihr] schreibt Texte über Texte und lest Bücher über Bücher und zu allem Überfluss lest ihr Bücher über Bücher und schreibt Texte über Texte – wie unkreativ. Merkt ihr nicht, dass außer euch kein Mensch so etwas liest?

(Hier kann man den Track anhören, hier kostenlos runterladen)

Immerhin, der populistische Reflex („Wir sind die 99%! Langweilige Rumsteher auf Stanford-Fachschaftspartys können uns mal!“) legt sich, sobald man in die neueste Sammlung mit n+1-Texten schaut und dort Themen findet, die einen deutlich größeren Teil der Menschen auf diesen Planeten betreffen dürften: es geht in den Essays um Tanzvideos auf YouTube, den Reiz von Barely-Legal-Pornos – und die Schwierigkeit, ordentlich Rappen zu lernen.

Entfremdungsmomente auf dem Kunsthandwerkermarkt

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 23. Oktober 2011

So sah’s 2010 auf dem Kampnagel-Kunsthandwerkermarkt aus. (Offizielles Pressefoto via Veranstalter-Website)

Heute Nachmittag auf dem „Hello Handmade“-Markt im Hamburger Kampnagel:

Es ist warm und voll und alles ist bunt und öko und plüschig und weich, junge Familien und Mädchen und Jungen und ältere Menschen (aber jung geblieben in Herz und Gemüt) drängen um Stände mit Siebdruck-Grafiken auf Recycling-Papier, kaufen Bio-Schokolade und Hanf-Handcreme und süße Lätzchen und Grinsemonster zum Kuscheln – alles, wirklich alles, handgemacht in kleinen Betrieben.

So ähnlich muss sich Adorno am Strand von Santa Monica gefühlt haben: die Sonne scheint, in der Ferne dudelt Big-Band-Jazz und von überall her kommt der Faschismus gekrochen.

Hello post-(kultur-)industrielle Gleichförmigkeit!

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Today’s lesson: If everybody is avant-garde, nobody is

Veröffentlicht in medien von oskar piegsa am 23. Oktober 2011

Mark Greif, a founder and editor of the fantastic cultural magazine n+1, talking on the phone earlier today:

When n+1 was new, people would come and say: „Oh you guys, you want to be an avant-garde magazine.“ And we would have to say: „No, no, no, we’re not avant-garde.“ And they would not understand this, they’d be like: „What do you mean? Doesn’t everyone wanna be avant-garde?“

A longer transcript of our conversation is bound to appear in the upcoming issue of Spex.

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Das resignifying des Batik-Shirts: Ein Kennzeichen der Unhippen wird hip, dann unhip, dann hip, und bald hoffentlich wieder unhip

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 20. Oktober 2011

Erkennungszeichen: Hier wohnen Hippies! Oder Hipster. Oder so. (Foto von Kirsten Jennings, CC BY-NC-ND 2.0 via flickr.com)

Im Konfirmanden-Unterricht haben wir für unsere Gute-Nachricht-Bibeln aus Leinenstoffen Schutzumschläge genäht und diese anschließend gebatikt. Das war im letzten Jahrtausend.

Es war die Zeit der Pusteln, der Zahnspangen und des sexuellen Elends, fast wie bei Heinz Strunk – und die Erinnerungen daran und an die labberigen Stoffumschläge sind womöglich die Gründe, warum es für mich völlig unverständlich blieb, als ich erleben musste, dass Hipster in diesem Jahrtausend Batik-T-Shirts zu tragen begannen.

(Ist dieser Trend schon wieder vorbei? Ich hatte es erleichtert angenommen, doch dann sah ich in der vergangenen Woche auf der Party der jungen Verlage während der Frankfurter Buchmesse einen DJ, der im Batik-Shirt hinter dem Mischpult stand und mit großer Wirkung Caribou-Platten auflegte.)

Beim Batik-T-Shirt will für mich das resignifying, also die für den hipsterism wohl grundlegende Strategie, Zeichen aus ihrem alten Bedeutungszusammenhang zu lösen und neu zu kontextualisieren, einfach nicht funktionieren.

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This modern love (is a sociological problem)

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 19. Oktober 2011

Eva Illouz during a discussion hosted by KULTURAUSTAUSCH magazine (full disclosure: I work there) at the Frankfurt Book Fair 2011

I’m halfway through reading Warum Liebe weh tut by Eva Illouz, a professor of sociology at the Hebrew University in Jerusalem.

It’s a fascinating book.

The basic assumption is that while individual suffering is a case for psychologists (or novelists), as soon as seemingly disconnected cases of individual suffering appear in great numbers, they become a sociological problem.

For example: If one woman doesn’t make it to the top of her company, this may be an existential problem for her. But if almost no woman breaks the glass ceiling, this is, in fact, a problem for all of us.

The same is true for third-generation immigrants who don’t graduate from high school.

Workers who are being exploited at their work-places.

Teenagers who commit suicide.

Etc.

So, if all of the above are sociological problems, why isn’t heartbreak and failure to commit?

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Der neue Journalismus ist der alte: Über „24 Stunden Zukunft“, die Nachwuchstagung des Deutschen Journalisten-Verbands

Veröffentlicht in medien von oskar piegsa am 10. Oktober 2011

Video: Stichwortgeberin für junge Journalisten, aber anti-Bild – Judith Holofernes von Wir sind Helden

Als sich die Unter-35-Jährigen im Deutschen Journalisten-Verband (DJV) erstmals zur Nachwuchskonferenz „24 Stunden Zukunft“ trafen, gab es in deutschen Medienunternehmen noch Tarifeinheit und Übernahmegarantien für Volontäre. Das war vor vielen Jahren, sagte Ariane Funke, Bundesvorsitzende des Fachausschuss junge Journalistinnen und Journalisten, in ihrer diesjährigen Eröffnungsrede der DJV-Fachtagung am 8. und 9. Oktober 2011 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg. Beides sei passé – dafür haben wir heute das Internet. „Gekommen, um zu bleiben“ war das Motto der Tagung in Hamburg. Doch was bedeutet das in einer Zeit, in der scheinbar alles im Umbruch ist?

„Das Internet hat den Journalismus nicht verändert“, sagte Steffen Burkhardt in seinem Impulsreferat – zumindest nicht grundsätzlich. Schon die Briefe und Rundschreiben des 18. Jahrhunderts seien „Social Media“ gewesen und die immer wieder von Hand abgeschriebene Bibel der häufigste „Re-Tweet“ der Geschichte. „Man muss das Rad nicht neu erfinden“, so der Medienwissenschaftler – auch wenn es sich heute schneller dreht.

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Re: So, who’s going to be the Republican presidential candidate?

Veröffentlicht in amerika von oskar piegsa am 5. Oktober 2011

The Atlantic just now reported:

„After much prayer and serious consideration, I have decided that I will not be seeking the 2012 GOP nomination for President of the United States,“ Palin said in an email to supporters Wednesday night [...]

q.e.d.

Die Draufgängerin – Nellie Bly lebte gefährlich, glamourös und war erfolgreicher, als für Frauen im 19. Jhd. vorgesehen (Archiv, 2010)

Veröffentlicht in amerika, medien von oskar piegsa am 5. Oktober 2011

124 Jahre hat es gedauert, bis Nellie Blys Reportage „Ten Days in a Mad-House“ jetzt auch in einer deutschen Übersetzung als Buch erschienen ist (Buch hier, Leseprobe hier, Originalvolltext hier). Im Jahr 1887, als Frauen im Journalismus noch selten waren, schlich sich Bly unter Vortäuschung einer Krankheit in eine New Yorker Frauenpsychiatrie ein – und entlarvte menschenunwürdige Zustände. Im folgenden eine kleine, hagiographische Würdigung, die ich vor einiger Zeit für das Missy Magazine geschrieben habe (erschienen in Ausgabe 1/2010):

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Nellie Bly, kurz vor ihrer Weltreise

Am 14. November 1889, dem wichtigsten Tag ihres Lebens, hing Nellie Bly über der Reling eines Transatlantikdampfers und kotzte. Die gerade mal 25 Jahre alte Reporterin war angetreten, um Phileas Fogg zu schlagen, der im Roman von Jules Vernes in 80 Tagen die Welt umreist. Nellie Bly wollte schneller sein – im echten Leben, im Winter, als Frau. Dass sie dabei erst einmal seekrank wurde, dokumentierte Bly später schonungslos – aber mit filigraner Wortwahl. „Ich beugte mich blindlings nach unten“, heißt es zu Beginn ihres Reiseberichts, „blieb unbeeindruckt davon, was mir die wilden Wellen riefen und machte meinen Gefühlen Luft.“

Eigentlich hätte Bly gar nicht um die Welt reisen sollen. Als die Idee in der Redaktion der New York World die Runde machte, waren die Kollegen skeptisch. Eine Frau auf Weltreise? Ohne männliche Begleitung? Wer würde ihre vielen Koffer tragen? Bly blieb hartnäckig und setzte sich gegen die älteren Männer durch. Sie reiste allein. Mit leichtem Gepäck. Und begleitet von so großem Medieninteresse, dass eine Konkurrenz-Zeitung Reedereien bestach, um Blys rechtzeitige Heimkehr zu vereiteln. Sie schaffte es dennoch: New York, Ägypten, Jemen, Sri Lanka, Hong Kong, New York, in 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten. Danach war Bly ein Star. Selbst Jules Verne schrieb ein Gratulationstelegramm.

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The Noise of Nature: Zebrafinken spielen Gitarre, ab sofort in Berlin

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 1. Oktober 2011

Abb. 1: Céleste Boursier-Mougenot: »From Here to Ear« (2009, Installation, Rechte vorbehalten)

Der »Sound of Nature« hat nichts mit Panflöten, Harfenklängen und harmonischem Ambient-Geplätscher zu tun. Dafür aber um so mehr mit Noise, Dissonanz und Overdrive-Geschredder. Und, oh Ironie: damit ist der »Sound of Nature« ziemlich dicht an seinem scheinbaren Gegenteil, dem Industrial.

So stellt es sich zumindest in einigen neueren Arbeiten von Künstlern dar, die der Natur mit Tonabnehmern auf die Pelle rücken – und sie dabei kein bisschen pastoral, aber dennoch sehr poetisch klingen lassen. Ich denke zum Beispiel an Olle Cornéers und Martin Lübckes »Harvest«, das die Beschaffenheit des Erdbodens hörbar und die Welt wieder zur (Vinyl-) Scheibe macht. »Harvest« wurde 2010 auf dem Dockville Festival in Hamburg ausgestellt, ich habe hier schon einmal kurz darüber geschrieben.

Daran erinnert wurde ich in dieser Woche auf der Eröffnung von »My Paris«, der aktuellen Austellung im »me Collectors Room« in Berlin, die Arbeiten aus der Privatsammlung von Antoine de Galbert zeigt (läuft noch bis 8. Januar 2012). Dominiert wird die Schau von Céleste Boursier-Mougenots Installation »From Here to Ear«. Oder genauer: akustisch dominiert. Denn durch die Ausstellungsräume im Erdgeschoss des Hauses dröhnen unstrukturierte Soundfetzen verzerrter E-Gitarren, begleitet vom Gekreische und Gezirpe mehrerer Vögel.

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