Dinosaurier, Animationsfilme & die Grenzen des Wissens …mal wieder interessante Ideen auf dem »Science Slam« gehört

Abb.: Die Dinos – ohne Slammer, dafür mit Körpergrößedoubles. (© Museum für Naturkunde/Hwa Ja Goetz)
Soeben zurück vom Science Slam im Berliner Naturkundemuseum. Versprochen waren kurze Vorträge junger Wissenschaftler vor Dinosaurierskelettkulisse. Tatsächlich waren die Dinosaurierskelette in der großen Halle des Naturkundemuseums so imposant, dass sie die Bühne mit den Vortragenden zur Kulisse degradierten. So soll es wohl sein, in der Wissenschaft: Erkenntnis vor Ego.
(Auch vom Umfang her — 400 Zuschauer! — hat sich der Science Slam seit dem Debüt, das ich vor zweieinhalb Jahren als Reporter in einem Hamburger Kneipenhinterzimmer besuchte, eindrucksvoll entwickelt.)
Der beste (weil: provokanteste) Vortrag, den ich heute gehört habe, befasste sich dann auch mit Dinosauriern. Oder genauer: mit unserer Vorstellung von Dinosauriern. Wobei die Dinosaurier hier womöglich auch als Metapher oder Platzhalter funktionieren. Science-Slammer Alexis Dworsky folgte mit seiner “Kulturgeschichte der Dinosaurier” der These, dass unsere Vorstellung von den Dinos von zwei ganz unwissenschaftlichen Faktoren mitgeprägt wird: vom Zeitgeist unserer Gegenwart (“die Urzeit als Projektionsfläche”) und von den technischen Rahmenbedingungen, denen wir unterliegen, wenn wir unsere Vorstellungen abbilden (“Darstellbarkeit formt Vorstellbarkeit”).
Das einfache Beispiel: Zu Zeiten eines der ersten animierten Dinosaurierfilme in den 1920ern, „The Lost World“, galten Dinosaurier laut Dworsky als träge, behäbige Einzelgänger. Das musste auch deshalb so sein, weil die Stop-Motion-Technik, die damals zum Einsatz kam, nur träge, behäbige Einzelgänger erlaubte:
Heute sind Dinosaurier in Filmen dagegen flink, wendig und treten in Rudeln auf – und das hat (auch) technische Gründe, weil die dank den Wundern der digitalen Animation kaum noch bewegungsgehemmten Dinos nachträglich in Realfilme eingesetzt werden, ihre Schatten (d.h. die Schatten, die sie auf die Dinge und die die Dinge auf Sie werfen) dabei aber nicht vernünftig dargestellt werden können. Dieses Manko wird kaschiert, indem die Viecher schnell geschnitten werden und immer in Bewegung bleiben:
Im übertragenen Sinne, also als konkrete Illustration für die eher abstrakte Überlegung, wie historische Kontexte auf doppelte Weise (Stichwort: Zeitgeist und Technik) vermeintlich objektives Wissen formen könnten, finde ich dieses Beispiel in seiner schlichten Prägnanz erstmal verblüffend.
Alexis Dworsky bekam keine hohe Bewertung von der Publikumsjury, was womöglich auch daran lag, dass das, was ich hier noch einmal vereinfacht wiedergebe, durch das Zeitfenster von zehn Minuten auch im Science Slam unterkomplex bleiben musste. So trennte der Referent etwa nicht sauber zwischen wissenschaftlichen und populären Dinosauriervorstellungen der verschiedenen Jahrzehnte. Dass beide vom Kontext ihrer jeweiligen Gegenwart geprägt sind, ist möglich – aber wohl nicht in gleichem Maße.
Leider scheint es eine Regel des Science Slams zu sein, dass unterkomplexe ingenieurs- und naturwissenschaftliche Präsentationen die Publikumsjury angenehm an „Die Sendung mit der Maus“ erinnern, unterkomplexe geistes- und kulturwissenschaftliche Präsentationen aber unangenehm an Quacksalberei.
Was jetzt bitte nicht als Diss der exzellenten Siegerbeiträge verstanden wird. Und Dworskys Dinosaurier-These lese ich am besten noch mal in Ruhe in ihrer Buchform nach. Jedenfalls, liebe Science-Slam-Veranstalter: Der Bildungsauftrag wurde mal wieder erfüllt. Bis hoffentlich bald, bei den imposanten Dinos im Berliner Naturkundemuseum.
Offenlegung: Ich bin vor anderthalb Jahren selbst mit einer quasi geistes- und kulturwissenschaftlichen Präsentation bei einem Science Slam in Hamburg angetreten und habe nicht gewonnen. Kann sein, dass ich das immer noch nicht ganz verkraftet habe.
[Dieses Posting wurde überarbeitet/ergänzt am 4. Oktober 2011]
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