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Schreiben über Oslo und Utøya. Von unserer Schwierigkeit, die richtigen Wörter zu finden

Posted in medien by oskar piegsa on 27. Juli 2011

Die Überforderung, die richtigen Wörter für die Ereignisse von Oslo und Utøya zu finden, ist ein Erfolg des Täters. Umso wichtiger finde ich es, dass wir uns jetzt nicht in vorschnellen Ratschlägen und Schlussfolgerungen ergehen, sondern unsere Überforderung erkennen, gestehen und diskutieren. [1]

Mit welchen Begriffen wir Dinge und Sachverhalte benennen, hat wesentlich mit der Bedeutung zu tun, die wir ihnen zuschreiben. Journalisten und andere Menschen, die öffentlich sprechen und schreiben, haben dabei eine besondere Verantwortung.

Deshalb hat mich in den vergangenen Tagen manchmal geärgert, welche Begriffe einzelne Journalisten gebraucht haben. Dieser Ärger wurde dadurch nicht weniger, dass ich selbst bei der Wortwahl unsicher bin. Im Folgenden die vier für mich zentralen Begriffe und mein Versuch, mit ihnen umzugehen. Bei zwei von ihnen sind meine Kritikansätze so eng verbunden, dass ich sie in einem Punkt ansprechen werde:

  • Soll das ein Amoklauf gewesen sein?

Die taz hat in ihrer heutigen Ausgabe das erste und vielleicht dringendste Problem der Wortwahl thematisiert. “Amoklauf, Attentat oder Terroranschlag?”, fragt die Redaktion und stellt unter dieser Überschrift zwei Texte gegenüber: Ein Interview mit der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi (hier online zu lesen) und ein kurzes Essay des Journalisten Andreas Zumach über die Geschichte des Terrorismus-Begriffs (ebenfalls online zu lesen).

“Nach der klassischen Typologisierung liegt hier weder ein Amoklauf noch ein terroristischer Akt vor”, sagt Karoline Roshdi im Interview. Stattdessen spricht sie von einem “Attentäter mit einer Amokdynamik”, der andere zu “terroristische[n] Akte[n]” ermutige. Frage: “Amoklauf, Attentat oder Terroranschlag?”, Antwort: “Ja!” – herzlichen Glückwunsch, hier lohnte sich das Expertengespräch.

Zugegeben: Es ist eine wesentliche Aufgabe von WissenschaftlerInnen, uns darauf hinzuweisen, dass manche Dinge nicht ganz so einfach sind, wir wir sie gerne hätten. Die psychologische Ferndiagnose ist ohnehin ein Mittel, dass wir vielleicht lieber den sogenannten Promi-Experten überlassen sollten. Und wenn Intellektuelle uns bei vorschnellen Schlüssen abbremsen, gebührt ihnen dafür Dank. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Frau Roshdi die Fakten nicht übervorsichtig auslegt. Weiterhin sagt sie nämlich:

[Der Täter] hat seiner Tat zwar eine rechtsextreme Ideologie zugrunde gelegt, aber wenn er wirklich politische Motive gehabt hätte, dann hätte auch der erste Anschlag gereicht. Aber er ist weitergezogen, um so viele Menschen wie möglich zu töten. Letztlich geht es da um andere psychische Verfangenheiten. Die Mordlust lässt sich nicht mit seiner Ideologie erklären.

Vielleicht verstehe ich diese Analyse falsch, aber für mich klingt das so, als habe der Täter wahllos Menschen getötet. Tatsächlich sieht es doch so aus, dass er gezielt die Insel Utøya aufgesucht, von dem dortigen Jugendlager gewusst, seine Opfer also nicht aus einer puren Mordlust rauschhaft getötet, sondern bewusst ausgewählt hat. In derselben Ausgabe derselben Zeitung (und hier online) kommentiert der Skandinavien-Korrespondent Reihard Wolff:

[Norwegens sozialdemokratische] Partei hat eine ernsthafte ideologische Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten allzu oft vermissen lassen. Das überließ sie weitgehend dem Jugendverband AUF, den Jungsozialisten. Nicht von ungefähr wurden die Organisation und ihr Sommerlager zur speziellen Zielscheibe von Behring Breiviks Hass.

Wenn die Struktur von Parteien in Norwegen der von Parteien in Deutschland auch nur annährend ähnelt, dann ist es die nicht unerhebliche Funktion eines Jugendverbandes, die Kaderschmiede oder Führungsakademie seiner Partei zu sein. Interpretiert man also zwangsweise zuviel, wenn man fragt, ob es für den Täter nicht eine doppelte Motivation gab, ausgerechnet hier zu morden? Erstens, um jene zu bestrafen, die seine Gesinnungsgenossen kritisierten und zweitens, um jene zu töten, die den Nachwuchs einer verhassten Partei zu stellen drohten?

Auf die Frage, ob Terrorismus angesichts dieser Faktenlage nicht der zutreffendere Begriff wäre, gibt Andreas Zumach keine verbindliche Antwort, sondern verweist auf die mangelnde “international anerkannte, völkerrechtlich bindende Terrordefinition”. Aber braucht es die in diesem Fall überhaupt? Vielleicht reicht ja schon die Beobachtung, mit der Zumach seinen Text eröffnet:

In den ersten 24 Stunden nach den Anschlägen in Norwegen fabulierten die sogenannten “Terrorismusexperten” aller deutschen Fernsehsender über einen islamistischen Hintergrund dieses Verbrechens und über Verbindungen des Täters in die skandinavische Al-Qaida-Szene. Seit [...] klar ist, dass Anders Behring Breivik seinen Massenmord im “Widerstandskampf gegen die Islamisierung Europas, den Multikulturalismus und den Marxismus” begangen hat, ist der Terrorismusbegriff aus der Berichterstattung über das Verbrechen schnell wieder verschwunden.

Mir jedenfalls erscheint der Terrorismusbegriff angemessen angesichts eines generalstabsmäßig geplanten mehrteiligen Anschlags, der erklärtermaßen auf eine Veränderung der Gesellschaft abzielte, der zudem von einer politischen Schrift begleitet wurde und dessen Urheber (nach allem was wir wissen) aktiver Teil einer politischen Szene gewesen ist. Und damit kommen wir zum zweiten und dritten problematischen Begriff:

  • War dieser Anschlag das Werk eines Irren und eines Einzeltäters?

Ob und welche psychischen Probleme der Täter hat und wie sie in seine Tat hineinspielen, ob er allein handelte, ob es Mitwisser gibt – all das wird sich bei den Ermittlungen und spätestens vor Gericht klären müssen. Welchen Nutzen kann es haben, darüber zu spekulieren?

Dennoch teile ich das Unbehagen des Journalisten Robert Misik, der auf der Internetseite Quantara dagegen anschreibt, den Anschlag zu entpolitisieren, indem man im öffentlichen Sprechen und Schreiben den Täter erstens isoliert und zweitens pathologisiert. Misik zitiert Richard von Weizsäcker: “Einzeltäter kommen hier nicht aus dem Nichts.” Genau diese unbedachte Formulierung war aber auch dieses Mal wieder als Titelzeile einiger früher Berichte gewählt worden: “Attentäter aus dem Nichts” (z.B. hier). Weiter schreibt Misik:

“Pietätlos”, sei es [laut FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache], jetzt die Tat des Mörders mit politischen Strömungen zu verbinden, denen er entstammt. Dass er es pietätlos findet, Dschihadisten-Anschläge mit dem Islamismus zu verbinden, hat man von Strache bisher freilich nie gehört.

Polemisch, aber punktgenau. Auf Spiegel Online schrieb Frank Patalong über den Täter: “Seit Jahren hatte er seine publizistischen Spuren in etlichen einschlägigen Blogs und auf Web-Angeboten hinterlassen.” Publizistisch und zeitweise auch parteipolitisch war er – so sieht es jedenfalls aus – mit einer (vielleicht amorphen oder wissenschaftlich nicht abschließend definierten, aber unbestreitbar existenten) neuen rechten Szene verbundenen.

Ergibt sich grundsätzlich, immer und in jedem Fall, aus der Verbundenheit mit dieser Szene die notwendige Konsequenz, terroristische Anschläge zu begehen? Natürlich nicht, sonst wären wir jetzt nicht so überrascht. Aber es ist Blödsinn und womöglich politisch motivierter Blödsinn, den Zusammenhang zwischen der Verstricktheit des Täters in dieser Szene und seinem politisch begründeten Anschlag zu leugnen.

Noch eine Bemerkung zur Patholigisierung des Täters. Man muss kein Psychologe oder Psychiater sein, um zu erkennen, dass “Irrer” und verwandte Begriffe, die in der Berichterstattung über diesen Fall nicht nur in der Boulevardpresse bemüht worden sind, zur Beschreibung des Täters denkbar schlecht geeignet sind. “Irre” sind meinetwegen Vandalen, Tierquäler oder übereifrige Automatenknacker, aber nicht ein Mensch, der Anschläge dieser Art erdacht, über Monate vorbereitet und mit großer Effizienz durchgeführt hat. In dieser Form über das Verbrechen von Oslo und Utøya zu sprechen ist schlicht falsch.

  • Hat der Täter ein Manifest verfasst?

Abschließend: Könnten wir bitte damit aufhören, das 1.500-seitige PDF namens “2083 – A European Declaration of Independence” ein “Manifest” zu nennen? Ich habe die Datei zugegebenermaßen nicht in Gänze gelesen. Aber was ich darin las – und das deckt sich in etwa mit dem, was Hans Hütt in der F.A.Z. schreibt (online hier) – verdient den Namen “Manifest” nicht, da dieser doch zumindest implizit eine gewisse Stringenz in der Argumentation, eine Dichte in der Niederschrift und eine Dringlichkeit im Stil nahelegt. Die Ehre dieser Bezeichnung gebührt dem Autoren nicht und auch nicht seinem Konvolut.


[1] Mit “uns” meine ich in erster Linie Journalisten deutscher Sprache, deren Texte ich in Tageszeitungen und Onlinemedien lese und zu denen ich mich selbst zähle, auch wenn mich meine  Arbeit bei einer quartalsweise erscheinenden Zeitschrift derzeit von der unangenehmen Aufgabe entlastet,  tagesaktuell (oder noch schneller) auf Ereignisse zu reagieren und dabei stets die richtigen Wörter parat haben zu müssen.

Eine Antwort

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  1. Mitleid said, on 8. August 2011 at 9:28

    Unsere Gedanken sind bei allen Opfern und Verwandten
    In großer Trauer werden wir dieses Ereignis nie vergessen. Das Leben muss aber weiter gehen.


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