Lust & Last & Sexualpädagogik: Ein Sonntagmittag im Museum

Abb. 1: Vergleichsweise harmloses Ausstellungsstück: Adolf Ulrik Wertmüllers “Danaë och guldregnet”
Heute Mittag im Nationalmuseum in Stockholm: Die Ausstellung “Lust & Last” (englisch: “Love & Vice”) zeigt Darstellungen von Nacktheit und Sexualität aus 500 Jahren Kunstgeschichte. Die Schlange am Ticketschalter ist lang – wohl auch, weil es draußen unaufhörlich regnet. Da wir uns im liberalen Schweden befinden, sind an den Türen der Ausstellungsräume in der zweiten Etage keine “Ab 18!”-Plaketten angebracht. Stattdessen heißt es auf der Museums-Website: “There is no reason why parents shouldn’t take their children to the exhibition – just be prepared to answer the odd embarrassing question!”
Es ist Martin van Meytens Gemälde einer Nonne zu sehen, die dem Betrachter ihren nackten Hintern zeigt, sowie Carl August Ehrensvärds satirisch-pornografische Zeichnungen, beides Künstler des 18. Jahrhunderts. Zu den zeitgenössischen Arbeiten zählt neben einem großformatig an die Wand projizierten Masturbationsvideo auch die Installation “He was an ass-man, I guess” von Lars Nillson, deren nackte, schwebende Frauenunterleiber den ersten Ausstellungsraum dominieren. Nebenan steht eine Deutsche mit ihrem vorpubertären Sohn vor einer Vitrinine, in der das verstörendste Exponat der ganzen Schau liegt: Ein alter, echter Keuschheitsgürtel.
Das eiserne Gespann wird getragen wie ein Slip, wobei der Schoßboden Schlitze für die beiden relevanten Körperöffnungen enthält, die jeweils mit dutzenden Penis-Abwehr-Zacken gesäumt sind. Mutter: “Brr.” Sohn: “Wofür ist das?” Mutter: “Das ist, damit man da nichts falsches anstellt.” Sohn: “Hä, wie?” Mutter: “Naja, ähh, also wie das funktioniert… da ist jetzt ja keine Bedienungsanleitung dabei.” Spricht’s und schiebt den Jungen weiter in den nächsten Raum. Malen wir uns besser nicht aus, was in der Zwischenzeit unter Zuhilfenahme von Google alles geschehen seien könnte.
Unklug, schrieb dazu ein gewisser Dr. Freud:
Durch die in der Kinderstube gebräuchlichen Antworten wird der ehrliche Forschertrieb des Kindes verletzt, meist auch dessen Vertrauen in die zu seinen Eltern zum erstenmal erschüttert; von da an beginnt es zumeist den Erwachsenen zu mißtrauen und seine intimsten Interessen vor ihnen geheimzuhalten.
(aus: “Zur sexuellen Aufklärung der Kinder”, 1907)
Nun steht die arme Mutter aber vor einer dreifachen Herausforderung: Sie muss Ihrem Sohn nicht nur den Sex zu erklären, sondern auch gesellschaftliche Perversionen vergangener Jahrhunderte. Und all das, während sich Rentnergruppen an ihr vorbeischieben, ihr Regenschirme und Rucksäcke in den Rücken schlagen und gegenüber ein Jungschnösel steht und sich gedanklich Notizen macht. Also doch lieber “Ab 18!”-Plaketten als “embarrassing questions”? Wie es — aus rein pragmatischen Gründen? — so gut wie überall sonst auf der Welt gehandhabt wird?
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