Gegen das Album:
Der US-Musikjournalist Bob Lefsetz ätzt in seinem E-Mail-Newsletter gegen das Albumformat:
Oh, that’s right, you’re an »artist«. Show me where in the manual it says an artist makes music in sixty minute chunks. Or that people listen to it that way. I’ve got no problem with you combining ten tracks and selling them as a CD at your concert. Or as a double vinyl package. That’s about selling a souvenir, not music. But please, stop making albums. It’s a waste of money. You lose momentum between projects.
Statt Musik künstlich zurückzuhalten und dann en bloc in einer an der veralteten Compact Disc orientierten Form zu veröffentlichen, plädiert Lefsetz für kontinuierliche Songveröffentlichungen – oder wohl auch: kontinuierliche EP-Releases wie bei Robyn. Eine derartig kraftvolle, normative Positionierung gegen das Album fehlte mir in meinem Text »Magische Positionen: Das Album im Wandel«, neulich in Spex (#331).
Aber hat Bob Lefsetz mit seiner klaren Ansage recht? Immerhin ist das Albumformat deutlich älter als die CD, also keine kurze Laune der Technikgeschichte. Und ob man Musik songweise oder in »60-Minuten-Brocken« – seien wir ehrlich, es sind eher »40-Minuten-Brocken« – hört, hängt wohl auch davon ab, wer gerade was (welches Genre? Newcomer oder alte Helden?), wo (unterwegs? zuhause?), zu welchem Zweck und auf welchem Wiedergabesystem hört.
(Bisher steht Bob Lefsetz’ Kommentar noch nicht in seinem Online-Archiv.)
Wenn man manche Alben sieht, liegt da durchaus ein Konzept oder roter Faden vor. Ich meine jetzt keine wirklichen Konzeptalben im Sinne von The Wall, aber nehmen wir ein Werk wie Pinkerton von weezer, das durchaus eine Stringenz hat.
Andere Alben wie The Trinity Session von de Cowboy Junkies bestechen durch einen gewissen “Gleichklang” bzw. positiver ausgedrückt: Atmosphäre.
Als Musiker mache ich gerne Album. So hatte meine erste Platte durchaus ein Konzept und die Songs wurden dementsprechend ausgewählt und teilweise auch geschrieben, ebenso bei meinem neuen Album. Ich erzähle keine Geschichte, gebe mir aber ein Hauptthema vor und schreibe dazu.
Ich denke, dass Bob Lefsetz hauptsächlich auf Popmusik (im kommerziellen Sinne) abzielt wo er durchaus nicht unrecht hat. Allerdings hätte er es so sagen müssen.
word.
…und danke auch für die Anmerkung als dezidiert »Albumschaffender«!
Es ist wohl so: Miles Davis macht andere Musik als Robyn. Da können andere Formate anders funktionieren.
Das Album ist im Grunde eine reine Industrienorm, der sich die Musiker anzupassen hatten.
Nachdem die Beatles begonnen hatten, Langspielplatten nicht mehr nur mit bereits veröffentlichten Singles vollzupacken, sondern auch Songs FÜR eine Langspielplatte aufzunehmen, bzw. zu komponieren, begann daraus die “Kunstform” Album zu werden. Dies orientierte such aber immer an der Industrienorm (also etwa 2×20 Minuten). Und das funktionierte auch meistens. Aber gerade im Bereich Jazz stieß die Vinylschallplatte oftmals an ihre Grenzen und man musste längere Titel teilen oder kürzen. Später passte sich das Album der CD an (nicht unbedingt zu seinem Vorteil).
Was Lefsetz sagt ist im Grunde das, was früher oder später aus reinen Kostengründen passieren wird. Das Internet und die damit einhergehende Digitalisierung hat der Industrie die Kontrolle über die Formate entzogen. Die CD, als der klassische Albumträger, muss geradezu vom Markt verschwinden, weil sie trotz Kopierschutz etc der Ursprung für den Niedergang des Albums ist. Und auch vertriebstechnische Gründe spielen dabei natürlich eine Rolle.
Aber statt von Song-Releases in Zukunft auszugehen (die ja durchaus auch ihren Sinn machen können), sollte man sich lieber darüber Gedanken machen, wie man das Album evtl. retten kann. Ich z.B. könnte auf die CD verzichten. Für Alben wieder die alte Schallplatte nutzen und für Song-Releases (Singles) die Datei. Dann hätten wir wieder zwei Formate, wie einst. Und nicht drei oder vier nebeneinander. Die Praxis einer Vinylschallplatte die CD kostenlos beizulegen, wie das ja seit einiger Zeit immer häufiger geschieht, oder eine Downloadcode, um sich das Album als mp3- oder FLAC-Datei auf den Rechner zu laden, weißt ja beinahe schon in diese Richtung.