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Anderswo (6): Zwei Rezensionen zu Büchern über Antik-Nerds

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 27. März 2011

Drüben auf Spiegel Online: Meine Rezensionsnotizen zu Marc Schweskas charmantem Romandebüt »Zur letzten Instanz« über Kybernetiker und Elektropunks in der DDR und Suelette Dreyfus und Julian Assanges stark recherchiertem, schwächelnd erzähltem Roman »Underground« über die Anfänge der Hackerszene.

Neues aus der Zombie-Forschung: Stiglegger über politische Metaphern; Drezner über Außenpolitiktheorie und Zombieabwehr

Veröffentlicht in politik, pop von oskar piegsa am 27. März 2011

Abb.: Der Zombie als politische Metapher? »Zombie Soccer Mom« von Julie Coulter (via flickr/CC)

Den Zombie als politische Metapher der Kolonialzeit und des Atomzeitalters deutet Marcus Stiglegger in seinem Essay »Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist…« kenntnisreicher und umfassender, als mir das neulich gelungen ist. Ausdrückliche Leseempfehlung, trotz der seltsamen Schlusspointe, die dem Zombie als Zeichen und »Lebensform« ein emanzipatorisches Potential zuspricht, dass sich meinem Verständnis entzieht. Stigleggers Text ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins der Kulturstiftung des Bundes erschienen, das sich im Vorgriff auf die Konferenz »Die Untoten: Life Sciences & Pulp Fiction«, vom 12.-14. Mai in Hamburg, in mehreren Beiträgen mit dem Zombie-Topos befasst.

Zombieabwehr und Außenpolitiktheorie sind derweil die Themen eines neuen Büchleins des amerikanischen Politikprofessors und Bloggers Daniel W. Drezner. Ausgehend von dem Szenario einer Zombie-Epedemie, bei dem sich – aus welchem Grund auch immer – die Toten erheben, Menschenfleisch fressen wollen und mit einem einzigen Biss ihre Opfer ebenfalls in Zombies verwandeln, analysiert Drezner, wie die verschiedenen Denkschulen und Ideologien der Internationalen Beziehungen reagieren würden.

Das ist natürlich ein didaktischer Kniff, um die Unterschiede zwischen den Schulen durchzuspielen. Darüber hinaus ist es aber auch ein intellektuelles »Spiel« im besten Sinne: schließlich geht es in der Außenpolitik auch um die — um es mit Donald Rumsfeld zu sagen — »unknown unknowns«, die unbekannten und unerwarteten Ereignisse und Variablen, auf die man sich (und das gilt jetzt wieder für fast alles im Leben) wenn überhaupt, dann nur »spielend« vorbereiten kann. Ausschließlich ironisch gemeint ist Drezners Popkulturbezug also nicht. Und außerdem mehr als ein trojanisches Pferd zur Politikvermittlung.

Drezners erste Überlegungen zur »Theory of International Politics and Zombies« sind in seinem Blog zu finden und wurden von ihm anschließend in einem Essay im Foreign-Policy-Magazin weiterentwickelt.

P.S.: In dem Bild von Julie Coulter mag der Zombie als politische Allegorie gemeint sein (nach George A. Romero, dessen zombifizierten Protagonisten nichts besseres einfällt, als auch nach ihrem Tod auf ein Einkaufszentrum zuzuwanken, hat sich der Zombie schließlich als Bild für den hirnlos konsumierenden, blind funktionieren Menschen durchgesetzt). Meine spontane Assoziation, dass womöglich Sarah Palin gemeint seien könnte, die »Hockey Mom« mit Hang zum Durchstarten und Crashen, erwies sich als falsch: Coulters Zeichnung stammt aus einer Zeit vor Sarah Palins Vizepräsidentschaftskandidatur.

Der Jugend moralische Führung durch Popkultur und Spielzeug:

Veröffentlicht in politik, pop von oskar piegsa am 26. März 2011

Abb. 1: Playmobil-Polizist verhaftet vermummten Chaoten. Für nur 3,59 Euro!

In der aktuellen Ausgabe, also pünktlich zu den heutigen Demos, veröffentlichte die Bravo ein Poster mit dem Anti-AKW-Logo: der lachenden roten Sonne mit dem Slogan »Atomkraft? Nein danke«. Dabei handele es sich um das erste »politische Poster« in der 55jährigen Geschichte des Magazins, berichtete unter anderem Meedia.de.

Dass die Teenies jetzt alle Pflastersteine werfen werden, ist derweil nicht zu befürchten — immerhin werden dank Playmobil schon Vierjährige an den Gedanken herangeführt, dass die »Vermummten« und die »Chaoten« von der Polizei in Ketten gelegt werden (s. Abb. 1).

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Die Stimme im Pop: Von ästhetisiert zu »authentisch« und wieder zurück? Neun unfertige Gedanken und ein Rock’n'Roll-Video

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 24. März 2011

I. »Das hätte ich auch malen können«, »Kunst kommt von Können«, usw.: Warum scheint es eigentlich so, als ob die intuitive Tendenz (mal ganz blöd gesagt:), einen Vermeer für künstlerisch wertvoll zu halten, einem Pollock dieselbe Eigenschaft aber abzusprechen, also dem Kontrollierten gegenüber dem Expressiven und dem Ästhetisierten gegenüber dem »Authentischen« den Vorzug zu geben, in der breitenwirksamen zeitgenössischen Musik viel weniger verbreitet ist, als in der breitenwirksamen bildenden Kunst?

II. Möglicherweise ist es schlicht & einfach eine Frage der unterschiedlichen Arten, wie wir bildende Kunst und Musik konsumieren – neuer Musik nähert man sich vielleicht eher alleine zu Hause an, auf Konzerten trifft man dann im Regelfall nur einigermaßen Überzeugte, im Museum oder in der Kunsthalle dagegen häufiger auch Uneingeweihte und Neugierige (mindestens als Schüler- oder Seniorenreise- oder verirrte Kegelgruppen).

III. Dennoch scheint es so, als würde »falscher« Gesang eher als individueller, künstlerischer, »authentischer« Ausdruck verstanden und toleriert werden als expressive Malerei. Schließlich könnte man aus den gleichen Gründen mangelnder »Handwerklichkeit« oder »Kunstfertigkeit« im Vergleich zu den »alten Meistern« auch jeden Popsänger leichtfertig in die Pfanne hauen.

IV. Im Rock (und ich denke, wir können sagen: auch in jeder anderen Spielart der Popmusik) gehe es stärker um die soziale Wirkung der Stimme, als um ihr künstlerisches Vermögen, schrieb der englische Musiksoziologe Simon Frith 1978 in seinem Buch »Sound Effects«. Diese soziale Wirkung der Stimme – was sie gespenstisch, sexy oder unvergesslich mache – sei keine musikwissenschaftliche Frage und könne nicht nur nach musikalischen Kriterien beurteilt werden. Mein spontanes Beispiel:

Der Höhepunkt des Songs »Hate to Say I Told You So« von The Hives ist, wenn Sänger Pelle Almqvist in der Mitte des Liedes beim »youuuu« die Stimme bricht. Ganz großer Moment. Nach musikalischen Kriterien aber wohl eher ein unverzeihlicher Fehler.

V. Das Ideal einer Sängerstimme wurde, wenn wir dem Gedanken von Mr. Frith folgen, mangelhaft, aber damit auch menschlich (eben »authentisch«), als es sich im Pop und Rock von ästhetischen Vorstellungen künstlerischer Perfektion emanzipierte. Elvis Presley hat ein geringeres Register als Enrico Caruso – aber er hat Millionen mehr Menschen berührt. (Oder lag’s doch nur an den Hüften und nicht an dem Organ?)

VI. Trotz der »Menschlichwerdung« der Stimme, trotz Lemmy Kilmister und Bob Dylan und anderen populären »Sängern, die nicht singen können« (wobei man schon lange suchen muss, ehe man jemanden findet, der das von Dylan noch ernsthaft behauptet — mir fallen auf Anhieb nur Jonathan Leaf und sein konservativ-revisionistisches Buch über die sechziger Jahre ein), gibt es im Mainstream Konventionen, wie eine Popstimme zu klingen hat, im Grunde genommen also eigene ästhetische Maßstäbe, die das »Authentische« in Grenzen halten. 2005 beschwerte sich die Sängerin Barb Jungr in ihrem lesenswerten Essay »Why are pop singers so samey and sexless?« über den Mangel reifer und körperlicher Stimmen im Pop. Während in »traditionellen« Musikkulturen die Klangfarben von vielen anderen Sängern, mit denen man gemeinsam musiziert, gelernt würden, übernähmen in der modernen Gesellschaft Aufnahmen, Radio und TV diese Rolle. Auf all diesen Kanälen habe sich aber die körperlose Stimme durchgesetzt:

Voices that stay in the throat, that operate above the sexual body, bring a very different and specific message, and even if we don’t consciously know all of this, we understand it on a deeper level. (…) The voices we hear seem to speak only of, and only to, youth; of sexlessness or of simulated sexuality, neither of which somehow connect with us on deeper levels.

Jungr erwähnt als Beispiele Britney Spears ebenso wie Dido und Katie Melua, Top of the Pops und American Idol.

VII. Ein halbes Jahrzehnt nach ihrem Aufsatz hat sich der von Barb Jungr beobachtete Trend fortgesetzt – zwei der meistgeklickten YouTube-Video aller Zeiten stammen heute von dem Teenie-Star Justin Bieber. In seinem in Deutschland geblockten und dennoch bis zu dieser Stunde 228.249.436-mal abgerufenen Video zu »One Time« sieht man den Milchbubi Videospiele daddeln, Dosenluftschlangen verschießen und in Quietschestimme irgendwas von ewiger Liebe singen. »Sexlessness or simulated sexuality« par excellence. (Vgl. auch: Miley Cyrus.) Angeblich hat Bieber in diesem Jahr sein Stimmbruch ereilt, wie Viva News meldet – den Nachnamen des Sängers aber dennoch onomatopoetisch und treffend auf »Biebs« verkürzt.

VIII. Zugleich wurde in den vergangenen paar Jahren zunehmend der Autotune-Effekt von Produzenten je nach Genre eingesetzt, um Aufnahmen von Stimmen nachträglich zu perfektionieren, aber auch, um sie zu verzerren, ihr also das Mangelhafte und das Menschliche auszutreiben. (Ausführlicher schrieben dazu Jace Clayton in seinem Aufsatz »Pitch Perfect« und auch Klaus Walter.) Nachdem im Rock dem »Authentischen« gegenüber dem Ästhetisiert-Artifiziellen der Vorrang gegeben wurde, scheinen wir uns nun in großem Stil wieder in eine andere Richtung zu bewegen, auch wenn wir in der populären Musik weiterhin kein perfektes (und maschinenunabhängiges) »Können« von Sängerinnen und Sängern einfordern.

IX. Und wie passt das jetzt alles zusammen, bitte?

(PS: Das musikalische Äquivalent zu »Kunst kommt von Können« ist vielleicht am ehesten »Das ist doch nur Bummbummbumm«, hat also nicht mit Stimmen, sondern mit Instrumentierung zu tun.)

Klaus Walter stresst rum:

Veröffentlicht in pop von oskar piegsa am 11. März 2011

Ui! Einer der prominentesten Popkritiker des Landes hat mich in der tageszeitung als Lebendbeispiel für einen „linke[n] Kulturpessimisten“ angeführt, der Remixe für „Trojanische Pferd[e] der neoliberalen Unterwanderung unseres Alltags“ hält. Lustig verquaster Blödsinn! Aber auch ärgerlich, denn: 1) seine Projektionen klingen fast plausibel und 2) er schummelt.

Lesen Sie hier.

Hier meine Antwort: (bei taz.de ist man wohl schon länger im verdienten Wochenende, deshalb erscheint die Replik dort noch nicht…)

Herr Walter!

ich finde etwas beunruhigend, wie ausführlich Sie das Feindbild des „Puristen“ und „linken Kulturpessimisten“ an die Wand malen, was Sie ihm alles für Ängste und irrationale Ressentiments zuschreiben und wie Sie dann, um seine angebliche Existenz zu belegen, ein einziges Zitat heranziehen. Und zwar von mir! Und dann klingt das in der Oberlehrerhaftigkeit meiner Formulierung auch noch so, als könnten Sie Recht haben!!

Mist, 1:0 für Sie.

For the record: Ich habe überhaupt nichts gegen Remixe oder „digitale Reproduzierbarkeit“ oder „neue Technologien“. Im Gegenteil: Ich finde wenig Auratisches an einer Compact Disc und will auch nicht das Internet abschalten. (Wenden Sie sich hierfür vertrauensvoll an Bill Kaulitz und Hosni Mubarak.)

Das alles wird aber auch in meiner „We’re New Here“-Kritik deutlich, wenn man sie nicht nur dort zitiert, wo ich mich an einer polemischen Pointe versuchte. Das Remixalbum „We’re New Here“ klingt gut, ist aber einer Dimension beraubt, die das Original für mich besonders interessant machte: Gil Scott-Herons scheinbar autobiographischen Texte, die es schaffen, explizit politisch, dabei aber nicht peinlich zu sein. Das und nichts anderes habe ich bemängelt.

Sie selbst erlauben sich zu Gunsten des polemischen Effekts argumentative Taschenspielertricks, wenn Sie verschweigen, dass schon „I’m New Here“ ein Album ist, dass sammelt und samplet, alte und neue Musiktraditionen und Sounds mixt, was in meiner Rezension auch gewürdigt wurde. Wenn es die Puristen und Pessimisten gibt, von denen Sie schreiben, dann werden die auch „I’m New Here“ scheiße finden. Und sich um dessen Remix nicht scheren.

Nichts für Ungut & herzliche Grüße,
Oskar Piegsa

 

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