Anderswo (6): Zwei Rezensionen zu Büchern über Antik-Nerds
Drüben auf Spiegel Online: Meine Rezensionsnotizen zu Marc Schweskas charmantem Romandebüt »Zur letzten Instanz« über Kybernetiker und Elektropunks in der DDR und Suelette Dreyfus und Julian Assanges stark recherchiertem, schwächelnd erzähltem Roman »Underground« über die Anfänge der Hackerszene.
Neues aus der Zombie-Forschung: Stiglegger über politische Metaphern; Drezner über Außenpolitiktheorie und Zombieabwehr

Abb.: Der Zombie als politische Metapher? »Zombie Soccer Mom« von Julie Coulter (via flickr/CC)
Den Zombie als politische Metapher der Kolonialzeit und des Atomzeitalters deutet Marcus Stiglegger in seinem Essay »Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist…« kenntnisreicher und umfassender, als mir das neulich gelungen ist. Ausdrückliche Leseempfehlung, trotz der seltsamen Schlusspointe, die dem Zombie als Zeichen und »Lebensform« ein emanzipatorisches Potential zuspricht, dass sich meinem Verständnis entzieht. Stigleggers Text ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins der Kulturstiftung des Bundes erschienen, das sich im Vorgriff auf die Konferenz »Die Untoten: Life Sciences & Pulp Fiction«, vom 12.-14. Mai in Hamburg, in mehreren Beiträgen mit dem Zombie-Topos befasst.
Zombieabwehr und Außenpolitiktheorie sind derweil die Themen eines neuen Büchleins des amerikanischen Politikprofessors und Bloggers Daniel W. Drezner. Ausgehend von dem Szenario einer Zombie-Epedemie, bei dem sich – aus welchem Grund auch immer – die Toten erheben, Menschenfleisch fressen wollen und mit einem einzigen Biss ihre Opfer ebenfalls in Zombies verwandeln, analysiert Drezner, wie die verschiedenen Denkschulen und Ideologien der Internationalen Beziehungen reagieren würden.
Das ist natürlich ein didaktischer Kniff, um die Unterschiede zwischen den Schulen durchzuspielen. Darüber hinaus ist es aber auch ein intellektuelles »Spiel« im besten Sinne: schließlich geht es in der Außenpolitik auch um die — um es mit Donald Rumsfeld zu sagen — »unknown unknowns«, die unbekannten und unerwarteten Ereignisse und Variablen, auf die man sich (und das gilt jetzt wieder für fast alles im Leben) wenn überhaupt, dann nur »spielend« vorbereiten kann. Ausschließlich ironisch gemeint ist Drezners Popkulturbezug also nicht. Und außerdem mehr als ein trojanisches Pferd zur Politikvermittlung.
Drezners erste Überlegungen zur »Theory of International Politics and Zombies« sind in seinem Blog zu finden und wurden von ihm anschließend in einem Essay im Foreign-Policy-Magazin weiterentwickelt.
P.S.: In dem Bild von Julie Coulter mag der Zombie als politische Allegorie gemeint sein (nach George A. Romero, dessen zombifizierten Protagonisten nichts besseres einfällt, als auch nach ihrem Tod auf ein Einkaufszentrum zuzuwanken, hat sich der Zombie schließlich als Bild für den hirnlos konsumierenden, blind funktionieren Menschen durchgesetzt). Meine spontane Assoziation, dass womöglich Sarah Palin gemeint seien könnte, die »Hockey Mom« mit Hang zum Durchstarten und Crashen, erwies sich als falsch: Coulters Zeichnung stammt aus einer Zeit vor Sarah Palins Vizepräsidentschaftskandidatur.
Der Jugend moralische Führung durch Popkultur und Spielzeug:

Abb. 1: Playmobil-Polizist verhaftet vermummten Chaoten. Für nur 3,59 Euro!
In der aktuellen Ausgabe, also pünktlich zu den heutigen Demos, veröffentlichte die Bravo ein Poster mit dem Anti-AKW-Logo: der lachenden roten Sonne mit dem Slogan »Atomkraft? Nein danke«. Dabei handele es sich um das erste »politische Poster« in der 55jährigen Geschichte des Magazins, berichtete unter anderem Meedia.de.
Dass die Teenies jetzt alle Pflastersteine werfen werden, ist derweil nicht zu befürchten — immerhin werden dank Playmobil schon Vierjährige an den Gedanken herangeführt, dass die »Vermummten« und die »Chaoten« von der Polizei in Ketten gelegt werden (s. Abb. 1).
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Klaus Walter stresst rum:
Ui! Einer der prominentesten Popkritiker des Landes hat mich in der tageszeitung als Lebendbeispiel für einen „linke[n] Kulturpessimisten“ angeführt, der Remixe für „Trojanische Pferd[e] der neoliberalen Unterwanderung unseres Alltags“ hält. Lustig verquaster Blödsinn! Aber auch ärgerlich, denn: 1) seine Projektionen klingen fast plausibel und 2) er schummelt.
Hier meine Antwort: (bei taz.de ist man wohl schon länger im verdienten Wochenende, deshalb erscheint die Replik dort noch nicht…)
Herr Walter!
ich finde etwas beunruhigend, wie ausführlich Sie das Feindbild des „Puristen“ und „linken Kulturpessimisten“ an die Wand malen, was Sie ihm alles für Ängste und irrationale Ressentiments zuschreiben und wie Sie dann, um seine angebliche Existenz zu belegen, ein einziges Zitat heranziehen. Und zwar von mir! Und dann klingt das in der Oberlehrerhaftigkeit meiner Formulierung auch noch so, als könnten Sie Recht haben!!
Mist, 1:0 für Sie.
For the record: Ich habe überhaupt nichts gegen Remixe oder „digitale Reproduzierbarkeit“ oder „neue Technologien“. Im Gegenteil: Ich finde wenig Auratisches an einer Compact Disc und will auch nicht das Internet abschalten. (Wenden Sie sich hierfür vertrauensvoll an Bill Kaulitz und Hosni Mubarak.)
Das alles wird aber auch in meiner „We’re New Here“-Kritik deutlich, wenn man sie nicht nur dort zitiert, wo ich mich an einer polemischen Pointe versuchte. Das Remixalbum „We’re New Here“ klingt gut, ist aber einer Dimension beraubt, die das Original für mich besonders interessant machte: Gil Scott-Herons scheinbar autobiographischen Texte, die es schaffen, explizit politisch, dabei aber nicht peinlich zu sein. Das und nichts anderes habe ich bemängelt.
Sie selbst erlauben sich zu Gunsten des polemischen Effekts argumentative Taschenspielertricks, wenn Sie verschweigen, dass schon „I’m New Here“ ein Album ist, dass sammelt und samplet, alte und neue Musiktraditionen und Sounds mixt, was in meiner Rezension auch gewürdigt wurde. Wenn es die Puristen und Pessimisten gibt, von denen Sie schreiben, dann werden die auch „I’m New Here“ scheiße finden. Und sich um dessen Remix nicht scheren.
Nichts für Ungut & herzliche Grüße,
Oskar Piegsa
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