Erinnerung an den Kulturkrieg: Sarah Palin vs. »Murphy Brown«

Abb.: Sarah Palin im Dezember 2008 (Photo by Bruce Tuten/CC-license)
Die amerikanische Rechte entdeckt den Pop — so die These meines Textes »Sind Konservative in the house?« in der kommenden Ausgabe der Spex (#330, ab 17.12.2010). Ich gehe darin der Beobachtung nach, dass sich amerikanische Konservative vermehrt positiv auf Bob Dylan, Rap und »South Park« beziehen, obwohl noch in den neunziger Jahren galt: Derartige Vertreter und Exponate der Popkultur sind Teufelszeug.
Der »Culture War«, von dem damals die Rede war, richtete sich gegen politische Folgen der sechziger Jahre, aber auch gegen die kulturellen Formen der Counterculture und der von ihr beeinflussten Popkultur. Kaum waren die Kommunisten den verschiedenen Lagern der amerikanischen Rechten als einendes Feindbild abhanden gekommen, musste ein neues her. Und, so schien es manchmal, koste es, was es wolle. Der Präsident George H. W. Bush griff im Wahlkampf 1992 zum Beispiel »Die Simpsons« an, sein Vize Dan Quayle die Sitcom um die alleinerziehende Mutter »Murphy Brown« und der Publizist Christopher Manion schwor Konservative darauf ein, der Rockmusik zu entsagen und nur noch Country zu hören. Country lehre Selbstkontrolle, christliche Wahrheiten und generationenübergreifende Verbundenheit, sagte Manion: »Rock’n’Roll feierte dagegen die lüsternen Exzesse der sechziger Jahre, all jene politischen, sexuellen und halluzinogenen Projekte.«
Heute sind derart schrille Stimmen leiser geworden — aber noch nicht vollständig verklungen. Eine etwas seltsame Erinnerung daran stammt aus den in dieser Woche veröffentlichten Auszügen des Buchs »America by Heart: Reflections on Family, Faith, and Flag« der ehemaligen Republikaner-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin. In ihrem Buch erneuert Sarah Palin Ex-Vizepräsident Dan Quayles fast 20 Jahre alten Diss der »Murphy Brown«. Zwar sei Palins Tochter Bristol ebenfalls eine alleinerziehende Mutter — aber immerhin verharmlose Bristol nicht, wie hart das Leben mit Kind sei. Deshalb bevorzuge Palin ihre eigene Tocher gegenüber der fiktiven Comedy-Figur aus der seit zwölfeinhalb Jahren nicht mehr fortgesetzten Sitcom: »I’m biased, of course, but given a choice of role models between Bristol and Murphy Brown, I choose Bristol.« Herzlichen Glückwunsch zu dieser Wahl.
[Nachtrag, 20.11.] Die Huffington Post veröffentlicht weitere Auszüge aus dem Palin-Buch (yes, I’m a sucker for cheap pr stunts). Hier scheint Palin nun doch den Eindruck zu bestätigen, dass die Grenzen im »Culture War« unschärfer geworden sind – harte Front gegen »Murphy Brown« hin oder her. »Juno«, ein Film aus der Feder einer tätowierten Ex-Stripperin, der von seinem tollen Soundtrack voller Bush-Hasser-Bands lebt, wird von Palin demnach offenbar als »real American« gelobt. Die Huffington Post zitiert aus dem Buch:
A European movie might have had Juno get her abortion in the opening scene and then spend the next hour and fifteen minutes smoking cigarettes and pondering the meaning of life. It would have been depressing and boring. Not here. Americans want to be entertained, but we also want to see people do the right thing, even when it’s hard and there is no prospect of being rewarded. Hooray for some in Hollywood for occasionally letting us see that.
[Nachtrag, 24.11.] Ab heute ist das Buch im Handel… fast. Amazon liefert in drei bis sechs Wochen und verbannt die Lektüre in die Zeit zwischen den Jahren. Marc Pitzke hat das Buch für Spiegel Online gelesen und ist mäßig begeistert:
Mit “America by Heart” präsentiert Palin ihr Wunsch-”America” – ein fiktives, vor Selbstsucht strotzendes Idealbild, getragen von historischen Mythen und Pseudowahrheiten, skizziert in den simpel-erhebenden Kadenzen einer Nationalhymne. [...] So oder so: Es ist das Amerika, das Sarah Palin verwirklichen will.
Was linke Spießer sind habe ich vor Jahrzehnten zuerst durch die Popdiskurse in der SPEX gelernt … Warum sollten die US-Republikaner nicht auch über diese Idioten lachen dürfen :-))
Ha! Na, wenn Sie meinen Text gelesen haben, werden Sie wissen: Ich bin nicht überzeugt, dass die Aneignungsstrategien funktionieren – wobei ich erstens nicht davon ausgehe, dass Pop inhärent “links” oder “progressive” wäre und zweitens vermute, dass “Conservative Punks”, “South Park Conservatives”, etc. nur den Anfang einer Entwicklung darstellen. Insofern bin ich gespannt, wie das weitergeht und was Sie zu diesem Diskurs beitragen.
Haha, kontern können Sie wenigstens, die “linken Spießer” ;)
Spießer sind Menschen die ihre Ansichten von überflüssigen Kategorien leiten lassen, die bestenfalls beschreibenden Charakter haben.