a c h t m i l l i a r d e n . c o m

Für Chrissie. Oder: Einige Zeilen zu der tatsächlich recht interessanten neuen Single von Jeans Team.

Veröffentlicht in pop von oskar piegsa am 20. November 2010

Abb.: Jeans Team, fotografiert mit OLYMPUS DIGITAL CAMERA von Machines Désirantes

Jeans Team, ein Elektro/Pop-Act, den ich entfernt interessant finde, seit ich als Schuljunge »Fast Forward« zu kucken begann, hat kürzlich eine Maxi mit den Tracks »Totes Kino« und »Cocktailständer« nebst zugehörigen Remixen veröffentlicht. Ich habe die Platte für eine Rezension in diesem Blog zugeschickt bekommen. Zwar habe ich kein Interesse daran, dass sich diese Praxis verstetigt (oder die damit verbundenen wöchentlichen und mit meiner protestantischen Neigung zum Schuldgefühl vollkompatiblen Promoterinnen-Nachfragen, ob und wann ich denn nun endlich was poste). Weil sich »Totes Kino«/»Cocktailständer« aber tatsächlich als eine der interessanteren Maxis entpuppte, die mir in diesem Jahr in die Hände fiel: Einige (bemühte) Zeilen zu beiden Seiten dieser feinen Scheibe.

»Totes Kino« — Der intuitiv zugänglichere der beiden Tracks. »Das ist totes Kino! Totes, totes Kino!« ist, wie zuvor bereits Jeans Teams ästhetisches Manifest des Nerd-Punks oder der Chorus ihres hübschen Wandervogel-Songs, ein Slogan, den zu skandieren Spaß macht, auch wenn man ahnt, dass man ihn höchstens halb versteht. Wieder gibt es eine assoziative Nähe zum Zeichenfundus der Moderne, diesmal zum russischen Avantgarde-Filmer Dziga Vertov und seinen Kinoki-Pamphleten, in denen Vertov in den 1920er Jahren die Zerstörung der »bourgeoisen« Konventionen des Stummfilmkinos forderte. Statt um »Kino« als Film scheint es hier aber um den Abgesang auf ein Kino als konkreten, mit Jugenderinnerungen benetzten Ort zu gehen. Das lässt sich einerseits ökonomisch lesen, vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die bevorstehende, teure Digitalisierung der Filmprojektion und des in diesem Zusammenhang befürchteten Kinosterbens. Andererseits wirft es die biografischere (und im Zusammenspiel mit der Musik vielleicht plausiblere) Frage auf: Ist der Club, als sozialer Raum voller Mythen und Versprechen, an die Stelle des Kinos getreten? Mit dem Remix »Kein Mensch« geht die Erzählung von »Totes Kino« in eine klaustrophobische Verlängerung, die weitgehend textfrei abwechselnd einladend tanzbare und leiernde, runtergepitchte Passagen mischt.

»Cocktailständer« – Der nach mehrmaligem Hören vielleicht spannendere der beiden Tracks. Der Bass auf »Cocktailständer« klingt nach Jugendzentrum, Audiolith, Beton, Rost und Neonfarben. Dennoch fehlt, was schnell nervt an Br/Atze/n — nämlich das Mackertum und der What-you-see-is-what-you-get-Lyricism des Ausrastens, die beide dicht am Schlager sind (und damit, fürchte ich, entgegen der Spießerschocker-Pose beide eher affirmativ als anarchistisch wirken). Jeans Team bringen hier stattdessen einen ambivalenten Track, dessen Text den sado-masochistischen Untertönen des distiguierten Nachtlebens nachspürt: »Hältste kurz mein Glas, ich geh tanzen«, »Gerne, danke«, klirr, klirr. Zwei Männerstimmen bekunden sich ihre gegenseitige Zuneigung, Abhängigkeit und Ausnutzungsabsicht. Dabei entsteht eine sexy Reibung zwischen einerseits den devoten Implikationen des Schicki-Micki-Gehabes und andererseits dem nu-ravigen Gebolze und der Anzüglichkeit des Titels. Konsequent, dass Riley Reinhold die Vocals in seinem Remix zu einer Abstraktion koitaler Laute dekonstruiert.

Beide Tracks zeichnen sich zudem durch einen tollen Klang aus — und sind tanzbar genug, dass ich sie auflegen würde, wenn ich DJ wäre. Bin ich, vielleicht zum Glück, aber in der Regel nicht. Die Release-Party zu »Totes Kino«/»Cocktailständer« (Alkomerz) folgt übermorgen, Montag, 22.11.2010, im Stattbad Wedding, Berlin. Die Single gibt’s als Vinylmaxi (inkl. MP3-Download), sie steht aber auch in Gänze als kostenloser Stream online.

Erinnerung an den Kulturkrieg: Sarah Palin vs. »Murphy Brown«

Veröffentlicht in amerika, popkultur von oskar piegsa am 19. November 2010

Abb.: Sarah Palin im Dezember 2008 (Photo by Bruce Tuten/CC-license)

Die amerikanische Rechte entdeckt den Pop — so die These meines Textes »Sind Konservative in the house?« in der kommenden Ausgabe der Spex (#330, ab 17.12.2010). Ich gehe darin der Beobachtung nach, dass sich amerikanische Konservative vermehrt positiv auf Bob Dylan, Rap und »South Park« beziehen, obwohl noch in den neunziger Jahren galt: Derartige Vertreter und Exponate der Popkultur sind Teufelszeug.

Der »Culture War«, von dem damals die Rede war, richtete sich gegen politische Folgen der sechziger Jahre, aber auch gegen die kulturellen Formen der Counterculture und der von ihr beeinflussten Popkultur. Kaum waren die Kommunisten den verschiedenen Lagern der amerikanischen Rechten als einendes Feindbild abhanden gekommen, musste ein neues her. Und, so schien es manchmal, koste es, was es wolle. Der Präsident George H. W. Bush griff im Wahlkampf 1992 zum Beispiel »Die Simpsons« an, sein Vize Dan Quayle die Sitcom um die alleinerziehende Mutter »Murphy Brown« und der Publizist Christopher Manion schwor Konservative darauf ein, der Rockmusik zu entsagen und nur noch Country zu hören. Country lehre Selbstkontrolle, christliche Wahrheiten und generationenübergreifende Verbundenheit, sagte Manion: »Rock’n’Roll feierte dagegen die lüsternen Exzesse der sechziger Jahre, all jene politischen, sexuellen und halluzinogenen Projekte.«

Heute sind derart schrille Stimmen leiser geworden — aber noch nicht vollständig verklungen. Eine etwas seltsame Erinnerung daran stammt aus den in dieser Woche veröffentlichten Auszügen des Buchs »America by Heart: Reflections on Family, Faith, and Flag« der ehemaligen Republikaner-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin. In ihrem Buch erneuert Sarah Palin Ex-Vizepräsident Dan Quayles fast 20 Jahre alten Diss der »Murphy Brown«. Zwar sei Palins Tochter Bristol ebenfalls eine alleinerziehende Mutter — aber immerhin verharmlose Bristol nicht, wie hart das Leben mit Kind sei. Deshalb bevorzuge Palin ihre eigene Tocher gegenüber der fiktiven Comedy-Figur aus der seit zwölfeinhalb Jahren nicht mehr fortgesetzten Sitcom: »I’m biased, of course, but given a choice of role models between Bristol and Murphy Brown, I choose Bristol.« Herzlichen Glückwunsch zu dieser Wahl.

[Nachtrag, 20.11.] Die Huffington Post veröffentlicht weitere Auszüge aus dem Palin-Buch (yes, I’m a sucker for cheap pr stunts). Hier scheint Palin nun doch den Eindruck zu bestätigen, dass die Grenzen im »Culture War« unschärfer geworden sind – harte Front gegen »Murphy Brown« hin oder her. »Juno«, ein Film aus der Feder einer tätowierten Ex-Stripperin, der von seinem tollen Soundtrack voller Bush-Hasser-Bands lebt, wird von Palin demnach offenbar als »real American« gelobt. Die Huffington Post zitiert aus dem Buch:

A European movie might have had Juno get her abortion in the opening scene and then spend the next hour and fifteen minutes smoking cigarettes and pondering the meaning of life. It would have been depressing and boring. Not here. Americans want to be entertained, but we also want to see people do the right thing, even when it’s hard and there is no prospect of being rewarded. Hooray for some in Hollywood for occasionally letting us see that.

[Nachtrag, 24.11.] Ab heute ist das Buch im Handel… fast. Amazon liefert in drei bis sechs Wochen und verbannt die Lektüre in die Zeit zwischen den Jahren. Marc Pitzke hat das Buch für Spiegel Online gelesen und ist mäßig begeistert:

Mit „America by Heart“ präsentiert Palin ihr Wunsch-“America“ – ein fiktives, vor Selbstsucht strotzendes Idealbild, getragen von historischen Mythen und Pseudowahrheiten, skizziert in den simpel-erhebenden Kadenzen einer Nationalhymne. [...] So oder so: Es ist das Amerika, das Sarah Palin verwirklichen will.

Christopher Hitchens & the banality of cancer

Veröffentlicht in politik von oskar piegsa am 18. November 2010

Since having been diagnosed with cancer, lots of articles have been published about polemicist/essayist Christopher Hitchens. Yet, only few of those are as fascinating as Andrew Anthony’s 5000 word approximation of Hitcherian character & thought:

Although Hitchens is often seen as a provocateur or a contrarian, and both are indeed aspects of his character, at heart he’s incurably in love with the dialectic. [...] The banality of cancer seems to irk him almost as much as its lethality. Lacking any dialectical substance, it affords few opportunities to escape platitude or avoid cliche. It’s a big subject, but it’s essentially small talk, and Hitchens’s style requires the elevated registers of the epic and the ironic. Anything less is like asking a high-wire artist to perform his act at ground level.

Concerning his illness, Hitchens recently wrote:

To the dumb question “Why me?” the cosmos barely bothers to return the reply: Why not?

This, it seems, is the ultimate truth the atheist has to live with.

Kübra Yücel: In den Augen seiner Gegner wird der Islam zur Hautfarbe

Veröffentlicht in deutschland von oskar piegsa am 17. November 2010

[Ich schließe] mich meinen Kritikern an und fordere einen Stopp der Islamisierung Europas. Auch ich finde es erschreckend, wie viele Menschen nun plötzlich zu „Muslimen“ gemacht werden. Unauffällige Bürger Deutschlands, die sich bis dato nie mit Religion oder dem Islam beschäftigt hatten, bekommen plötzlich ein „Muslim“-Etikett verpasst. Zack! Zum Beispiel meine atheistische iranische Freundin, die von vielen Deutschen pauschal unter der Kategorie „Muslimin“ geführt wird. Deswegen muss sie ihnen gegenüber ihre Partygänge und ihren Alkoholkonsum verteidigen. Oder ein türkischer laizistischer Bekannter, dem kein Schweinefleisch mehr angeboten wird. Die beiden wurden quasi zwangsislamisiert und hocken nun in einem Boot mit praktizierenden Muslimen. Und wie viele andere müssen nun auch sie geradestehen für eine Religion, die sie weder kennen noch kennen wollen.

…wieder einmal lohnt es sich, Kübras taz-Kolumne zu lesen.

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E & U zur Wochenmitte: Zu Mathias Énards Roman »Zone«…

Veröffentlicht in werbung fuer mich von oskar piegsa am 3. November 2010

…habe ich eine Rezensionsnotiz für die dieswöchigen Literatur-Empfehlungen auf Spiegel Online geschrieben. Und wem düstere Prosa mit reduzierter Interpunktion zu hochkulturverdächtig ist: Meinen Konzertbericht zum gestrigen Tourauftakt von Peter Maffay hat unter anderem Stern.de veröffentlicht.

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»Beruf: Teilzeitrocker«: Eine Umfrage zu den Überlebensstrategien junger Musiker in der Jugendzeitschrift yaez (November-Ausgabe 2010)

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 1. November 2010

Abb.: Titelseite der aktuellen Yaez. Überbelichtet und auf Wäscheleine gehangen.

»Beruf: Teilzeitrocker«, meine Umfrage zu den Überlebensstrategien junger Musiker und Musikindustrieller, wurde in der November-Ausgabe der Jugendzeitschrift yaez veröffentlicht. Mit Wortbeiträgen der geschätzten Damen und Herren Daniel Decker (Ex-Pawnshop-Orchestra), Kraków Loves Adana & PlusPlus Records.

Zum kostenlosen E-Paper:Hier klicken und bis auf Seite 21 blättern, bitte.

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