»All art is now great art«:
[E]very single artwork created in the current era is guaranteed by recent technological developments to last forever — to attest permanently to its own artisticness and to inspire infinite artistic regeneration and proliferation. All art is now great art.
– Christian Lorentzen: »I Was Wrong« (published in n+1′s upcoming reader »What Was The Hipster«)
Spex #329, November/Dezember 2010: Ab Freitag am Kiosk

Abb. 1: Spex #329, Nov./Dez. 2010. (Pardon wg. der Verpixelung, mein Telefon wird alt.)
Aus dem Briefkastenschlitz und durch die Jalousien starrt Ninja von »Die Antwoord«, einer Band, die viele Fragen aufwirft. Er ist Coverheld der neuen Ausgabe der Spex, die ab Freitag im Zeitschriftenfachhandel bereitgehalten wird. Und nach dem ersten, hastigen Durchblättern sehr gut aussieht. Hier geht’s zum Online-Inhaltsverzeichnis.
Wie immer ist die Lektüre-Empfehlung nicht ganz uneigennützig: Zusammen mit dem scheidenden Chefredakteur Max Dax habe ich für die aktuelle Ausgabe Antony Hegarty (Antony and the Johnsons) Lieder von Britney Spears vorgespielt. Für den Schwerpunkt »Digitale Evolution Film« mit den Filmemachern Harmony Korine (»Trash Humpers«) und Gareth Edwards (»Monsters«) gesprochen. Und für das Pop Briefing die neuen Alben von Classless Kulla & Istari Lasterfahrer, Baths, Patrice und Big Boi gehört, sowie die feine Compilation »F*<k Dance Let’s Art: Sounds from a new American Underground«.
Die Antwoord: »Satire-Rapper« oder »Internet-Phänomen«?
Häufiger als »Satire-Rapper« wird die Band der Stunde Die Antwoord wohl nur als »Internet-Phänomen« bezeichnet — ein Begriff, der den großen Vorteil hat, die Diskussion um die Güte des kürzlich erschienen Albums »$O$« hinfällig zu machen. Denn nein, »$O$« muss keine Versprechen einlösen, die die Online-Videos von Die Antwoord gaben. Diese Perfomances sind bereits die Einlösung. Die Antwoord arbeiten wie so viele große Figuren im Pop interdisziplinär und sind als »Musiker« nicht hinreichend beschrieben. Wenn der isolierte Sound des Albums hinter der Summe aus Sound, Visuals und Dramatis Personae der Internet-Video-Inszenierungen zurückbleibt, nun, dann ist das so, macht Die Antwoord aber nicht zu einer schlechteren Band.
(Ähnliche Diskussionen sind in diesem Jahr schon über Lady Gaga und HGich.T geführt worden und möglicherweise Symptom eines Nachdenkens über Pop, das in den vergangenen Jahrzehnten von einer potenten Schallplattenindustrie und einem Release-bezogenen Musikjournalismus genährt worden ist, langsam aber zum Erliegen kommt — hoffentlich.)
Noch ein weiterer Gedanke ist verknüpft mit dem Begriff »Internet-Phänomen«, nämlich dass die Verunsicherung — und damit: die Faszination — die von Die Antwoord ausgeht, mit der Distanz zunimmt und durch die Vermittlung via World Wide Web gewinnt.
Jan Kedves und Walter Wacht schreiben auf Spex.de:
[K]ein anderer Act stiftet derzeit solche Verunsicherung: Was genau bedeutet es, wenn sich zwei Kunstfiguren als verwahrloste Nachkommen des weißen Supremats Südafrikas inszenieren und damit aus dem Stand einen Fünf-Alben-Deal beim Majorlabel Interscope landen? Kurz: Darf man Die Antwoord außerhalb Südafrikas bedenkenlos gut finden?
Nitsuh Abebe führt diesen Gedanken auf NYMag.com weiter aus:
[Some South-African bloggers] think the group’s way too thin of a joke, just a dumb, one-note act meant to get a rise out of people, and nowhere near as complex as some of the other put-on personae scattered throughout hip-hop history. But if you’re farther away in the world, this is exactly where a lot of their appeal lies — in the not-really-knowing. In the being mystified and surprised. In the complexities that come out when a thin joke gets translated to a place where it just seems fascinating and alien.
Die »virale« Verbreitung der Band hat mehr als nur eine ökonomische Bedeutung: Wäre der Erstkontakt mit Die Antwoord durch die Vermittlungs- und Marketingarbeit einer euro-amerikanischen Plattenfirma geschehen, die die Band protegiert und präsentiert, dann wäre es wesentlich leichter gewesen, von »kolonialistischem Verhalten« oder »Exotisierung« zu sprechen und Die Antwoord abzutun, ohne sich auf die von ihr ausgehende Verunsicherung einlassen zu müssen.
Dass »Satire-Rapper« dagegen eine irreführende Bezeichnung ist (denn wer wird hier von wem durch den Kakao gezogen?), zeigt schon die Diskussion über die Band und ihr »Evil Boy«-Video auf BoingBoing: Die Antwoord sind kein bloßer »novelty act«, sind nicht Guildo Horn oder die Ö La Palöma Boys, sondern — so scheint es hier — führen zu einer Beschäftigung mit südafrikanischer Kultur, die nicht einmal das Rahmenprogramm der Fußball-Weltmeisterschaft anzuregen im Stande war.
»Also, was ich gehört habe ist, früher war’s ein bisschen alternativer hier«, sagt der neue Nachbar
»Empire St. Pauli«, ein Dokumentarfilm über die Stadtteilentwicklung von St. Pauli, über Häuserkämpfe und Kahlschlagsanierungen, über kreative Freiräume und die Schland- und Schlager-Schwemme, ist nicht unparteiisch, aber mit fast so vielen guten Zitaten gespickt wie »Rocker«. Und jetzt nach diversen Kinoaufführungen in Hamburg auch in Gänze online zu sehen.
[via iheartdigitallife]
»Lifestyle brands are becoming the new record labels«,…
…schreibt Ben Sisaro in einem Artikel der »New York Times«. Aufhänger ist ein Plan der Schlabberschuhfirma Converse, in Brooklyn ein Studio einzurichten, das ausgewählten Bands kostenlos zur Verfügung stehen soll. Konzernfinanzierte Sponsoring-Ansätze von Sound Foundation bis Rockliga sind auch hierzulande bekannt. Doch Sisaro schreibt weiterhin: Lifestyle-Konzerne seien nicht nur die neuen Plattenfirmen — sie böten möglicherweise auch bessere Konditionen als die alten. Converse etwa kündigte an, sich in die kreative Arbeit der Bands nicht einzumischen und keine Nutzungsrechte der Musik zu beanspruchen, nicht mal für die Verwendung in Werbeclips.
Das ist gut. Schlecht ist, dass Converse zu Nike gehört, die zwar immer wieder durch subversive Posen auf sich aufmerksam machen (vom Guerilla-Marketing in Berlin bis zur Aneignung eines Minor-Threat-Artworks), ihre Waren aber in Sweatshops produzieren lassen. Und, so hört man schon die Nostalgiker einwenden, das Versprechen von Subkultur war es doch mal, sich auf solche Sauereien nicht einzulassen. Bethany Consentino, die auch sonst happy harmlos auftretende Sängerin von Best Coast macht in dem Bericht jedenfalls keinen kritischen Eindruck.
Ein subtiler Kommentar zum Thema stammt von Ben Sisaro. Der vermeidet nämlich, die in seinem Artikel genannten Acts wie Best Coast, Vampire Weekend, Neon Indian, Kid Cudi und Chromeo auch nur einziges Mal unter einem Begriff zu subsumieren, der sonst bei Bands dieser Art schnell zur Hand ist: Independent.
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