Bei Country kriege ich Kopfschmerzen (ich weiß nur noch nicht, ob es gute oder schlechte Kopfschmerzen sind)
Video: Jamey Johnsons »High Cost of Living« (2010)
Wenn es in den Genres der Popmusik nach Nitsuh Abebe um Style und Ethos geht, dann ist mir in der Countrymusik beides fremd. Country ist faszinierend, weil es so radikal anders ist als alles in Hamburg-Ottensen. Nix Öko, Akademiker, Milchkaffee und schöne Mütter: Die Fantasien des weißen Amerikas, die im Country verhandelt werden, sind von hieraus betrachtet mindestens so exotisch wie die Fantasien des schwarzen Amerikas im Rap; der weiße Archetyp des Outlaws ähnlich »anders« wie der schwarze Gangster.
Jenseits von Johnny Cash ist Country allzuoft für komische Momente gut. Aber Lachen markiert hier wohl vor allem einen Moment der Irritation über die Differenz, den in Häme und Ressentiments auszubauen falsch und billig wäre. (Cash selbst, spekuliert Jonathan Leaf in seiner konservativen Abrechnung mit der Counterculture, sei für eine pop-sozialisierte Zielgruppe vielleicht deshalb zugänglicher als andere Country-Interpreten, weil er sich in vertrauten Rock’n'Roll-Mythen kleidete?)
Die amerikanische Zeitungskolumnistin Meghan Daum schrieb in ähnlichem Zusammenhang von zwei konträren — auf konkurrierendem Klassenhabitus basierenden — Weißseins-Entwürfen. Es geht um Working Class vs. Akademikertum, Nostalgie vs. Progressivität, Land vs. Stadt, Authentizität vs. Entfremdung, Republikaner vs. Demokraten, Country vs. Minimal, Indie, Emo, Chillwave, Animal Collective und Katie-Melua-Norah-Jones-Jamie-Cullum-Starbucks-Pop (und, ja, die schiere Masse der Genres ist notwendig, denn sie zeugt von Sophistication, so wie der Schenkelklopfer»I listen to both, Country and Western« die Engstirnigkeit der Gegenseite ausweist.)
Wir waten bereits hüfthoch in Klischees, aber verwirrt bin ich immer noch. Vielleicht ist das unvermeidbar: Dem visuellen Zeichenrepertoire von etwa dem Video zu Jamey Johnsons »High Cost of Living« unvoreingenommen zu begegnen, ist ausgeschlossen, wenn man es vor allem postmodern gebrochen aus Quentin-Tarantino- und Rob-Zombie-Filmen kennt. (Oder ironisch zitiert im — von Douglas Haddow als bourgeois bezeichneten — Hipster-Kontext.)
Ist die Wehleidigkeit des besagten Songs von Jamey Johnson aber anders zu bewerten, als jene gewisser ablehnungswürdiger studentischer Singer-Songwriter und Indietypen? Oder kann man auch Country guten Gewissens ablehnen, weil der Modernisierungsverliererhabitus die Gefahr birgt, sich politisch stets auf die unangenehmste mögliche Form Bahn zu brechen (Stichwort: Glenn Beck, Sarah Palin, Christine O’Donnel)? Letzteres ist wohl zu verneinen, wenn wir an den Obama-Unterstützer John Mellencamp denken.
Ich sehe ein: Das sind alles Fragen, die mit der Ästhetik der Musik zunächst wenig (nichts?) gemein haben. Aber sie erscheinen mir nicht unwesentlich, wenn wir auch über popkulturelle Identifikationsangebote, bzw.: Style und Ethos, nachdenken, was die Beschäftigung mit dem immer interdisziplinären »Pop« meinem Verständnis nach von der Beschäftigung mit bloßer »Musik« unterscheidet.
…to be continued…
Ohje, das was Du beschreibst kommt mir in etwa so vor, als würden Amerikaner von Deutschland reden und nur an Bayern denken. Country ist so viel mehr als nur Johnny Cash. Gerade in Deutschland gibt es viele Gute, die die Fahne hochhalten. Da denke man nur an die Kantrie-Szenerie aus Hamburg, die mit Cow auch durchaus “authentisch” sein konnte. (Cow Member Ecki Heins wanderte dann auch nach Nashville aus um dort Studiomusiker zu sein.)
Natürlich ist es schwierig die Grenzen zum Singer/Songwriter, zum Folk sind fließend. Und ist Americana oder alt. Country auch noch Country?
Auch mag ich Dir Franz Dobler nahelegen, der viel zu dem Thema zu sagen hat.
Natürlich hast Du recht, dass Country eine vornehmlich weiße Musik ist, aber auch hier gibt es überraschendes zu entdecken. Da sei Dir die Compilation Dirty Laundry – The Soul Of Black Country ans Herz gelegt.
Und wenn wir beim wirklich klassischen Country bleiben wollen. Dann gibt es da stets Hank Williams, der nicht unerwähnt bleiben sollte.
Ich bin gespannt auf Deine Fortsetzung.
Liebe Grüße,
Daniel
Lieber Daniel,
true: ich bin über das Jamey-Johnson-Video gestolpert und habe mich davon (und meiner ambivalenten Reaktion darauf) wegwehen lassen und “Country” gesagt, ganz ohne an alte Americana-Musik (oder auch Alan Lomax), Hank Williams etc., oder vereinzelte schwarze Interpreten zu denken.
Ich habe versucht, meine eigene bias zu thematisieren, aber mit Deiner Kritik hast du natürlich recht. Insofern danke ich Dir für Dein Nachsehen (beim zweiten Lesen entpuppt sich auch die Charakterisierung von Rap als missverständlich & potentiell peinlich, weil natürlich extrem selektiv) und auch für Deine Ergänzungen, die belegen, dass es sich manchmal lohnt, halbgares Zeug in ein Blog zu schreiben, anstatt ins gut verschlossene Tagebuch.
Ich sollte also präzisieren: Mich beschäftigt eine spezielle, kommerziell erfolgreiche Spielart des Country und ihre Mythenproduktion. Im Vergleich zu einer speziellen, unter weißen suburbanen Hörern kommerziell erfolgreichen Spielart des Rap und ihrer Mythenproduktion. Aber auch vor dem Hintergrund von Counterculture & Culture Wars, Tea Party und einer politisierten Lifestyle-Diskussion über das, was Meghan Daum “off-white” und “white” nennt.
Der Vergleich mit einer Postkartenversion von Bayern ist einigermaßen treffend: Was auf den ersten Blick für mich als in diesem Genre ungeschulten Hörer so aussieht, als gehe es in Richtung von US-Pendants zu Neuschwanstein und den Lustigen Musikanten, finde ich im Moment spannend. Das schließt natürlich nicht aus, dass sich dieser Ansatz noch als völliger Blödsinn entpuppt oder andere Aspekte viel interessanter sind. Ganz offensichtlich gibt es ja noch viel für mich zu entdecken.
Zum Beispiel Franz Dobler und die empfohlene Compilation, die mir bisher nicht bekannt waren.
Herzliche Grüße
Oskar
Hi Oskar,
so kritisch war das gar nicht gemeint. In Bezug auf kommerziellen Country ist vieles ja richtig, wie Du selbst sagst. Ich fand das Posting dennoch super, hab auch jetzt noch ein paar Stunden drüber nachgedacht. Ich hab sogar einige Countryplatten von DDR Künstlern, das unterscheidet sich zwar kaum von Truckstop und Co, ist aber dennoch interessant. Vielleicht blogge ich da mal drüber.
Love,
Daniel
Würde mich schon interessieren. Auf dem okayen Flohmarkt-Fund “Beat Party”, einer Amiga-Compilation, kam mir einst eine Gruppe mit dem schönen Namen Fonograf und einem Song samt Banjo, Fiddle und gestelltem Ami-Akzent unter. Einigermaßen skurril, aber dann auch wieder kaum überraschend, angesichts des offenbar ebenfalls verbreiteten Indianistik-Trend, inkl. Ost-Winnetou, etc. David Klaubert hat kürzlich einen hübschen Text über DDR-Indianer geschrieben: http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/5485/skalptaenze_im_wilden_osten.html
…und damit verabschiede ich mich in die Samstagnacht.