a c h t m i l l i a r d e n . c o m

Heäring to English lyrics… Über Musikjournalisten, die Songtexte falsch zitieren. Aus aktuellem Anlass & eigener Erfahrung. [Aktualisiert]

Veröffentlicht in medien, popkultur von oskar piegsa am 30. September 2010

[Aktualisierung 6. Oktober]: Christian Lehner antwortet in den Kommentaren. Eine etwas umfangreichere Version seines angesprochenen Das-Racist-Artikels findet sich online beim Musikexpress und ist jetzt hier und in meinem Blogposting verlinkt.

Kann man Songs lieben, deren Lyrics man nicht kapiert? Klar kann man! Man kann sogar Bücher darüber schreiben. Kann man auch als Journalist, der in der Öffentlichkeit über Musik schreibt, Songs feiern, deren Lyrics man nicht kapiert? Auch das kommt vor. Leider. Eines meiner Lieblingslieder in diesem Jahr ist »Radar Detector« von Darwin Deez und obwohl Deez im Refrain ziemlich deutlich (und ziemlich oft!) »you are a radar detector« singt, habe ich diese Zeile in der Spex einst mit »you are my radar detector« transkribiert. Autsch! Das ist zwar kein sinnentstellender Fehler, denn Darwin Deez könnte in dem Song genauso gut »my« singen wie »a«, aber peinlich ist mir das trotzdem.*

Ich fühle also mit Christian Lehner, der im aktuellen Musikexpress die HipHopper Das Racist vorstellt und ihren Mini-Hit »Combination Pizza Hut and Taco Bell« völlig falsch zitiert. In dem kurzen Artikel heißt es:

Über einen staubtrockenen Beat wiederholen Das Racist in geringfügigen Variationen den Satz „I like the Pizza Hut, I like the Taco Bell, I like the combination Pizza Hut and Taco Bell!“

Okay. Der nächste Satz hätte dem Autoren beim Niederschreiben aber selbst komisch vorkommen müssen:

Blogger schärmen von der auf den Punkt gerappten Konsumkritik.

Watt? Spinnen die mal wieder, die Blogger? Wo ist denn die pointierte Konsumkritik in der zitierten Textzeile? Liegt die Kritik in dem Wort »like« versteckt, also darin, dass Das Racist den »combination Pizza Hut and Taco Bell« nicht wie andere Fast-Food-Unternehmen »loven«, sondern auf die nächstkleinere Gefühlsbekundung zurückgreifen? Oder sind es die »geringfügigen Variationen«, welche die Konsumkritik des Textes ausmachen? (Aber dann müsste der »Burger Dance« von DJ Ötzi die Hymne aller Konsumkritiker sein.)

Des Rätsels Lösung ist, (weiterlesen…)

Bei Country kriege ich Kopfschmerzen (ich weiß nur noch nicht, ob es gute oder schlechte Kopfschmerzen sind)

Veröffentlicht in amerika, popkultur von oskar piegsa am 25. September 2010

Video: Jamey Johnsons »High Cost of Living« (2010)

Wenn es in den Genres der Popmusik nach Nitsuh Abebe um Style und Ethos geht, dann ist mir in der Countrymusik beides fremd. Country ist faszinierend, weil es so radikal anders ist als alles in Hamburg-Ottensen. Nix Öko, Akademiker, Milchkaffee und schöne Mütter: Die Fantasien des weißen Amerikas, die im Country verhandelt werden, sind von hieraus betrachtet mindestens so exotisch wie die Fantasien des schwarzen Amerikas im Rap; der weiße Archetyp des Outlaws ähnlich »anders« wie der schwarze Gangster.

Jenseits von Johnny Cash ist Country allzuoft für komische Momente gut. Aber Lachen markiert hier wohl vor allem einen Moment der Irritation über die Differenz, den in Häme und Ressentiments auszubauen falsch und billig wäre. (Cash selbst, spekuliert Jonathan Leaf in seiner konservativen Abrechnung mit der Counterculture, sei für eine pop-sozialisierte Zielgruppe vielleicht deshalb zugänglicher als andere Country-Interpreten, weil er sich in vertrauten Rock’n'Roll-Mythen kleidete?)

Die amerikanische Zeitungskolumnistin Meghan Daum schrieb in ähnlichem Zusammenhang von zwei konträren — auf konkurrierendem Klassenhabitus basierenden — Weißseins-Entwürfen. Es geht um Working Class vs. Akademikertum, Nostalgie vs. Progressivität, Land vs. Stadt, Authentizität vs. Entfremdung, Republikaner vs. Demokraten, Country vs. Minimal, Indie, Emo, Chillwave, Animal Collective und Katie-Melua-Norah-Jones-Jamie-Cullum-Starbucks-Pop (und, ja, die schiere Masse der Genres ist notwendig, denn sie zeugt von Sophistication, so wie der Schenkelklopfer»I listen to both, Country and Western« die Engstirnigkeit der Gegenseite ausweist.)

Wir waten bereits hüfthoch in Klischees, (weiterlesen…)

This is for the Weekend! Erik Omen in Atlantis: »Grade E«

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 24. September 2010

…Yemen, Bielefeld, Reeperbahn — wherever you are…

[via Alainfinkielkrautrock]

Iconoclasts vs. Capitol Hill: Lady Gaga and Terry Richardson call for an end to Don’t Ask Don’t Tell

Veröffentlicht in amerika von oskar piegsa am 18. September 2010

This is fascinating: In a surprisingly solemn video, Lady Gaga asks her fans to call up their US Senators and tell them to allow gays and lesbians to serve in the US military. (According to the current rule of Don’t Ask Don’t Tell, gays and lesbians are allowed to serve, as long as nobody knows they’re gays and lesbians. This rule was implemented as a compromise in the early ’90s, after Bill Clinton failed to integrate the armed forces due to conservative lawmakers’ resistance. There’s a chance to repeal Don’t Ask Don’t Tell in the Senate in the upcoming week.)

The video was shot by the prominent photographer Terry Richardson, who, along with his famous fashion and documentary photos, shot a much underrated, and much less solemn, music video for Whirlwind Heat’s »Purple« before.

While probably not being the most exciting piece of agit-prop in recent years, I find Lady Gaga’s and Terry Richardson’s advocacy and their aesthetic choices remarkable. It’s also noteworthy because both have been framed by mainstream as well as feminist media outlets as mindless hedonists as of late. It seems: Wrongly so!

(So, I guess the curtain is pulled now?)

For those who want to learn more about Don’t Ask Don’t Tell, I can recommend a speech by Dr. Steve Estes I had the pleasure to attend last June. Hosted by Hamburg University’s AG QueerStudies initiative, Dr. Estes talked about his research on the history of gays and lesbians in the US armed forces. You’ll find a high-quality recording of his talk on the AG QueerStudies’ website (abstract and audio in English).

[via Terry's Diary]

This is poetry:

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 17. September 2010

There’s magic and strangeness floating around in the cosmos. I just throw a lasso around the crazy shit and fly with it.

Harmony Korine on filmmaking

Is Blair Witch Project a sexist film? If so, are all horror movies?

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 17. September 2010

Final scene from Blair Witch Project: Does going downstairs mean feminist transgression?

Continuing my research on some of the classic films of the horror genre, I found this interesting bit on the gendered politics of space in 1999′s The Blair Witch Project:

Both the witch and the protagonist [Heather Donahue ...] overstep their boundaries in a world that does not accept such trespasses (the witch by the very fact that she has dared to be a witch and, in so doing, reject norms of society—and the protagonist because she investigates this transgression). „Do not go downstairs,“ „do not go into the woods,“ „do not talk to strangers,“ and „do not open the door when you are alone“ are recurring warnings in the horror genre, yet these warnings also bleed into real psychological and sociological lessons: „Do not trespass, cross gender boundaries, or stray from social norms.“ Curbing curiosity has become a horror film tradition. We learn, adopt, and agree that curiosity is a dangerous notion.

Punishing women who trespass into forbidden realms and thus threaten to aquire too much knowledge and become too powerful has been a constant theme in horror movies, Deneka C. MacDonald argues.

(Actually, one could even extend MacDonald’s feminist reading/criticism by pointing out that in horror flicks, women who exert too much power in the domestic realm are punished as well, cf. Psycho.)

Yet, I’m not sure (weiterlesen…)

Untote, 1932–1968: Die Entwicklung des Zombiefilms von Halperins »White Zombie« bis Romeros »Night of the Living Dead«

Veröffentlicht in amerika, popkultur von oskar piegsa am 15. September 2010

»White Zombie«: Der komplette Film auf YouTube

Wenn im akademischen Milieu von Zombiefilmen die Rede ist (zuletzt etwa in der Juni/Juli-Ausgabe der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung), dann reicht der Blick selten hinter das Jahr 1968 und die Veröffentlichung von George A. Romeros »Night of the Living Dead« zurück. Dabei ist mindestens aus historischen Gründen interessant, was in den 35 Jahren zuvor passierte und wie radikal sich die Genreformel des Zombiefilms in dieser Zeit wandelte. Exemplarisch zeigt sich das im Vergleich von »Night of the Living Dead« mit Victor Halperins »White Zombie« aus dem Jahr 1932.

»White Zombie« erinnert an klassische Gruselgeschichten, inklusive traditioneller Dramaturgie und Happy End. Ein junges, weißes, amerikanisches Paar – Neil und Madeleine – kommen nach Haiti um dort zu heiraten. Ihr Gastgeber, ein gewisser Beaumont, ist Madeleine verfallen und versucht die Hochzeit aufzuhalten um die Braut für sich zu gewinnen. Dazu schmiedet er einen Pakt mit dem Teufel, bzw. dem teuflischen Legendre, einem weißen Plantagenbetreiber, der Zombies als untote Sklaven für sich schuften lässt. Legendre verwandelt mit Hilfe eines Voodoo-Rituals Madeleine in den namensgebenden »White Zombie«. Viel zu spät erkennt Beaumont angesichts der seelenlosen Madeleine die Ausmaße seines Verbrechens und bittet Legendre, sie wieder lebendig zu machen. Dieser lehnt ab und vergiftet Beaumont, der zum Höhepunkt des Films, als Neil mit Hilfe eines Missionars aufbricht, Madeleine zu retten, sich samt Legendre von einer Klippe stürzt. Happy End, denn: Mit dem Tod des weißen Voodoo-Meisters ist auch sein Fluch gebrochen. Die Schuld des in seiner Leidenschaft zum Verbrecher gewordenen Beaumont wurde durch sein Selbstopfer gesühnt, die Liebenden wieder vereint und auch der Missionar darf triumphieren, ist doch die Macht des Heidentums nach Legendres Tod gebrochen oder zumindest geschwächt.

So banal diese Geschichte klingen mag, (weiterlesen…)

Könnte der Fall Sarrazin auch in den USA passieren? Nein, sagt Dalia Fahmy, die vermutlich Bescheid weiß

Veröffentlicht in amerika, deutschland von oskar piegsa am 8. September 2010

Thilo Sarrazin und die USA — Versuch einer Annäherung. (CC-Foto von Bud Spencer via Flickr)

Dalia Fahmy, amerikanische Mitarbeiterin bei der Tageszeitung Die Welt, geht in einem Artikel der Frage nach, ob die Sarrazin-, äh, Debatte so auch in den USA hätte passieren können. Ihre Antwort: Nein.

Amerikaner – zumindest diejenigen, die internationale Ereignisse verfolgen – kratzen sich am Kopf: Wie kann ein etablierter Politiker mit so einer hohen Stelle bei der Deutschen Bundesbank so viel Unsinn veröffentlichen? Und warum debattieren die Deutschen endlos darüber, ob er Recht hat oder nicht?

Womit das Thema eigentlich gegessen wäre, denn genau dieselben Fragen stellt man sich ja auch als Deutscher (wenn man den Kopf noch nicht in den Sand gesteckt hat, oder sich leidenschaftlich in Meta-Diskussionen über Meinungsfreiheit oder anstehende Korrekturen des Parteispektrums ergeht).

Dennoch lohnt es sich, Fahmys Text zu lesen, weil er auf einige interessante Unterschiede zwischen Deutschland und den USA hinweist — was die Demografie und Debattenkultur angeht. Fahmys Thesen: Amerikaner diskutieren sachorientierter, Amerikaner haben weniger Angst um ihre Kultur (die englische Sprache ausgenommen) und amerikanische Muslime bilden einen heterogeneren Bevölkerungsblock, sind wohlhabender und gebildeter — da fallen pauschale Aussagen schwerer. Gerade den letzten Punkt empfinde ich als einen wertvollen Denkanstoß. Welche Rolle spielen soziologische und wirtschaftliche Faktoren, welche kulturelle? Diese Fragen sind mit einiger Sicherheit für die Wahrheitsfindung dienlicher, als Rassenkunde für Nachgeborene.

Schade ist nur Fahmys Schlusspointe, mit der sie den Deutschen und ihren blöden Vorurteilen, die sie eben noch so eloquent angriff, zwei bis drei Schritte zu weit entgegenkommt:

Vielleicht der überzeugendste Grund, warum die Sarrazin-Debatte nie in den USA stattfinden würde: Die Amerikaner lesen keine Bücher.

Was ich, mit Verlaub, für Unsinn halte. Denn erstens möchte ich mal wissen, wer in Deutschland das Sarrazin-Buch gelesen hat, der sich jetzt in die Debatte verwickelt sieht; zweitens stammen die explosivsten Aussagen Sarrazins ja gar nicht (nur) aus dem Buch; drittens kuckt auch die Mehrheit der Deutschen lieber Fernsehen als Sachbücher zu lesen, aber das sind vielleicht einfach nicht die Leute, die lautstark Debatten führen; und viertens kann ich mir nicht vorstellen, dass ein nationaler Politiker in den USA keinen Furor auslöst, wenn er von Judengenen quatscht.*

Dennoch: Chapeau für Ihren Kommentar, Frau Fahmy!

(*dabei, full disclosure, bin ich noch nicht mal auf der Seite von John Mearsheimer und Stephen Walt, deren Israel-Lobby-These von Walter Russell Mead hübsch auseinandergepflückt wurde.)

Beschlagwortet mit:,

Die Frisur dieses Mannes schreit »Authentizität!«

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 6. September 2010

…sein Geldbeutel leider auch. Seid so gut und überweist Klaus Farin euer Taschengeld. Nicht für ihn selber. Sondern damit das von ihm gegründete Archiv der Jugendkulturen bestehen bleiben kann, eine einmalige, durch ehrenamtliche Arbeit getragene, unsubventionierte Fachbibliothek. 700 Quadratmeter mit Fanzines, Schülerzeitungen, Jugendmedien, Sekundärliteratur. Kurz: Eine Schatzkammer, die in Berlin-Kreuzberg zur kostenlosen Nutzung offen steht. Und jetzt kurz vor dem Aus ist, wenn nicht eine Stiftung gegründet wird.

Warum das Archiv wichtig ist, erklärt Klaus Farin selbst am besten — in dem Video oben. Einen Spendenaufruf samt Kontakt- und Überweisungsdaten gibt es hier. Es sind noch 50 Tage Zeit, bis der Mietvertrag ausläuft.

[Video via Spreeblick]

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