»Hamburg Harley Days« — die netteste Ü40-Party der Stadt (2008)
Harleyfahrer: Bis Freitag dachte ich, dass die so gefährlich sind, wie das Motorradfahren selbst. Dass sie wild sind und gesetzlos und eine Spur aus Urin, Asche und Knochensplittern hinter sich herziehen. Dann war ich auf den Hamburg Harley Days. Und da haben die Harleyfahrer bloß ein paar leere Plastikbecher hinterlassen, sauber in Mülleimern entsorgt.
Die Hamburg Harley Days sind eines der größten Biker-Treffen Europas. Ein Wochenende dauert das Spektakel; von mehr als einer halben Millionen Besuchern und 75.000 anwesenden Motorrädern werden die Veranstalter anschließend sprechen. Der erste Motorradfahrer, den ich dort treffe, ist Karl-Heinz Meister. Seit 17 Jahren fährt der Pinneberger Harley. »Wir sind Rentner und fahren wenn wir Zeit haben. Und wir haben viel Zeit«, sagt er. Wir – sind das er und seine Rockerbande? »Nee, sowas gibt’s ja gar nicht. Ich fahre immer mit meiner Frau.« Andere Rentner sammeln Münzen, oder kümmern sich um den Hibiskus. Karl-Heinz Meister fährt Harley mit seiner Gattin. »Ich kauf’ mir ein Motorrad und einen Lederdress und fege durch die Gegend mit 110 PS, oho, oho, oho«, sang schon Udo Jürgens in dem Lied »Mit 66 Jahren« über seine Lebensabendsplanung. Aber Harley-Fahren – da ging’s doch mal um Outlaw-Ethos. Gibt’s den etwa nicht mehr?
Günther Hahn und Wolfgang Marquardt müssten das wissen. Beide sind vom Checkpoint Chapter Hamburg, einem Ortsverband des offiziellen Harley-Fahrer-Verbands. Während der Harley Days organisieren sie Schnupperfahrten. Wer mit einem Motorradführerschein vorbei kommt, darf einen kostenlosen Ausritt durch St. Pauli wagen. »Von 25 bis open end« sei hier das Einstiegsalter, sagt Günther Hahn und erklärt am eigenen Beispiel, was »open end« bedeutet. »Rate mal, wie alt ich bin«, sagt er. Es stellt sich heraus: er ist 70. Fährt Motorrad seit 50 Jahren. Harley seit zehn. »Angefangen habe ich mit einem Motorroller, das war 1958, da hatte ich gerade meinen Führerschein«, sagt er.
»Harley, das war damals oh-Gott-oh-Gott-oh-Gott«, sagt Wolfgang Manhardt. »In unserem Dorf gab’s das ja nicht.« Der 57-Jährige ist Präsident des Checkpoint Chapters, organisiert Ausflüge und einmal im Monat einen Stammtisch am Hamburger Stadtrand. »Wir machen auch Charity«, sagt Hahn, »das kann man ruhig noch dazu schreiben.« Und Marquard erläutert: »Wir haben im letzten Jahr eine Kindertagesstätte in St. Pauli renoviert und da 1000 Arbeitsstunden reingesteckt.« Sind Motorradrocker nicht dafür bekannt, Häuser abzureißen anstatt sie zu renovieren, frage ich. Präsident Marquardt ist irritiert. Dass hier ein Jungreporter vorbei kommt und versucht auf die Fresse zu kriegen, hat er nicht erwartet. »Diese Frage haben wir jetzt nicht gehört«, sagt er höflich.
Aus einem Cocktailstand dröhnt Bob Marley. Einige Schritte weiter gibt es Poffertjes, Fischbrötchen und Bratwurst vom Schwenkgrill. Wer jünger ist als 39 steht hinter Thresen, verteilt Flyer oder tanzt halbnackt vor den Objektiven der versammelten Amateurfotografen. Kurz: Die Jungen sind nicht hier, um die Harley-Szene vor ihrem demographischen Schicksal zu bewahren. Die Harley-Tage sind eine riesige Ü40-Party. Eigentlich hätte ich mir das ja denken können. Easy Rider, der Motorradfilm, der einst gegen die herrschenden Auffassungen zu Moral und Filmkunst rebellierte, wurde vor 39 Jahren gedreht. Und als sich Hollywood das letzte Mal der Motorradfahrer annahm, kam dabei Wild Hogs heraus, eine Komödie über alternde Ex-Rocker. Einer von ihnen wurde gespielt von Disco-Tänzer und Scientologe John Travolta – da waren nicht mal die fiktiven Kino-Rocker angsteinflößend.
Früher mögen Motorradfahrer mal Outlaws und Staatsfeinde gewesen sein, seit vergangenem Jahr in München wissen wir, dass junge U-Bahn-Fahrer viel gefährlicher sind. Die Harley-Szene, so vermittelt die Veranstaltung, ist das Gegenteil: alt und ganz nett. Kurz bevor ich gehe, fällt mir Pia Salchert auf. Die 20-Jährige trägt ihr Haar blondiert, eine schwarze Lederjacke und Leopardenfell-Slipper. »Ich dachte ich gucke mir das hier mal an, weil es kostenlos ist und hier Bands spielen«, sagt sie. »Aber Motorrad fahre ich nicht. Ich habe von meinen Eltern eingebläut bekommen, dass das gefährlich ist.« Sie hält inne. »Ich stelle mir das schon cool vor, Route 66 und so. Vielleicht später mal.«
Aus aktuellem Anlass: Eine leicht überarbeitete Fassung meines Textes über die Hamburg Harley Days 2008. Damals unter der Überschrift »Born To Be Wild« im Zuender erschienen. Mein Rumgereite auf dem Outlaw-Klischee war damals geprägt von Hunter S. Thompsons tollem Buch »Hell’s Angels: The Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs« aus dem Jahr 1966 und hat sich durch die seit 2008/2009 rege diskutierten deutschen »Rockerkriege« zwischen Hells Angels und Bandidos zugegebenermaßen relativiert.
[...] oder Youtube tun. Und weil es viel zu viele gute Blogs aus Hamburg gibt, hier ein paar weitere Berichte über die Harley [...]