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Lee Daniels Film »Precious« und amerikanische Sozialpolitik

Posted in amerika by oskar piegsa on 27. März 2010

Trailer zu »Precious«. (Bitte den penetranten R&B-Soundtrack ignorieren, der im Film nicht vorkommt.)

Ich habe gestern Abend Lee Daniels Film »Precious« gesehen (läuft in Hamburg OmU im Abaton) und, ja, es lohnt sich. »Precious« erzählt die Geschichte der 16-Jährigen C. Precious Jones, die in einer in jeder Hinsicht dysfunktionalen Familie aufwächst. Barbara Schweizerhof, die den Film für Spex rezensiert, schreibt:

Precious ist nicht ›nur‹ übergewichtig, schwarz und vom eigenen Vater schwanger, sie wird auch von der eigenen Mutter gedemütigt, geschlagen und missbraucht, kann weder lesen noch schreiben, hat bereits mit zwölf Jahren ein Kind mit Downsyndrom zur Welt gebracht, ebenfalls gezeugt vom drogensüchtigen Vater, der sie zudem, fast ahnt man es schon, mit HIV infiziert hat. Dabei liegt der eigentliche Horror, der von diesem Film ausgeht, in der bündigen Darlegung, wie eng all diese Elendserscheinungen zusammenhängen, wie sich das eine aus dem anderen ergibt, Missbrauch und Lernstörungen, Selbsthass und Übergewicht, Drogensucht, Inzest und Krankheit.

Eine wichtige Figur für den Film ist Precious Mutter Mary, die abgebrüht und kontrolliert auftritt, wenn es sein muss (zum Beispiel, wenn die Dame vom Sozialamt zu Besuch kommt), ansonsten aber, wie Barbara Schweizerhof schreibt, die Klischees, die Ronald Reagan und andere einst vom Typus der »Welfare Queen« entwarfen, noch übertrifft. Unterstützt durch staatliche Sozialhilfe lässt Mary sich gehen und terrorisiert ihre Tochter auf jede erdenkliche Weise — auch deshalb, weil sie Precious die Schuld dafür gibt, seit Jahren kontinuierlich von ihrem Vater vergewaltigt worden zu sein, einem Mann, der doch Mary begehren sollte und nicht die eigene Tochter.

Das Drehbuch des Filmes basiert nicht auf einer »wahren Geschichte«, sondern auf dem Roman »Push« der Schriftstellerin Sapphire — aber dennoch dürfte es vielen Zuschauern schwerfallen, »Precious« als von der Realität gänzlich isolierte Fiktion zu betrachten. Mir geht es zumindest so, denn seit ich »Precious« gesehen habe, frage ich mich, wie die Handlung wohl verlaufen wäre, würde sie nicht 1987 spielen, sondern zehn Jahre später — oder heute.

1996 hat US-Präsident Bill Clinton die Gesetzesentwürfe unterzeichnet, die ihm der damals von den Republikanern kontrollierte Kongress zur Reform der amerikanischen Sozialpolitik vorlegte. Seitdem ist die Sozialhilfe selbst für Alleinerziehende auf lebenslang maximal fünf Jahre begrenzt. 2001 sagte der früheren Clinton-Mitarbeiter und Kritiker der Reform, Peter Edelman, in einer Rede (Download einer Transkription als PDF):

We did need to reform this thing that we call welfare-cash assistance for families with children, what used to be called Aid to Families with Dependent Children, and is now Temporary Assistance for Needy Families, or TANF. It was not a satisfactory program. It was not helping families get out of poverty, it wasn’t helping parents to find work, and it wasn’t protecting children.

Wie eine Illustration zur Veranschaulichung des letzten Satzes wirkt der Film »Precious«, in dem die Transferleistungen Mary nur in ihrem Elend stabilisieren. Fraglich bleibt indes, ob die liberale Annahme haltbar ist, eine Erhöhung des Drucks auf Hilsfbedürftige entspreche einer besseren Sozialpolitik. Clinton wird mit den Worten zitiert, Welfare sei »A second chance, not a way of life,« und so einleuchtend wie das klingen mag, so beliebt war seine Reform — obwohl sie Kern des republikanischen Wahlprogramms war und unter Demokraten umstritten.

Edelman legte aus Protest sein Amt in der Clinton Administration nieder, als das Gesetz implementiert wurde. Seitdem arbeitet er für das Center on Poverty, Inequality, and Public Policy an der Georgetown Universität und versuchte sich in der besagten Rede an einer ersten Bilanz der Clinton’schen Sozialreform im Jahr 2001, nach dem Ausscheiden des Präsidenten aus seinem Amt. Demnach waren 2001 immerhin 60 Prozent derjenigen, die seit der Reform keine Sozialhilfe mehr bekommen, erwerbstätig. Ungeklärt bleibe allerdings, unter welchen Bedingungen:

The sixty percent of former recipients who are working is sixty percent of a total that is between two and a half  and three million adults. It is good that they’re working, and, in fact, there has been a big increase in the percentage of single mothers who are working. But, that in and of itself is not the end of the story because one would want to know how their children are doing and how much money they are making.

Weiterhin stelle sich laut Edelman die Frage, ob nicht auch allgemeinere volkswirtschaftliche Entwicklungen dazu beigetragen haben, dass 60 Prozent der ehemaligen Welfare-Bezieher fünf Jahre nach der Reform wieder arbeiten. Und dann wären da ja noch die übrigen 40 Prozent, die erwerbslos blieben und sehen müssen, wie sie überleben:

Forty percent of the people who have gone off welfare, that’s over one million women and over two million children, neither have a job nor have cash assistance. I call them America’s disappeared, over three million people not accounted for. Most have been able to move in with extended family, probably under circumstances that are not ideal, but other people in the family are working, so they put a little more water in the soup. We need to worry about when a recession comes and the income of that extended family goes down. The fact is right now that the homeless shelters for mothers and children in every city in America are overflowing. [...] New York City’s homeless shelters are averaging over twenty-five thousand people a day, two thirds of whom are mothers and children.

Im Gegensatz zu Edelman nannten Kommentatoren des liberalen Wall Street Journal die Clinton-Reform Anfang 2009 einen Erfolg, führten als Begründung aber einzig die reduzierten Staatsausgaben an (sagten also nichts über den Verbleib derjenigen, die diese Zahlungen nun eben nicht mehr erhalten):

Welfare caseloads nationally fell from 12.6 million in 1997 to fewer than five million in 2007.

Entsprechend umstritten war der im vergangenen Jahr verabschiedete »Stimulus Bill«, der unter anderem einen »Emergency Fund« für Sozialhilfe-Bezieher enthielt. Einige, wie die besagten WSJ-Kommentatoren oder die konservative Heritage Foundation sahen darin ein trojanisches Pferd zur Wiedereinführung der unbefristeten Sozialhilfe-Zahlungen. Reform-Kritiker Peter Edelman schreibt dagegen, dass sich die von ihm nach Ende der Clinton-Jahre attestierten Trends auch heute weiter fortsetzen. In der Zusammenfassung einer Studie zur Situation Hilfsbedürftiger in den USA, die er Ende 2009 veröffentlichte, heißt es:

The social safety net has eroded over the past 30 years, failing millions of Americans. Short-term fixes such as the Recovery Act are rescuing only a small percentage of those who need help.

Sapphires »Push«, der Roman auf dem »Precious« beruht, wurde 1996 veröffentlicht, also in den Jahren vor Bill Clintons Sozialreform geschrieben. Würde »Precious«, spielte es im Jahr 2010, die Geschichte einer obdachlosen 16-Jährigen erzählen?

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