Politische Analyse des Tages (2):
Hugh Hefners Memoiren umfassen sechs Bände und kosten 1.000 Euro. Er ist folglich doppelt bis zehnmal so wichtig wie Helmut Kohl (drei Bände, ca. 100 Euro).
Camp & „Hairspray“: Die Selbstentschärfung des Filmemachers John Waters und sein neues Musical
Ein Nachtrag zur Camp-Diskussion: Von Dirk Peitz gefragt, wieso seine 50er-Jahre-Seifenoper „Hairspray“, die jetzt als Musical in Köln anläuft, so „gut funktioniere“, antwortet der Filmemacher John Waters (der seine Höhepunkte mit der Darstellung campiger Abseitigkeiten wie transgender Kot-Esserinnen feierte), man müsse die „Haispray“-Geschichte von dem dicken Mädchen, das den besten Jungen bekommt einfach lieben, weil sie so unwahrscheinlich sei. Dazu Dirk Peitz:
Die Pointe besteht darin, dass das genau das Gegenteil von Camp wäre, so wie Susan Sontag ihn 1964 in ihrem berühmten Essay „On Camp“ beschrieb: Camp sei die reine Feier der Oberfläche, der Sieg des Stils über den Inhalt, der Ästhetik über die Moral, der Ironie über die Tragödie. Vielleicht haben sich heute Oberfläche, Stil, Ästhetik, Ironie so zu Tode gesiegt, dass nur noch der Kern von Camp sichtbar wird, der Inhalt, die Moral — und uns anrührt.
Der Text über die konsequente Selbstentschärfung des ästhetischen Querschlägers John Waters ist unter der Überschrift „Rentner im Land der Schande“ in der Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung erschienen und leider nicht online.
Spontan stellt sich mir die Frage, ob Musicals nicht per se und notwendigerweise Camp sind. Wegen des Genre-Schemas, das der Film „Team America“ satirisch am Beispiel des Musicals „Rent“ entlarvte: Oh, du hast Aids? OK, wir singen und tanzen dazu! Weil wir ja unentwegt singen und tanzen, egal, ob es gerade angemessen ist oder nicht! Form schlägt Inhalt!
Video: Szenen aus „Team America“
Susan Sontag, die als Beispiel für Camp unter anderem (den Musicalvorläufer?) „Schwanensee“ nannte, schreibt in ihren „Notes on ‘Camp’“:
Concert music, though, because it is contentless, is rarely Camp. It offers no opportunity, say, for a contrast between silly or extravagant content and rich form. . . . Sometimes whole art forms become saturated with Camp. Classical ballet, opera, movies have seemed so for a long time.
Und Musicals? To becontinued.
Zeitgeistschnipsel (2): Medien! Krieg! Der Intellektuelle mahnt!
This ever-increasing downpour of information (…) does not appreciably increase our capacity for reaching well-thought-out, unemotional decisions. Yet momentous choices are forced on us, choices that affect the destiny of our nation and ultimately our own lives. We are now asked to choose between a limited or expanded war; we are told that the conflict in which we are now engaged is either our best chance for peace or an endless, useless, and therefore, one should judge, criminal sacrifice of American lives.
Nein, nicht das Internet, Fernsehen! Nein, nicht Afghanistan, Korea! Das Zitat stammt von Max Ascoli und wurde am 12. Juni 1951 in dessen famoser Zeitschrift The Reporter (die 1968 eingestellt wurde) veröffentlicht.
Die Qual der Wortwahl. Oder: Von der Schwierigkeit über Popkultur zu schreiben, ohne dabei wie ein Idiot zu klingen
Ja, stimmt: Es gibt genug deutschsprachige Beispiele und ganz viele ganz peinliche aus meinem eigenen Textfundus. Aber das hier hat mich ganz aktuell etwas irritiert:
Now clearly, Han Solo has more street cred than Luke Skywalker (and we all know that street cred is all that matters in a children’s space opera), but while he is easily ten times cooler than Luke Skywalker, Han Solo pretty much remains what he is throughout the trilogy [...]. Luke is the only character in the entire trilogy to undergo significant change.
„Street Credibility“? Als Analysekategorie, wenn es darum geht, die Wertigkeit von Star-Wars-Charakteren zu ermitteln? Ich meine: Gibt es überhaupt Straßen in Star Wars? Gibt es da nicht nur Sandpisten oder Runways? Und dann: Street Credibility als bedeutende Eigenschaft um (weiße, mittelständische) Kinder zu beeindrucken? Teenager, ja. Aber „children“? Hm. Vielleicht sollte man lieber von „space cred“ schreiben, immerhin ist es das, was Han Solo aus- und zum Helden der Kids macht: dass er durch den Weltraum jettet und dabei keiner extraterrestrischen Gefahr ausweicht. Aber, stimmt: „Space cred“ klingt auch ziemlich idiotisch.
Zeitgeistschnipsel (1): Der Stern titelt 1980 zur sowjetischen Besatzung Afghanistans: „Wer ist der nächste?“
In der Rückschau sieht so ziemlich alles auf diesem Cover falsch aus: Am 24. Dezember 1979 marschieren Leonid Breschnews Soldaten in Afghanistan ein und besetzen das Land. Am 24. Januar 1980 bringt der Stern eine Reportage und Bildstrecke aus dem besetzten Kabul. Auf dem Cover zeigt das Magazin einen gefühlt 14-Jährigen in Sowjetuniform, der eine grafische Darstellung Afghanistans auf seinem Bajonett aufgespießt hat, und titelt: „Bange Frage nach dem Überfall auf Afghanistan: Wer ist der nächste?“ Heute bekannt: Es gab keinen nächsten. Es gab nicht mal Afghanistan.
Note to Self: Mehr alte Zeitschriften lesen.
John McCain über Afghanistan und Vietnam: „Vergleiche mit früheren Kriegen sind immer relevant.“
Der amerikanische Senator John McCain kritisiert im Interview mit der Süddeutschen Zeitung Barack Obamas Afghanistan-Politik, bzw. konkret: das Ausbleiben der verbindlichen Verkündung einer Truppenerhöhung. So weit, so wenig überraschend. Immerhin war John McCain ein früher Unterstützer der erfolgreichen Truppenerhöhung im Irak und hatte sich bereits während seines Wahlkampfes als Präsidentschaftskandidat der Republikaner 2008 für eine ähnliche Strategie in Afghanistan ausgesprochen.
Interessanter finde ich, wie Vietnamenveteran John McCain auf eine Frage nach der Vergleichbarkeit des Afghanistan- und des Vietnamkrieges reagiert. Nicht ablehnend, was ja denkbar wäre, so beliebig wie dieser Vergleich bisweilen angewendet wird (erst war Afghanistan das neue Vietnam, dann der Irak, jetzt wieder Afghanistan), sondern wie folgt:
Vergleiche mit früheren Kriegen sind immer relevant. Aber Fakt ist doch dies: Als die Nordvietnamesen am Ende in Südvietnam einmarschierten, da gabe es im ganzen Land keine amerikanischen Soldaten mehr. Wir waren längst abgezogen, aber das verschweigt die Linke gern.
Merke: Vietnam wurde an der Heimatfront verloren. Und dort ist man aktuell wohl mit anderen Dingen beschäftigt. Apropos: Der Guardian berichtet aktuell von einer Afghanisierung des Afghanistankrieges.
Putin rappt (leider nicht selbst). Und andere staatstragende HipHopper.
Ist Rap der Sound der Leistungsträger und Angepassten?
Coolness wird [in der Jugendkultur] nicht mehr mit Verweigerung, sondern mit Disziplinierung, Durchsetzungsvermögen und Leistungsbereitschaft gleichgesetzt. Und das nicht zuletzt in Folge zweier Jahrzehnte HipHop-Battles, die von Pädagogen und Institutionen wie der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert werden,
schrieb der Kulturjournalist Martin Büsser schon im vergangenen Jahr in einem Artikel. Am Beispiel von Sido beschreibt auch ein Text des bayrischen Jugendradios on3 pointiert den Trend zur gerappten Selbst- und Fremddisziplinierung. In „Sido goes Guido“ hieß es dort vor Kurzem:
Mit „Mein Block“ schrieb er eine Hymne gegen die Leistungsgesellschaft. Spät aufstehen, abhängen und sich mit Sozialhilfe und Gaunereien durchs Leben schlagen. Er war das Sprachrohr für alle Job- und Perspektivlosen. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Auch auf Sidos aktuellem Album zeigt sich seine positive Einstellung zur Leistungsgesellschaft. So beginnt die erste Singleauskopplung „Hey du“ mit den Worten „Nein mein Freund, das Leben singt keine Kinderlieder, verdammt es ist hart, du musst was tun, das sag ich immer wieder.“
Das war so schon bei Sidos, Kitty Kats und Tony Ds Scooter-Bearbeitung „Beweg’ deinen Arsch“ zu beobachten, die ich für die Spex (#319, März/April 2009) besprochen habe:
Sido, Kitty Kat und Tony D übersetzen „Move Your Ass“ in „Beweg deinen Arsch“ und drehen die Bedeutung der Titelparole damit um 180 Grad herum. In der Originalversion skandierte H.P. Baxxter seinerzeit „Come on, party, you gotta keep it up“. In der Rap-Version bleibt davon nur das Imperativische erhalten. Hier lehrt Sido: „Von nichts kommt nichts, ohne Fleiß kein Preis“, und Kitty Kat ergänzt: „Du willst ein Haus am Strand? Du brauchst erst mal einen Job“.
Und wenn Peter Fox hierzulande seine größten Erfolge damit feiert, sich in „Haus am See“ nach dem verdienten Lebensabend im Familienkreis zu sehnen, ist auch das eher schwierig mit dem Widerstandsgestus zu vereinbaren, der HipHop einst unterstellt wurde. Jedenfalls — die Zähmung des Rap ist offenbar nicht nur ein deutschsprachiges Phänomen, wie dieses Video vermuten lässt:
„[Putin] is a legend, he’s our icon“? Dieser Typ als Ikone in punkto „realness“ und „respect“? Extrabizarr.
[Putin-Video gefunden im Foreign-Policy-Blog]
„Musical Minds“: Eine amerikanische TV-Doku erzählt unglaubliche Geschichten über Musik und Neurologie
Derek Paravicini kann Zahlen über zehn nur mit Mühe zählen, Lieder aber nach einmaligem Hören auf dem Klavier nachspielen. Anne Barker kommt aus einer musikalischen Familie, ist aber nicht in der Lage, Melodien zu hören. Und Tony Cicoria interessierte sich nicht besonders für klassische Musik — bis er vom Blitz getroffen wurde und seitdem rege komponiert. „Musical Minds“, ein TV-Dokumentarfilm des amerikanischen Public Broadcasting System, erzählt nahezu unglaubliche Geschichten darüber, was Musik mit unseren Gehirne machen, unsere Gehirne mit Musik — oder nicht. Mit Kommentaren des Neurologen Oliver Sacks.
Die weiteren Teile der Sendung gibt es nach dem Umbruch: (weiterlesen…)
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