a c h t m i l l i a r d e n . c o m

Politische Analyse des Tages (2):

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 30. November 2009

Hugh Hefners Memoiren umfassen sechs Bände und kosten 1.000 Euro. Er ist folglich doppelt bis zehnmal so wichtig wie Helmut Kohl (drei Bände, ca. 100 Euro).

Analyse #1.

Am Wochenende in Hamburg: »Slide Guitar Ride« und andere selten gesehene Musikfilme beim »Unerhört«-Musikfilmfestival

Veröffentlicht in hamburg, popkultur von oskar piegsa am 29. November 2009

Das „Unerhört“-Musikfilmfestival gastiert am Wochenende in Hamburg. Von Donnerstagabend bis Sonntag werden Lieblingskinos von Abaton bis Zeise selten gesehene Musikfilme zeigen: Dokus, Spielfilme, Videoclips.

Am Freitagabend um 19 Uhr läuft im Haus 73 in der Schanze „Slide Guitar Ride“, eine Doku über den eher merkwürdigen (siehe oben) Bluesmusiker Bob Log III. Regisseur Bernd Schoch wird anwesend sein. Ich übernehme die Moderation des anschließenden Gesprächs, habe den Film deshalb schon gesehen und darf verraten: Er macht Spaß. Kommen Sie. Wer keine Lust auf Festivalpässe hat, bekommt Einzeltickets an der Abendkasse, glaube ich.

Camp & „Hairspray“: Die Selbstentschärfung des Filmemachers John Waters und sein neues Musical

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 29. November 2009

Ein Nachtrag zur Camp-Diskussion: Von Dirk Peitz gefragt, wieso seine 50er-Jahre-Seifenoper „Hairspray“, die jetzt als Musical in Köln anläuft, so „gut funktioniere“, antwortet der Filmemacher John Waters (der seine Höhepunkte mit der Darstellung campiger Abseitigkeiten wie transgender Kot-Esserinnen feierte), man müsse die „Haispray“-Geschichte von dem dicken Mädchen, das den besten Jungen bekommt einfach lieben, weil sie so unwahrscheinlich sei. Dazu Dirk Peitz:

Die Pointe besteht darin, dass das genau das Gegenteil von Camp wäre, so wie Susan Sontag ihn 1964 in ihrem berühmten Essay „On Camp“ beschrieb: Camp sei die reine Feier der Oberfläche, der Sieg des Stils über den Inhalt, der Ästhetik über die Moral, der Ironie über die Tragödie. Vielleicht haben sich heute Oberfläche, Stil, Ästhetik, Ironie so zu Tode gesiegt, dass nur noch der Kern von Camp sichtbar wird, der Inhalt, die Moral — und uns anrührt.

Der Text über die konsequente Selbstentschärfung des ästhetischen Querschlägers John Waters ist unter der Überschrift „Rentner im Land der Schande“ in der Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung erschienen und leider nicht online.

Spontan stellt sich mir die Frage, ob Musicals nicht per se und notwendigerweise Camp sind. Wegen des Genre-Schemas, das der Film „Team America“ satirisch am Beispiel des Musicals „Rent“ entlarvte: Oh, du hast Aids? OK, wir singen und tanzen dazu! Weil wir ja unentwegt singen und tanzen, egal, ob es gerade angemessen ist oder nicht! Form schlägt Inhalt!

Video: Szenen aus „Team America“

Susan Sontag, die als Beispiel für Camp unter anderem (den Musicalvorläufer?) „Schwanensee“ nannte, schreibt in ihren „Notes on ‘Camp’“:

Concert music, though, because it is contentless, is rarely Camp. It offers no opportunity, say, for a contrast between silly or extravagant content and rich form. . . . Sometimes whole art forms become saturated with Camp. Classical ballet, opera, movies have seemed so for a long time.

Und Musicals? To becontinued.

Kreative Baby-Quäler. Sacha Baron Cohen, Jill Greenberg, Spencer Elden und die endlose Faszination halbnackter, heulender Kleinkinder

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 28. November 2009

Video: Brutales Baby-Casting in dem Kinofilm „Brüno“

Eine der besten Szenen aus der wirklich-nicht-so-schlechten „Borat“-Fortsetzung „Brüno“ zeigt den Komiker Sacha Baron Cohen in der Rolle des österreichischen Fashion-Typen Brüno beim Casting potentieller Baby-Models. Es ist eine wunderbar ambivalente Szene (Ist das noch lustig? Ist das schon traurig?), die zu entlarven scheint, wie sehr einige Eltern bereit sind, ihre Kleinkinder absurden Situationen und Gefahren auszusetzen, nur um sie (und sich) als Models berühmt und interessant zu machen: „Könnten wir bei dem Fotoshooting mit ihrem Kind Bienen und Hornissen verwenden?“ — „Ja, klar!“ — „Was ist mit brennendem Phosphor?“ — „Oh, mein Baby liiiebt brennendes Phosphor.“ Und so weiter.

Ganz abwegig ist die Idee des brutalen Babyfotoshoots (das im Film am Ende unter anderem ein biblisch inszeniertes Foto eines gekreuzigten Kleinkindes ergeben wird) nicht. Als Beispiel aus dem echten Leben fällt mir dazu als Erstes die Fotografin Jill Greenberg ein, die für ihre Fotostrecke „Crying Babies“ (hier als Bildergalerie, hier Greenbergs Website) ihre Models allerdings offenbar nicht schlimmer gequält hat, als ihnen Süßigkeiten oder Spielzeug wegzunehmen und sie so zum Weinen zu bringen. Trotzdem hat sie für ihre dramatischen Porträts der „Crying Babies“ einiges an Unverständnis und Widerspruch abbekommen (hier zum Beispiel, in bester Blog-Manier formuliert: „Jill Greenberg is a sick woman who should be arrested and charged with child abuse“).

Es hat Jill Greenberg dabei wahrscheinlich nicht wirklich geholfen, dass einige Fotos heulender Kinder mit Bildunterschriften wie „Four More Years“ im Netz kursierten — eine Anspielung auf die Wiederwahl von George W. Bush im Jahr 2004. Und auch nicht, dass sie später Bilder des Republikaner-Präsidentschaftskandidaten John McCain entstellte und den von seinen Anhängern als Helden gefeierten Veteran und früheren Kriegsgefangenen als blutrünstiges Monster darstellte.

(Harmloser ist ihre Abneigung gegenüber konservativen Ikonen in der auf ihrer Website ausgestellten Serie „Shiny Faces“ umgesetzt, in der sie den  TV-Moderator Glenn Beck im Stile ihrer „Crying Babies“ inszeniert. Der konservative Dampfplauderer Beck ist bekannt dafür, dass er in seiner Sendung aus Liebe und Angst um Amerika schon mal zu weinen beginnt — d.h., wenn er nicht gerade Barack Obama als Rassisten bezeichnet.)

Nächste Frage: Ob man Baby-Models mit der frühen Prominenz wirklich einen Gefallen tut? Spencer Elden, der 1991 als kleiner Junge nackt, gierig und samt Penis auf dem Cover des erfolgreichen Nirvana-Albums „Nevermind“ zu sehen war, scheint heute mit der Berühmtheit ganz gut klar zu kommen: „I feel like I’m the world’s biggest porn star“, wird er zitiert. Zehn Jahre nach dem Erfolg von „Nevermind“ ließ es sich sogar in der gleichen Pose noch mal fotografieren, diesmal trug er dann allerdings doch lieber eine Hose.

Offenbar ist es jedenfalls so, dass die Artdirektoren dieser Welt von nackten/heulenden/gepeinigten Baby-Models nicht lassen können. Und, dass es genug Eltern gibt, die bei dem Spiel mitmachen. Aktuell ziert das dramatische Foto eines heulenden, kaum bekleideten Kleinkinds das Titelbild des TIME-Magazine, das eine kaum weniger dramatisch übertitelte Geschichte bewirbt: Einen Jahrzehntsrücklick 2000–2009 namens „The Decade From Hell“. Ob sich da in zehn Jahren mal ein Teenager drüber ärgern wird?

(Das TIME-Foto ist übrigens gar kein Foto, sondern ein Video-Still. Aber egal.)

Zeitgeistschnipsel (2): Medien! Krieg! Der Intellektuelle mahnt!

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 26. November 2009

This ever-increasing downpour of information (…) does not appreciably increase our capacity for reaching well-thought-out, unemotional decisions. Yet momentous choices are forced on us, choices that affect the destiny of our nation and ultimately our own lives. We are now asked to choose between a limited or expanded war; we are told that the conflict in which we are now engaged is either our best chance for peace or an endless, useless, and therefore, one should judge, criminal sacrifice of American lives.

Nein, nicht das Internet, Fernsehen! Nein, nicht Afghanistan, Korea! Das Zitat stammt von Max Ascoli und wurde am 12. Juni 1951 in dessen famoser Zeitschrift The Reporter (die 1968 eingestellt wurde) veröffentlicht.

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Die Qual der Wortwahl. Oder: Von der Schwierigkeit über Popkultur zu schreiben, ohne dabei wie ein Idiot zu klingen

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 25. November 2009

Ja, stimmt: Es gibt genug deutschsprachige Beispiele und ganz viele ganz peinliche aus meinem eigenen Textfundus. Aber das hier hat mich ganz aktuell etwas irritiert:

Now clearly, Han Solo has more street cred than Luke Skywalker (and we all know that street cred is all that matters in a children’s space opera), but while he is easily ten times cooler than Luke Skywalker, Han Solo pretty much remains what he is throughout the trilogy [...]. Luke is the only character in the entire trilogy to undergo significant change.

„Street Credibility“? Als Analysekategorie, wenn es darum geht, die Wertigkeit von Star-Wars-Charakteren zu ermitteln? Ich meine: Gibt es überhaupt Straßen in Star Wars? Gibt es da nicht nur Sandpisten oder Runways? Und dann: Street Credibility als bedeutende Eigenschaft um (weiße, mittelständische) Kinder zu beeindrucken? Teenager, ja. Aber „children“? Hm. Vielleicht sollte man lieber von „space cred“ schreiben, immerhin ist es das, was Han Solo aus- und zum Helden der Kids macht: dass er durch den Weltraum jettet und dabei keiner extraterrestrischen Gefahr ausweicht. Aber, stimmt: „Space cred“ klingt auch ziemlich idiotisch.

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Zeitgeistschnipsel (1): Der Stern titelt 1980 zur sowjetischen Besatzung Afghanistans: „Wer ist der nächste?“

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 23. November 2009

In der Rückschau sieht so ziemlich alles auf diesem Cover falsch aus: Am 24. Dezember 1979 marschieren Leonid Breschnews Soldaten in Afghanistan ein und besetzen das Land. Am 24. Januar 1980 bringt der Stern eine Reportage und Bildstrecke aus dem besetzten Kabul. Auf dem Cover zeigt das Magazin einen gefühlt 14-Jährigen in Sowjetuniform, der eine grafische Darstellung Afghanistans auf seinem Bajonett aufgespießt hat, und titelt: „Bange Frage nach dem Überfall auf Afghanistan: Wer ist der nächste?“ Heute bekannt: Es gab keinen nächsten. Es gab nicht mal Afghanistan.

Note to Self: Mehr alte Zeitschriften lesen.

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John McCain über Afghanistan und Vietnam: „Vergleiche mit früheren Kriegen sind immer relevant.“

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 23. November 2009

Der amerikanische Senator John McCain kritisiert im Interview mit der Süddeutschen Zeitung Barack Obamas Afghanistan-Politik, bzw. konkret: das Ausbleiben der verbindlichen Verkündung einer Truppenerhöhung. So weit, so wenig überraschend. Immerhin war John McCain ein früher Unterstützer der erfolgreichen Truppenerhöhung im Irak und hatte sich bereits während seines Wahlkampfes als Präsidentschaftskandidat der Republikaner 2008 für eine ähnliche Strategie in Afghanistan ausgesprochen.

Interessanter finde ich, wie Vietnamenveteran John McCain auf eine Frage nach der Vergleichbarkeit des Afghanistan- und des Vietnamkrieges reagiert. Nicht ablehnend, was ja denkbar wäre, so beliebig wie dieser Vergleich bisweilen angewendet wird (erst war Afghanistan das neue Vietnam, dann der Irak, jetzt wieder Afghanistan), sondern wie folgt:

Vergleiche mit früheren Kriegen sind immer relevant. Aber Fakt ist doch dies: Als die Nordvietnamesen am Ende in Südvietnam einmarschierten, da gabe es im ganzen Land keine amerikanischen Soldaten mehr. Wir waren längst abgezogen, aber das verschweigt die Linke gern.

Merke: Vietnam wurde an der Heimatfront verloren. Und dort ist man aktuell wohl mit anderen Dingen beschäftigt. Apropos: Der Guardian berichtet aktuell von einer Afghanisierung des Afghanistankrieges.

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Putin rappt (leider nicht selbst). Und andere staatstragende HipHopper.

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 22. November 2009

Ist Rap der Sound der Leistungsträger und Angepassten?

Coolness wird [in der Jugendkultur] nicht mehr mit Verweigerung, sondern mit Disziplinierung, Durchsetzungsvermögen und Leistungsbereitschaft gleichgesetzt. Und das nicht zuletzt in Folge zweier Jahrzehnte HipHop-Battles, die von Pädagogen und Institutionen wie der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert werden,

schrieb der Kulturjournalist Martin Büsser schon im vergangenen Jahr in einem Artikel. Am Beispiel von Sido beschreibt auch ein Text des bayrischen Jugendradios on3 pointiert den Trend zur gerappten Selbst- und Fremddisziplinierung. In „Sido goes Guido“ hieß es dort vor Kurzem:

Mit „Mein Block“ schrieb er eine Hymne gegen die Leistungsgesellschaft. Spät aufstehen, abhängen und sich mit Sozialhilfe und Gaunereien durchs Leben schlagen. Er war das Sprachrohr für alle Job- und Perspektivlosen. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Auch auf Sidos aktuellem Album zeigt sich seine positive Einstellung zur Leistungsgesellschaft. So beginnt die erste Singleauskopplung „Hey du“ mit den Worten „Nein mein Freund, das Leben singt keine Kinderlieder, verdammt es ist hart, du musst was tun, das sag ich immer wieder.“

Das war so schon bei Sidos, Kitty Kats und Tony Ds Scooter-Bearbeitung „Beweg’ deinen Arsch“ zu beobachten, die ich für die Spex (#319, März/April 2009) besprochen habe:

Sido, Kitty Kat und Tony D übersetzen „Move Your Ass“ in „Beweg deinen Arsch“ und drehen die Bedeutung der Titelparole damit um 180 Grad herum. In der Originalversion skandierte H.P. Baxxter seinerzeit „Come on, party, you gotta keep it up“. In der Rap-Version bleibt davon nur das Imperativische erhalten. Hier lehrt Sido: „Von nichts kommt nichts, ohne Fleiß kein Preis“, und Kitty Kat ergänzt: „Du willst ein Haus am Strand? Du brauchst erst mal einen Job“.

Und wenn Peter Fox hierzulande seine größten Erfolge damit feiert, sich in „Haus am See“ nach dem verdienten Lebensabend im Familienkreis zu sehnen, ist auch das eher schwierig mit dem Widerstandsgestus zu vereinbaren, der HipHop einst unterstellt wurde. Jedenfalls — die Zähmung des Rap ist offenbar nicht nur ein deutschsprachiges Phänomen, wie dieses Video vermuten lässt:

„[Putin] is a legend, he’s our icon“? Dieser Typ als Ikone in punkto „realness“ und „respect“? Extrabizarr.

[Putin-Video gefunden im Foreign-Policy-Blog]

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„Musical Minds“: Eine amerikanische TV-Doku erzählt unglaubliche Geschichten über Musik und Neurologie

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 18. November 2009

Derek Paravicini kann Zahlen über zehn nur mit Mühe zählen, Lieder aber nach einmaligem Hören auf dem Klavier nachspielen. Anne Barker kommt aus einer musikalischen Familie, ist aber nicht in der Lage, Melodien zu hören. Und Tony Cicoria interessierte sich nicht besonders für klassische Musik — bis er vom Blitz getroffen wurde und seitdem rege komponiert. „Musical Minds“, ein TV-Dokumentarfilm des amerikanischen Public Broadcasting System, erzählt nahezu unglaubliche Geschichten darüber, was Musik mit unseren Gehirne machen, unsere Gehirne mit Musik — oder nicht. Mit Kommentaren des Neurologen Oliver Sacks.

Die weiteren Teile der Sendung gibt es nach dem Umbruch: (weiterlesen…)

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