Das Internet hat Indie getötet. Und das ist OK, denn folkloristische Schellack-Mixe klingen auch gut.

Abb.: Die Design-Klitsche Diesel Sweeties erklärt, wie die Indie-Attitüde funktioniert. Gibt’s hier als T-Shirt.
These: Das Internet hat Indie getötet. Nicht als Genre, aber als Attitüde. Zu Kurt Cobains Zeiten konnten Indie-Snobs noch obskure Band-T-Shirts auftragen und damit Eindruck schinden, unabhängig davon, ob die Band was taugte (kannte ja keiner, und das war der Punkt). Heute wird das sofort mit dem iPhone gecheckt. Oder mit dem Surf Stick. So schnell kann man das T-Shirt gar nicht ausziehen, wie die anderen checken, dass die Band in Wirklichkeit nicht cool, sondern kacke ist.
Auch die Einstellung „Ich mag Musik nur, solange du sie nicht kennst“, in der Grafik oben wunderbar visualisiert von Diesel Sweeties (und auf T-Shirts gedruckt hier käuflich zu erwerben) hat sich leider erledigt. Oder, vielleicht: zum Glück. Die Geeks und Nerds wurden durch das Netz begünstigt und sind die neuen Alphamenschen. Aber nur, solange sie ihr Wissen zu teilen bereit sind. Was machen also Nerds, die auf Wissen als Pose setzen? Die Wert auf einen Snob-Habitus legen?
Eine Möglichkeit wäre die künstliche Verknappung durch Wiederentdeckung des Vinyl (dessen Absatzzahlen sich seit einiger Zeit ja auch tatsächlich förmlich boomen). Erstpressungen, Japan-Only-Releases, rare 7-Inches, Fehlpressungen. Nichts neues. Diese Ausprägung der Indie-Nerd-Snobs gibt’s schon so lange, das mittlerweile Witze über diese Indie-Ostfriesen im Umlauf sind: “Was ist der Unterschied zwischen einem Trekkie und einem Plattensammler? Der Plattensammler denkt er wäre cool.” Haha.
Noch effektiver wäre es wahrscheinlich, gleich auf Schellack-Platten zu setzen. Die sind noch seltener, es erfordert noch mehr Expertise sie aufzuspüren und es besteht noch weniger Gefahr, dass genug andere Leuten auf diesen Trend aufspringen, um ihn in den Mainstream zu tragen. Außerdem haben Bands (oder, naja, Polka-Gruppen und Opern-Sänger), die auf Schellack veröffentlich(t)en in der Regel keine MySpace-Profile, vielleicht noch nicht mal Wikipedia-Seiten. Allerdings wohl auch keine T-Shirts, so dass man die Schellacks wohl öfter mal unterm Arm über den Schanzen-Piazza schleppen müsste, um das durch sie erworbene Distinktionspotential auch voll auszuschöpfen.
Oder man wechselt doch die Seiten und zieht das Nerd-Ding voll durch, aber ohne snobbistische Abschottungsversuche. So wie Jon Ward vom Excavated Shellac Blog, der regionale Schellackaufnahmen aus aller Welt nicht nur aufspürt, sondern auch digitalisiert, akustisch säubert, katalogisiert und zum Download anbietet. Ich höre mir gerade seinen Streichinstrumente-Mix an, der hier als Stream und Download angeboten wird.
Music you don’t know + Music I don’t know = Music both of us love.
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