a c h t m i l l i a r d e n . c o m

E-Books "kannibalisieren" Hardcover-Geschäft in den USA?

Veröffentlicht in amerika, medien von oskar piegsa am 29. September 2009

Publishers have been concerned that e-books, rapidly becoming more popular, might take away sales from hardcover editions, which are more expensive.

Interessante Nebenbemerkung einer Meldung zu der geplanten Veröffentlichung von Sarah Palins Memoiren am 17. November: Die E-Book-Version wird demnach über einen Monat nach der Festeinbindung (und erst nach Weihnachten) erscheinen. Die offenbar schleunig runtergeschriebenen Erinnerungen der Republikanischen Vizepräsidentschaftskandidatin und früheren Gouverneurin von Alaska sollen in einer Erstauflage von 1,5 Millionen Exemplaren erscheinen. Ein weiterer Hinweis auf ihre anhaltende Popularität.

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Das Internet hat Indie getötet. Und das ist OK, denn folkloristische Schellack-Mixe klingen auch gut.

Veröffentlicht in medien, popkultur von oskar piegsa am 26. September 2009

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Abb.: Die Design-Klitsche Diesel Sweeties erklärt, wie die Indie-Attitüde funktioniert. Gibt’s hier als T-Shirt.

These: Das Internet hat Indie getötet. Nicht als Genre, aber als Attitüde. Zu Kurt Cobains Zeiten konnten Indie-Snobs noch obskure Band-T-Shirts auftragen und damit Eindruck schinden, unabhängig davon, ob die Band was taugte (kannte ja keiner, und das war der Punkt). Heute wird das sofort mit dem iPhone gecheckt. Oder mit dem Surf Stick. So schnell kann man das T-Shirt gar nicht ausziehen, wie die anderen checken, dass die Band in Wirklichkeit nicht cool, sondern kacke ist.

Auch die Einstellung „Ich mag Musik nur, solange du sie nicht kennst“, in der Grafik oben wunderbar visualisiert von Diesel Sweeties (und auf T-Shirts gedruckt hier käuflich zu erwerben) hat sich leider erledigt. Oder, vielleicht: zum Glück. Die Geeks und Nerds wurden durch das Netz begünstigt und sind die neuen Alphamenschen. Aber nur, solange sie ihr Wissen zu teilen bereit sind. Was machen also Nerds, die auf Wissen als Pose setzen? Die Wert auf einen Snob-Habitus legen?

Eine Möglichkeit wäre die künstliche Verknappung durch Wiederentdeckung des Vinyl (dessen Absatzzahlen sich seit einiger Zeit ja auch tatsächlich förmlich boomen). Erstpressungen, Japan-Only-Releases, rare 7-Inches, Fehlpressungen. Nichts neues. Diese Ausprägung der Indie-Nerd-Snobs gibt’s schon so lange, das mittlerweile Witze über diese Indie-Ostfriesen im Umlauf sind: „Was ist der Unterschied zwischen einem Trekkie und einem Plattensammler? Der Plattensammler denkt er wäre cool.“ Haha.

Noch effektiver wäre es wahrscheinlich, gleich auf Schellack-Platten zu setzen. Die sind noch seltener, es erfordert noch mehr Expertise sie aufzuspüren und es besteht noch weniger Gefahr, dass genug andere Leuten auf diesen Trend aufspringen, um ihn in den Mainstream zu tragen. Außerdem haben Bands (oder, naja, Polka-Gruppen und Opern-Sänger), die auf Schellack veröffentlich(t)en in der Regel keine MySpace-Profile, vielleicht noch nicht mal Wikipedia-Seiten. Allerdings wohl auch keine T-Shirts, so dass man die Schellacks wohl öfter mal unterm Arm über den Schanzen-Piazza schleppen müsste, um das durch sie erworbene Distinktionspotential auch voll auszuschöpfen.

Oder man wechselt doch die Seiten und zieht das Nerd-Ding voll durch, aber ohne snobbistische Abschottungsversuche. So wie Jon Ward vom Excavated Shellac Blog, der regionale Schellackaufnahmen aus aller Welt nicht nur aufspürt, sondern auch digitalisiert, akustisch säubert, katalogisiert und zum Download anbietet. Ich höre mir gerade seinen Streichinstrumente-Mix an, der hier als Stream und Download angeboten wird.

Music you don’t know + Music I don’t know = Music both of us love.

Zwei Leichen, 1000 Seiten & die Gegenkultur: Unversöhnliche Herbstlektüren von Norman Mailer und Irving Kristol

Veröffentlicht in amerika, politik, popkultur von oskar piegsa am 25. September 2009

Fast zwei Jahre nach dem Tod von Norman Mailer am 10. November 2007, hat das neokonservative Commentary Magazine einen elaborierten Generalveriss dessen Lebens/werkes veröffentlicht. In bester Tradition des Autoren wird zwischen seinen privaten Eskapaden und seinem literarischem Output nicht wesentlich unterschieden. Der Rezensent beschreibt den doppelten Pulitzerpreisträger als moralisch in jeder Hinsicht degeneriert und seine Prominenz als Symptom für die Verderbtheit der amerikanischen Kultur:

In the republic at twilight, where the cult of the self is our one true faith and energy has superseded virtue as the object of our reverence, it was inevitable that someone like Norman Mailer should become America’s most celebrated man of letters.

Lesenswert ist das im Zusammenhang mit der stattlichen Auswahl an Rezensionen und Essays, die Commentary auf seiner Internetseite im Gedenken an das Leben des kürzlich verstorbenen neokonservativen Publizisten Irving Kristol veröffentlichte. Kristol hat sich ebenso wie Mailer in The White Negro und The Armies of the Night intensiv mit der amerikanischen Counterculture beschäftigt. Seine Haltung war dabei, anders als bei Mailer, nicht die des partizipierenden (Selbst-) Beobachters, sondern von beeindruckender Abneigung geprägt.

Die Gegenkultur sei nicht nur „gegen Kultur“, sondern auch völlig ohne Anlass gewesen, schreibt Kristol in einem seiner Texte. Mailer würde wohl widersprechen und — wie er es in The White Negro tut — noch einmal auf Shoa und Atomkrieg als psychologischen Hintergrund des (hier als amoralischem Draufgängertums empfundenen) „American existentialism“ hinweisen. Beides Faktoren, die ganz anders auf Kristol wirkten — und ihn zusammen mit seinem Entsetzen über die besagte Counterculture + X aus dem Lager der linken Intellektuellen nach rechts trieben.

Mailer nahm die Counterculture vorweg, Kristol wird als Pate der Counter-Counterculture gehandelt — und beide haben tausende Seiten Text hinterlassen, die man als Streitgespräch zweier unversöhnlicher Positionen zu Individuum, Staat, Kultur und Moral in Amerika lesen kann. Buckley vs. Vidal in XXL.

Gut, dass es draußen Herbst geworden ist.

Breaking News: Second Life doch noch nicht tot! Das 80s-Revival darf offenbar alles…

Veröffentlicht in popkultur, quick thought von oskar piegsa am 13. September 2009

Kantige Polygon-Damen in Unterwäsche sind sooo 2007? Offenbar nicht. Seitdem es wieder okay ist, weiße Anzüge zu tragen, seitdem jede zweite neue Band Synthie-Pop spielt und seitdem YouTube mit Musikvideos voller pinker, kosmischer Nebel verstopft, kommt jetzt die nächste ästhetische Fürchterlichkeit zurück. Und obwohl auch ich mir schwor, niemals auf den 80er-Schmonz reinzufallen, muss ich sagen: ich finde langsam gefallen an dem Style.

Das Video zu „Shooting Stars“ von Bag Raiders* erinnert mich auch an Akte X plus GTA Vice City, abzüglich der Gewalt und Ambivalenz. Und im Vergleich zum thematisch ähnlich gelagerten Video des heimlichen All-Time-Favorites „Tainted Love“ haben die das heute mit der Farbsättigung echt gut drauf…

*interessanter Name übrigens: Lara Croft in männlich-metrosexuell — geplündert werden Handtaschen, nicht Grabkammern. Das ist auch besser für die Fingernägel.
[gefunden im Blog des in diesem Zusammenhang ebenfalls austestungswürdigen Star Smith]

Nazi-Vergleiche, 1968: Schriftsteller Gore Vidal und Publizist William F. Buckley vergessen ihre guten Manieren — vor laufender Kamera.

Veröffentlicht in amerika, politik von oskar piegsa am 5. September 2009

Aus aktuellem Anlass, (erstens, zweitens) ein Exkurs zur Geschichte des Nazi-Vergleichs in den USA: Einer der bekannteren Zwischenfälle dieser Art betrifft den Schriftsteller Gore Vidal und den konservativen Publizisten William F. Buckley. Während der Parteitage im Präsidentschaftswahlkampf 1968 lud der Fernsehsender ABC Vidal und Buckley (im Video zu sehen mit seinem Finger am Ohr) zu einer Reihe gemeinsamer Interviews ein. In einem dieser Gespräche ging es auch um die Legitimität der Proteste, die im Umfeld des Parteitags der Demokraten in Chicago gegen den Krieg in Vietnam stattfanden.

Der Moderator des Gesprächs, Howard K. Smith, hatte offenbar einen Einspieler gezeigt, in dem Demonstranten eine Fahne der kommunistischen Vietcong hissten (Vidal bestritt später, dass die Flagge zu sehen war, ich kenne den Einspieler leider nicht). Dies veranlasste Smith zu der Frage, ob dieser Akt nicht damit vergleichbar sei, eine Nazi-Fahne während des zweiten Weltkriegs zu hissen. Was folgte, ist ein Dialog, der im oben gezeigten Schlagabtausch gipfelt, in dem Vidal Buckley als „pro- oder Krypto-Nazi“ bezeichnet und Buckley Vidal als „Schwulen“, den er in sein „gottverdammtes Gesicht“ zu schlagen gedenke, sollten die Nazi-Vorwürfe nicht enden. (Man bedenke: das war prä-Nippelgate, als Fernsehsendungen noch live ausgestrahlt wurden.)

Doch damit nicht genug: obwohl sich Vidal und Buckley nicht mehr gemeinsam vor eine Kamera stellten, setzten beide ihren Streit publizistisch fort. Buckley veröffentlichte ein Essay namens „On Experiencing Gore Vidal“, für den er sogar erstmals Vidals Roman „Myra Breckinridge“ las, den er zuvor ungelesen als Pornografie verunglimpft hatte. Vidal verfasste ebenfalls einen längeren Text namens „A Distasteful Encounter with William F. Buckley“, woraufhin Buckley Vidal wegen übler Nachrede verklagte (es kam zu einer außergerichtlichen Einigung). Der Grund: Vidal hatte in seinem Text zwar zunächst geschrieben, dass er Buckley eigentlich als „faschistisch gesonnen“ und nicht als „pro- oder Krypto-Nazi“ zu beschimpfen gedacht hätte. Dennoch setzte er im folgenden Text die NS-Vergleiche fort, nannte Buckleys Rhetorik „Goebbels pur“ und beschrieb sein Auftreten im obigen Video als „im Aussehen und Klang Hitler nicht unähnlich, allerdings ohne dessen Charme“.

Versöhnt haben sich die beiden nicht mehr. Nach Buckleys Tod im vergangenen Jahr schrieb Vidal: „Ruhe in Frieden, William F. Buckley — in der Hölle.“ Ähnlich sieht das übrigens auch Noam Chomsky, in dessen TV-Duell mit Buckley über eine Vietnam-Diskussion ebenfalls Androhungen von Faustschlägen ausgetauscht worden waren.

(Einen längeren Clip ihres Gesprächs gibt es hier.)

Johann Sebastian Bach hatte keinen C64. Aber: ein Cembalo.

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 4. September 2009

Super übrigens: wie sehr das – womöglich sogar unter Klassikhörern — eher in Vergessenheit geratene Cembalo dem Sound zeitgenössischen 8bit-Pop ähnelt. Eine Hörprobe:

Und wenn hier schon um Barock-Instrumente und archaische elektronische Musik geht: bitte Jean-Jacques Perreys „Baroque Hoedown“ wiederentdecken! Und ein schönes Wochenende.

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Weezer: jetzt noch geekiger! Das 8bit-Tribute-Album.

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 3. September 2009

weezer 8 bit

Es lief natürlich schon vor Monaten groß im Nerdcore-Blog, aber, mein Gott, wer ackert schon diszipliniert seine RSS-Feeds durch. Deshalb erst jetzt (und: anderswo) entdeckt: ein Tribute-Album mit 8bit-Cover-Versionen von Weezer-Songs! Ich bin damals nach großer Begeisterung über diese Band zu Schulzeiten nach dem Green Album ausgestiegen, doch das 8bit-Album enthält viele schöne Coverversionen auch der älteren Lieder.

Schon toll: Weezer, die Band, für die das Genre Geekrock damals im Grunde genommen erfunden worden ist, klingt jetzt noch geekiger! Sie klingen nicht mehr so als würden sie den ganzen Tag Computer spielen — sie klingen wie Computerspiele! Und dabei gar nicht so schlecht: Der Opener „Island in the Sun“ (im Remix von Videogame Orchestra) ist ein Hit und fast besser als das Original. „In the Garage“ (im Remix von OxygenStar) überzeugt mich besonders, weil es tatsächlich nach „Super Mario Bros.“ klingt und „Buddy Holly“ (von nordloef) drückt so doll und stumpf, dass es fast von Scooter seien könnte. Was nicht bedeutet, dass ich nicht auch dazu tanzen würde. Hier gibt’s das ganze Album kostenlos zum Download.

Ach so, und: wer dieses Weezer-Album gut findet, der sollte ruhig auch die Band Math austesten – lebensbejahende 8bit-ähnliche Popmusik mit Gesang aus Neu England. Super.

Let it be known: achtmilliarden ♥s 8bit.

The Terrordactyls sind ab sofort auf Europatournee …aber bitte nicht so dick auftragen mit dem Kazoo!

Veröffentlicht in deutschland, popkultur von oskar piegsa am 2. September 2009

Die Jugend bezieht Lebensweisheiten nur noch aus den Simpsons und nicht mehr aus der griechischen Mythologie? Stimmt. Das könnte sich aber ganz schnell wieder ändern, wenn sich erstmal herumspricht, dass der Olymp in punkto skurrilem Humor Springfield in nichts nachsteht. Ich zumindest habe mich gewundert zu lernen, dass die mythologischen Daktyle eine „archaic race of small phallic male beings“ (laut der englischen Wikipedia) und „dämonenartige Gestalten“ (laut der deutschen Wikipedia) sind — und erstmals auftauchten, als „Rhea während der Geburt von Zeus ihre Nägel in die Erde gekrallt hatte“ (Flaum/Pandy: „Enzyklopädie der Mythologie“).

Das ist jetzt bestenfalls gefährliches Einviertelwissen, aber schon drängt sich der Vergleich zwischen den griechischen Mini-Phallus-Dämonen und der Musik auf, die die möglicherweise nach ihnen benannte Antifolk-Band The Terrordactyls spielt. Antifolk, das wissen wir spätestens seit Major Matt Mason und Kimya Dawson (oder dem sehr guten Buch von Martin Büsser), neigt dazu, anti-gigantisch und unstadionrock zu sein und gerade live zwischen verletzlichen, dämonischen und erdigen Qualitäten viel Platz für intensive, intime Momente zu schaffen. Für alle, denen jetzt schleierhaft ist, wovon ich schreibe — Antifolk geht so:

„Devices“ von den Terrordactyls — wie auch das komplette, selbstbetitelte Album von dem es stammt  — zeichnet sich durch einen für meinen Geschmack etwas zu liberalen Gebrauch des Kazoos aus. (Kazoos sind wie Käse. Man denkt: das perfekte Gewürz! Kann man nicht genug von auf die Tiefkühlpizza tun! Und dann merkt man: genug vielleicht nicht, zuviel aber schon.) Trotzdem: Das Duett „Devices“, dessen weiblichen Part übrigens die besagte Kimya Dawson übernommen hat, ist schön. Nicht so schön wie das vergleichbare und kürzlich durch die Verwendung auf dem „Juno“-Soundtrack zum Minihit avancierte „Anyone else but you“, aber: schön.

Da man Antifolk-Bands aus den oben angedeuteten Gründen sowieso am besten live sehen sollte, ist die wichtigste Nachricht an dieser Stelle: Die Herren sind ab sofort auf Europatournee. Alle Termine stehen auf der MySpace-Seite der Band, unter anderem spielen The Terrordactyls am 23. September im Haus 73 in Hamburg, am 25. September in Berlin und am 30. September in Heidelberg. Der Eintritt zu solchen Konzerten kostet erfahrungsgemäß noch in der Summe aller Gäste weniger, als das Benzin, das die Band auf dem Weg dorthin verbraucht. Also bitte: hingehen. Und ruhig die CD kaufen, wenn’s gefallen hat. Auch wenn man die hier kostenlos und legal herunterladen kann.

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