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Re: Ein Plädoyer für (…). Die New York Times über die (mögliche) Zukunft der Schullektüre: Es wird demokratisch!

Posted in quick thought by oskar piegsa on 31. August 2009

Welche Bücher sollten im Schulunterricht gelesen werden? In Deutschland ist meinem Verständnis nach mit dem Zentralabitur die diesbezügliche Entscheidungsfreiheit von (zumindest: Gymnasial-) Lehrern stark eingeschränkt worden. Die New York Times berichtet dagegen in einem lesenswerten Artikel von einer Lehrerin, die Achtklässler selbst aussuchen lässt, was sie in der Schule lesen wollen. Und zwar jede/r für sich.

Die Spielregeln: absoluter Trash ist tabu, Abenteuerbücher und dergleichen sind okay. Die Idee: Die Schüler sollen eingeladen werden, Lust am Lesen zu entwickeln, statt sich durch Pflichtlektüren zu quälen/schummeln. Das erinnert an ältere Versuche, Schule und Bildung “selbst-reguliert”, “demokratisch” oder “anti-autoritär” zu gestalten — siehe Summerhill.

Gleichzeitig betrifft das Experiment mehrere sehr aktuelle Fragestellungen: wie führt man Jugendliche ans Bücherlesen heran, wenn es zugleich verlockende (elektronische) Alternativen gibt? Und: wie wichtig ist eigentlich Allgemeinbildung im Zeitalter der zunehmenden Verfügbarkeit von Wissen? Evtl. muss ich meine Haltung zum Kanon noch einmal überdenken. Wobei die betreuende Lehrerin offenbar schon bemüht ist, das Leseinteresse ihrer Schüler trotz aller Freiheiten in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Interessant (und vorbildlich in punkto des Jarvis’schen Paradigmas, Journalisten müssten im Netzzeitalter bereit sein, mit Lesern ihre Texte zu besprechen und weiterzuführen) ist auch die Diskussion des Artikels im Kommentarfeld.

[Nachtrag, 5. September 2009]: In seinem Blog entzweit Kevin Drum den gordischen Knoten recht elegant:

In earlier grades, say 1-8 or so, we’re teaching reading.  Within reason, letting kids pick books they’re personally attracted to seems like a good approach since it’s more likely to keep them interested in reading for its own sake. But in later grades we’re introducing them to the literary canon, and that’s where it becomes more appropriate for teachers to pick the books.

Es bleibt natürlich die ketzerische Frage: “literary canon” — wieso eigentlich?, die sich auch prompt daran entzündet, dass “Moby Dick” Drum offenbar nicht besonders beeindruckt hat. Matthew Iglesias, der grundsätzlich den Standpunkt vertritt, dass “belesen zu sein” ein Lebensprojekt sei, das in der Schule nur angestoßen werden könne, bezeichnet Drum als “Moby Hater” — immerhin sei “Moby Dick” so etwas wie das amerikanische Nationalepos. Ab dem Punkt wird die Diskussion zwischen den beiden leider unproduktiv, weil beide nicht so richtig Lust zu haben scheinen, ihre Standpunkte weiter darzustellen.

Bleibt die Frage: gibt es Bücher, die man unabdingbar gelesen haben muss um den Charakter eines… ja was denn? “Kulturkreis”? “Volks”? “Landes”? zu verstehen? Ich weiß nicht, ob ich viel über Amerika gelernt habe, als ich “Moby Dick” las, obwohl ich das Buch großartig finde. Wenn man sich dieses Argument zu eigen macht, kommt man wohl auch nicht umhin, das “Nibelungenlied” zu lesen. Ist das nötig? Das Buch, das mich bisher womöglich am meisten über die Kultur (des zeitgenössischen) Deutschlands gelehrt hat, war das genaue Gegenteil von Nationalepos: nämlich das ausgesprochen unterhaltsame “A Xenophobe’s Guide to the Germans”.

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