Re: Ein Plädoyer für (…). Die New York Times über die (mögliche) Zukunft der Schullektüre: Es wird demokratisch!
Welche Bücher sollten im Schulunterricht gelesen werden? In Deutschland ist meinem Verständnis nach mit dem Zentralabitur die diesbezügliche Entscheidungsfreiheit von (zumindest: Gymnasial-) Lehrern stark eingeschränkt worden. Die New York Times berichtet dagegen in einem lesenswerten Artikel von einer Lehrerin, die Achtklässler selbst aussuchen lässt, was sie in der Schule lesen wollen. Und zwar jede/r für sich.
Die Spielregeln: absoluter Trash ist tabu, Abenteuerbücher und dergleichen sind okay. Die Idee: Die Schüler sollen eingeladen werden, Lust am Lesen zu entwickeln, statt sich durch Pflichtlektüren zu quälen/schummeln. Das erinnert an ältere Versuche, Schule und Bildung „selbst-reguliert“, „demokratisch“ oder „anti-autoritär“ zu gestalten — siehe Summerhill.
Gleichzeitig betrifft das Experiment mehrere sehr aktuelle Fragestellungen: wie führt man Jugendliche ans Bücherlesen heran, wenn es zugleich verlockende (elektronische) Alternativen gibt? Und: wie wichtig ist eigentlich Allgemeinbildung im Zeitalter der zunehmenden Verfügbarkeit von Wissen? Evtl. muss ich meine Haltung zum Kanon noch einmal überdenken. Wobei die betreuende Lehrerin offenbar schon bemüht ist, das Leseinteresse ihrer Schüler trotz aller Freiheiten in eine bestimmte Richtung zu lenken.
Interessant (und vorbildlich in punkto des Jarvis’schen Paradigmas, Journalisten müssten im Netzzeitalter bereit sein, mit Lesern ihre Texte zu besprechen und weiterzuführen) ist auch die Diskussion des Artikels im Kommentarfeld.
[Nachtrag, 5. September 2009]: In seinem Blog entzweit Kevin Drum den gordischen Knoten recht elegant:
In earlier grades, say 1-8 or so, we’re teaching reading. Within reason, letting kids pick books they’re personally attracted to seems like a good approach since it’s more likely to keep them interested in reading for its own sake. But in later grades we’re introducing them to the literary canon, and that’s where it becomes more appropriate for teachers to pick the books.
Es bleibt natürlich die ketzerische Frage: „literary canon“ — wieso eigentlich?, die sich auch prompt daran entzündet, dass „Moby Dick“ Drum offenbar nicht besonders beeindruckt hat. Matthew Iglesias, der grundsätzlich den Standpunkt vertritt, dass „belesen zu sein“ ein Lebensprojekt sei, das in der Schule nur angestoßen werden könne, bezeichnet Drum als „Moby Hater“ — immerhin sei „Moby Dick“ so etwas wie das amerikanische Nationalepos. Ab dem Punkt wird die Diskussion zwischen den beiden leider unproduktiv, weil beide nicht so richtig Lust zu haben scheinen, ihre Standpunkte weiter darzustellen.
Bleibt die Frage: gibt es Bücher, die man unabdingbar gelesen haben muss um den Charakter eines… ja was denn? „Kulturkreis“? „Volks“? „Landes“? zu verstehen? Ich weiß nicht, ob ich viel über Amerika gelernt habe, als ich „Moby Dick“ las, obwohl ich das Buch großartig finde. Wenn man sich dieses Argument zu eigen macht, kommt man wohl auch nicht umhin, das „Nibelungenlied“ zu lesen. Ist das nötig? Das Buch, das mich bisher womöglich am meisten über die Kultur (des zeitgenössischen) Deutschlands gelehrt hat, war das genaue Gegenteil von Nationalepos: nämlich das ausgesprochen unterhaltsame „A Xenophobe’s Guide to the Germans“.
Die Herren Distelmeyer & Kowalski: Die Zeiten werden rauer, man/n greift wieder zum Rock:
Jochen Distelmeyer (Ex-Blumfeld):
Malakoff Kowalski* (Ex-Jansen-&-Kowalski):
Rock, Zorn, Retrogesten: Distelmeyer will, dass Autos brennen. Kowalski will, dass Leute wieder Stellung beziehen (hier im Interview). Die fetten Jahre sind offenbar mal wieder vorbei.
*Das ist sogar Doppelrock: zusätzlich zur schweinischen Gitarre besteht das Video aus Szenen von Klaus Lemke.
Jetzt auch offline: Lachen behaupten mit LOL!
Im Chat hört man nie Gelächter. Deshalb wurde „lol“ erfunden. Ob es wirklich Menschen gibt, die das nötige Maß an Disziplin und abstrahierender Selbstreflexion aufbringen, um ihr Gelächter simultan als „lol“ zu verschriftlichen, erscheint mir fraglich.
Aber: es gibt ja genug Gelegenheiten, in denen ein behauptetes „lol“ genauso gut ist, wie der tatsächliche Akt des „laughing out loud“. (Zum Beispiel: der Chef erzählt einen Witz auf der Betriebsfeier. Oder so.) Deshalb ist es erfreulich, dass „lol“ — als Geste! — auch offline langsam Fuß fasst, obwohl man denken könnte, dass es dank Skype und Stickam selbst online mittlerweile überflüssig geworden wäre.
Beweisfoto:

Foto geklaut aus dem digiom-Blog von Jana Herwig, die das Bild einem Vortrag von Angelika Storrer entnahm. Gefunden via Plastikstuhl. Dank & Ruhm an alle!
Unterwegs mit Tante Emma, die im echten Leben ein Mann ist und einen ziemlich massiven LKW durch den Wald manövriert:
Früher gab es fast in jedem Dorf einen Laden. Der tägliche Bedarf war gedeckt. Doch heute gibt es Supermärkte oft nur noch in Städten. Wer ohne Auto auf dem Land lebt, ist abgehängt. Eine Reporter-Reise quer durch die ostbrandenburgische Provinz. Zur Klärung der Frage: Sind motorisierte Tante-Emma-Läden eine Lösung?
Text, Fotos und Töne von unserem Trip gibt es hier (oder per Klick aufs Foto).
Zoogz Rift: "Yeah, it's kinda weird working with a bunch of weirdoes."
Der Zwangsvulgarismus geht heutzutage natürlich gar nicht mehr. Aber die Musik: schwingt! Zoogz Rift, über dessen Band selbst Wikipedia nur wenig weiß, verramscht sein Gesamtwerk auf CD. Und beim Flight-13-Mailorder gibt’s die Vinyl-Alben zum Schleuderpreis. Könnte sich lohnen.
Das unvorstellbare Böse hat einen neuen Gegner:
Ähnlich wie auf den Finanzmärkten brauchen wir mittelfristig Verkehrsregeln im Internet. Sonst werden wir dort Scheußlichkeiten erleben, die jede Vorstellungskraft sprengen.
Kanzleramtschef Thomas de Maizière im Gespräch mit der Rheinischen Post. Da sage mal einer, es fehle der deutschen Politik an Dramatik. Trotzdem schade, dass die Interviewer an dieser Stelle nicht nachhaken…
Leseliste (#12): Tod, Tod, Dummheit. Drei Artikel zum Internetstreit.
Aus der emsigen Geschäftigkeit eines Seminarraums in Berlin, in dem Studenten Studentenfutter futtern und tippen, Karten gegooglemapt und Soundslides zusammengeflickrt werden — oder kurz: Stipendiaten der Journalisten-Akademie Onlinejournalismus üben –, hier eine monothematische Sammlung empfehlenswerter Texten, die ich in der letzten Zeit in Onlinemedien über (Online-) Medien las*:
- Mediensterben (1): Wer nur eine einzige Geschichte über das Verhältnis von Blogs und dem amerikanische Zeitungssterben lesen will, der lese „The Death of Journalism (Gawker Edition)“ von Ian Shapira. Alle anderen: lest diese Geschichte erst recht. Shapira ist ein Washington-Post-Reporter, der gerne Blogs liest — und der ins Nachdenken kommt, als ein Text, an dem er mehrere Tage lang gearbeitet hat, von einem Blogger auf Gawker passagenweise wiederveröffentlicht wird. Zuerst freut sich Shapira über die Aufmerksamkeit. Dann beginnt er sich zu ärgern. Immerhin konkurriert Gawker mit Shapiras Arbeitgeber um Anzeigengelder — und gefährdet ein etabliertes Medienunternehmen, ohne gleichwertige Arbeitsplätze und Recherchemöglichkeiten zu schaffen. Shapiras Fazit: „I still want a fluid blogosphere, but one where aggregators — newspapers included — are more transparent about whom they’re heavily excerpting. They should mention the original source immediately. And if bloggers want to excerpt at length, a fee would be the nice, ethical gesture.“
- Mediensterben (2): Die amerikanischen Popmagazine Vibe und Blender wurden kürzlich eingestellt und Spin spart am Personal. Im Onlinemagazin Slate analysiert Jonah Weiner die Lage und nennt drei Thesen zum Musikmagazinsterben: Erstens, so Weiner, gebe es immer weniger Stars für immer mehr Zeitschriftentitel. Von allen Covern grinsen dieselben Typen. Das schadet (möglicherweise) dem Kioskverkauf. Zweitens: Musikmagazine haben nicht nur weniger exklusive Titelstars, sondern auch weniger exklusive Geschichten. Dass Musikjournalisten die einzigen sind, die frühzeitig auf neue Alben zugreifen, vereitelt das Internet. Dass sie Möglichkeiten für ausführliche Interviews und Reportagen bekommen, vereitelt die Musikindustrie — und wiederum die Konkurrenz mit anderen Medien. Und drittens: früher waren Musikmagazine nicht nur ein publizistisches Produkt, sondern ein Distinktionsmarker und Eintrittskarten in elitäre Szenen. Auch dieser Status sei zunehmend gefährdet, so Weiner. Gute Gedanken, die es zu diskutieren lohnt — auch wenn nicht alle Beobachtungen auch auf den deutschsprachigen Magazinmarkt übertragbar sind.
- Verdummung: Der Journalismusprofessor Brian Cathcart stellt in einem Artikel für das Intelligent-Life-Magazin die Frage, ob Google (und GPS) unsere Allgemeinbildung killen. Wirkt vage vertraut? Jawohl. Aber Cathcart kann exzellent schreiben. Sein Text ist gespickt mit unterhaltsamen Anekdoten, die den Verdummungsverdacht nähren. Trotzdem schafft er es, im großen Finale seines Artikel *nicht* die sofortige Abschaffung des Internets zu fordern. Das soll ihm mal ein deutscher Feuilletonautor nachmachen. Oder ruhig mehr als nur einer: alle.
Und jetzt: Zurück an die Arbeit in unserem Seminar, deren Ergebnisse ich Anfang nächster Woche hier verlinken werde.
*Merke: es zählen nur zwei Dinge im Onlinejournalismus. Selbstreferenzialität und Tittenfotos. Letzteres kann ich leider nicht bieten.


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