a c h t m i l l i a r d e n . c o m

Apropos:

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 24. April 2009

Was ist eigentlich nachhaltiger – Zeitungen auf Papier lesen, oder Zeitungen im Internet lesen? Ich denke hier vor allem an: lange Transportwege zum Kiosk/Briefkasten, Papierproduktion, Altpapier, Druckereien vs. Technikschrott (neuer Laptop ca. alle drei Jahre), Atomkraftwerke, Kohlekraftwerke, Elektrosmog, Server, usw.

Zitat des Tages: Lobo disst Lohas

Veröffentlicht in zitat des tages von oskar piegsa am 24. April 2009

Alles voller Lobos, in letzter Zeit. Dieses Mal geht’s aber nicht um Sascha Lobo, sondern um Klaus Werner-Lobo, den Autoren des „Schwarzbuch Markenfirmen“, der heute auf jetzt.de zum munteren Bashing der Lifestyle-of-Health-and-Sustainability-Anhänger (a.k.a. Lohas, a.k.a. Edelökos) ausholt. Bahnfahren sei immer noch besser als Hybrid-Autos-Fahren, schreibt Werner-Lobo. Und Bio-Produkten brächten gar nichts, solange sie sich nur Wohlhabendere leisten können:

Wenn dann manche sogar meinen, demokratische Entscheidungen würden heutzutage an der Supermarktkasse getroffen, dann heißt das nichts anderes, als dass die Reichen in dieser „Konsumentendemokratie“ mehr mitzubestimmen haben als die weniger Wohlhabenden.

Was wohl vor allem eine Begriffskritik ist. Noch ein bisschen spitzer wird Werner-Lobo in der Diskussion mit den wie immer blutrünstigen jetzt.de-Usern, die ihm seine Schlussformulierung, wir müssten „wieder Menschen [...] werden“ zu Recht um die Ohren hauen. Dort schreibt er:

[D]er durchschnittliche ökologische Fußabdruck eines Lohas ist mit Sicherheit wesentlich größer als der eines durchschnittlichen Hartz-IV-Empfängers

Erinnert mich an das Green Festival, dem ich neulich in Washington D.C. beiwohnen durfte. Da referierten die linke Journalistin Amy Goodman, der Verbraucherschutzaktivist und Präsidentschaftskandidat Ralph Nader und Graham Hill von Treehugger.com — und außerdem gab es absurd überteuertes Öko-Essen und zwischendurch huschten Ökomessebesucher vorbei, die Jutebeutel trugen, auf denen „My Carbon Footprint Is Smaller Than Yours“ stand und die prall gefüllt waren mit Wegschmeiß-Werbegeschenken und unnötigem Altpapier.

Andererseits ist darüber zu lästern in etwa so billig, wie sich darüber lustig zu machen, dass Anti-G8-Demonstranten nach der Rostocker Demo 2007 offenbar in großer Zahl bei McDonald’s einkehrten. Denn: Ein Bewusstsein für gesellschaftliche, globale und ökologische Missstände zu haben, ist ja schon mal nicht schlecht. Auch, weil dieses Bewusstsein durch werner-loboesque Stöße vor den Kopf dann noch etwas präzisiert werden kann. Fragt sich nur, was der Hartz-IV-Vergleich eigentlich impliziert… Konsumverzicht? *Schock.*

Nackt-Pop stirbt niemals. Und Matt and Kim haben ein großartiges Video zu "Lessons Learned" gedreht.

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 23. April 2009

Unbekleidet über den Times Square zu rocken ist eine olle Kamelle, seit der nackte Cowboy in jedem Reiseführer steht. Und Nacktheit im öffentlichen Raum ist als Konzept für Musikvideos auch eher asbach. Alanis Morissettes lief als Lady Godiva durchs Video von „Thank U“ und Blink 182 taten es ihr in „What’s My Age Again“ nach.

Beide Videos sind auf YouTube allerdings nicht (mehr?) zu finden – insofern bleibt uns vielleicht nicht mehr viel Zeit, um das Video zu „Lessons Learned“ von Matt and Kim zu genießen, das trotz der nicht ganz frischen Idee zu den besten gehört, die ich in einer langen Zeit gesehen habe — aber bitte ganz zu Ende schauen!

Kostenlose Matt-and-Kim-MP3s gibt’s übrigens hier.

[via Pimpettes]

ROFL doch mal, Kulturpessimist! Robert Lanhams "Writing for Nonreaders in the Postprint Era"

Veröffentlicht in medien von oskar piegsa am 23. April 2009

Neulich ging es hier um die Möglichkeit(en) von SMS-Literatur. Passend dazu hat der Satiriker Robert Lanham einen Semesterplan für das fiktive Creative-Writing-Seminar „Writing for Nonreaders in the Postprint Era“ geschrieben — mit Schreibtipps für die literarischen Gattungen Blog, Tweet und Facebook-Status-Update.

[via Buzzmachine]

Walt Whitman? Dude, poetry’s soo gay!

Veröffentlicht in amerika von oskar piegsa am 22. April 2009

Hier ein Eintrag fürs Allgemeinbildungsdepartment: obwohl Homosexualität während der amerikanischen Bürgerkriegsjahre in den 1860ern offenbar noch nicht mal medizinisch/psychologisch wahrgenommen und diskutiert wurde, schreibt eine Zeitgenossin über den schwulen Dichter Walt Whitman, dessen Liebesgedichte erschienen ihr „queer“.  Wer hätte damals wohl gedacht, dass dieser Begriff des vagen Unbehagens 100 Jahre später von den derart Beschriebenen aufgegriffen und zum positiven Attribut gewendet werden würde?

Auch „gay“ war damals offenbar als Slangterminus bereits gebräuchlich, wie es bei Roper heißt. In erster Linie, um (weibliche) Prostituierte zu kennzeichnen, die zu Oralsex bereit waren. In einem Brief eines Whitman-Vertrauten ist bereits von einem „gay boy“ die Rede.

Was ist Camp? Wolfgang Joop hat auch keine Ahnung…

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 22. April 2009

Ich habe ein Problem. Nein, kein ernstes. Ein kulturwissenschaftliches. Ich kann Trash nicht von Camp unterscheiden. Montagabend hat Stefanie Roenneke an der Uni Hamburg zum Thema „Wieviel Camp steckt in Pop[literatur]„ referiert, da dachte ich schon, ich hätte den Unterschied verstanden. Die Faustregel — beide Begriffe beschreiben popkulturelle Inszenierungen, die nicht den herrschenden ästhetischen Vorstellungen entsprechen, Trash ist dabei durch seinen Mangel an Mitteln gekennzeichnet, Camp durch seinen Überfluss — leuchtet mir ein. Selbstgedrehte Skatevideos und Punkrock sind Trash, opulent inszenierte Tanzfilme und Glam-Rock sind Camp.

Aber dass das noch keine arbeitsfähige Definition ist, merkte ich spätestens eine halbe Stunde später beim Abendessen chez Dönermann St. Pauli. Denn:

Wenn Dosenbier Trash ist, ist Dosenprosecco dann Camp? Immerhin wirbt Paris Hilton dafür. Und die ist neben Mary Schneider doch die Camp-Ikone unserer Zeit? Und was ist mit türkischen Popmusikvideos? Sie scheinen mir sehr campy zu sein, ebenso wie Bollywood, aber ist das Camp-Konzept auf nicht-westliche Kulturen überhaupt anwendbar? (Aufgepasst, Anti-Imps: Kulturimperialismusgefahr!!) Wenn nicht, dann darf man japanische Kung-Fu- und Godzilla-Filme wohl auch nicht mehr als Trash bezeichnen…

Weiterhin: Gibt es Camp-Trash-Zwitterwesen, etwa wenn Quentin Tarantino im ersten Teil von „Kill Bill“ trashige Kung-Fu-Zitate opulent campy inszeniert? Gibt es Graustufen? Wenn Las Vegas städtebaulicher Camp ist, ist die Reeperbahn dann städtebaulicher Trash, weil sie zwar an vielen Stellen Camp zu sein versucht, aber an vielen Stellen dabei scheitert? (Blinkende Lichter und Travestie-Shows sind Camp. Löcher im Asphalt und Hundepunker bestimmt nicht.)

Weitere definitorische Problemzonen aus der Diskussion des Vortrags am Montag: Funktioniert Camp noch mit historischer Achse? Kann man also historische Pop-Artefakte (sagen wir mal: den Film „The Wizard of Oz“ oder die Band „Abba“) guten Gewissens als Camp bezeichnen, oder verbietet das ihre Historizität? Wie verhält sich Camp zu Ironie? Ist Camp nur Camp, wenn er als solcher rezipiert wird? Wie wichtig ist die Intentionalität des Urhebers? Was ist mit der Gender-Konnotation? (Trash = männlich/heterosexuell, Camp = weiblich/homosexuell?)

Auch die Praktiker konnten mir nicht helfen. Strify, der mit seinen 20 Jahren von akademischen Diskursen wohl noch weitgehend unverdorbene Sänger der Retorten-Band „Cinema Bizarre“ und damit Experte für 80s-Referenzen, Mainstream-Pop, Visual Kei, Androgynität und andere Verstöße gegen den Normgeschmack, sagte mir letzte Woche im Interview, er stehe auf „Glamour und Trash“. Trash sei demnach, zuviel Schminke zu tragen und insgesamt einfach „too much“ zu sein, ihm sage Understatement einfach nicht zu. (Klingt für mich erstmal nach Camp.) Und auch der Profi-Ästhet Wolfgang Joop ist beruhigender Weise offenbar eher planlos. In einem Text, der mit seinem Namen unterschrieben ist und in einer Anzeige im aktuellen Spiegel der Bewerbung der BILD-Zeitung dient, heißt es:

„Bild“ ist „camp“. Übersetzt heißt das, man hat einen eigenen Stil. Einen, der polarisiert. Mal ist man „under the top“, mal „over the top“.

Jetzt hilft wohl nur noch eine gemeinsamer Susan-Sontag-Lesekreis meinetwegen auch bei Dosenprosecco und türkischem Pop in einer Dönerbude an der Reeperbahn.

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Hallo Literaturpop: Schwervon! & Jeffrey Lewis ♥ Raymond Carver, Kammerflimmer Kollektief feat. Dietmar Dath

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 15. April 2009

„Lest Bücher!“, forderte einst der Rapper Torch. Ganz ähnlich forderten ZSK im Booklet eines Albums von ihren Hörern, sich nicht immer nur Punkrocktexte anzuhören, sondern auch mal ein bisschen linksradikale Theorie zu lesen, Noam Chomsky und so. Aber eine von mehreren Bands getragene Begeisterung für eine einzelne Kurzgeschichte? Das gab es womöglich bisher so noch nicht. Zumal der Autor, um dessen Geschichte es hier geht, vor über 20 Jahren verstorben ist. Doch Raymond Carvers Kurzgeschichte „What we talk about, when we talk about love“ hat im Umfeld des New Yorker AntiFolk-Mailorders Olive Juice Music gleich mehrere inspirierte Leser gefunden.

Zum einen ist da die in diesem Blog viel geliebte Kapelle Schwervon!, die auf ihrem neuen Album „Low Blow“ ein Studio-/Küchengespräch namens „What we talk about, when we don’t talk about love“ veröffentlichte. Und Jeffrey Lewis hat neulich gleich ein Lied geschrieben, das sich an einer Inhaltsangabe der Carver-Geschichte über einen verhängnisvollen Saufabend zwei befreundeter Paare erzählt und bemerkt:

It’s a short story, not long, but it’s a tough subject for a song, so what do we sing about, when we sing about, what we talk about, when we talk about love?

Sowohl das Schwervon!-Album, als auch der Lewis-Song sind es wert, gehört zu werden. Letzterer wurde, soweit ich das überblicke, bisher noch nicht offiziell veröffentlicht, aber hier kann man bei Minute 2:40 hören, wie Lewis den Song in ein Telefon singt. Außerdem: das Kammerflimmer Kollektief hat Dietmar Dath vertont?

Poplitertur ist tot, es lebe der Literaturpop!

[Dank an Mr. Feikmeier für den Lewis-Tipp!]

Zitat des Tages: Peaches über Andy Warhol

Veröffentlicht in popkultur von oskar piegsa am 14. April 2009

Neulich habe ich aus meinem Fenster in Prenzlauer Berg geblickt und gedacht: Guck’s dir an, da unten läuft der Geist von Andy Warhol vorbei. Jeder rennt heute herum wie ein Popstar, überall sieht man Graffitis, die Werbung ist allgegenwärtig! Man kann gar nicht mehr erkennen, was ein Witz ist und was ernst gemeint ist. Was ist Popkultur — und was ist Werbung, die mit den Mitteln des Pop für ein Produkt wirbt? Wenn Warhol das sehen könnte: Er würde sich kaputtlachen. Die ganze Gesellschaft ist durchironisiert.

…aus einem Gespräch mit Maurice Summen in der aktuellen Spex (#320).

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Ein Plädoyer für die Auseinandersetzung mit Alltagskultur:

Veröffentlicht in quick thought von oskar piegsa am 14. April 2009

I ask not for the great, the remote, the romantic; what is doing in Italy or Arabia; what is Greek art, or Provencal Minstrelsy; I embrace the common, I explore and sit at the feet of the familiar, the low. Give me insight into to-day, and you may have the antique and future worlds. [...]

The meal in the firkin; the milk in the pan; the ballad in the street; the news of the boat; the glance of the eye; the form and the gait of the body;– show me the ultimate reason of these matters;– show me the sublime presence of the highest spiritual cause lurking, as always it does lurk, in these suburbs and extremeties of nature [...] and the world lies no longer a dull miscellany and lumber room, but has form and order[.]

…schrieb Ralph Waldo Emerson, ein Träger imposanter Koteletten, 1837 in „The American Scholar“. Ich weiß nicht, ob das ausreicht, um Emerson zum Paten des klugen Popkulturjournalismus und Ur-Opa von Greil Marcus, Hunter S. Thompson, Jon Ronson et al. zu erklären. Aber es verweist auf eine intellektuelle Tradition, die auf der anderen Seite des Atlantiks etwas ausgeprägter ist, als hierzulande.

Alternative Osterpredigt:*

Veröffentlicht in rest von oskar piegsa am 9. April 2009

Wo genau ist eigentlich diese Hölle, zu der man von allen möglichen Leuten immer wieder geschickt wird? Über dieses Thema spricht Paul, 54, Amateur-Prediger auf YouTube. Paul meistert die Kunst der Fußnote, streut massig Bibel-Trivia ein und verweist einmal sogar auf die Westboro Baptist Church. Zugleich wirkt er sehr… authentisch. Außer über die Hölle predigt Paul auch über Freddie Mercury, russische Geschichte und — etwas provokanter — „Fuck Jesus“.

*Drei Tage zu früh, schon klar.

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