Overheard in HH: Ein Plädoyer für die engagierte Dokumentation exhibitionistischer Erlebnisse im öffentlichen Raum

Abb.: Ein Telefon hält sich die Ohren zu. Foto von KB35, via Flickr, gemäß CC-BY-Lizenz.
Mobiltechnologie ist so geil. Beim Warten auf die U3, stadteinwärts, Haltestelle Borgweg, durfte ich heute einem jungen (offenbar) Vater dabei zuhören, wie er leicht empört auf seine (offenbar) Partnerin einredete. Er könne nicht verstehen, sagte er, was so schwer daran sei, die “harten Brocken mit dem Taschentuch rauszunehmen” und im Klo runter zu spülen, bevor die Windel in den Mülleimer kommt. Guter Punkt. Und der Mitnehmkaffee schmeckte mir gleich doppelt so lecker.
Der Rückweg war aber noch besser. Vom Display ihres Blackberrys las eine Mitfahrerin ihrer nebenstehenden Bekannten (und doch für den ganzen Wagen vernehmbar) aus dem E-Mail-Austausch mit ihrer Freundin vor. Verhandelt wurde das Topos “Urlaub von einander brauchen” und die kniffelige Frage, ob und wann man “wir” sagen darf, wenn man über die eigenen Gefühle redet, und ob und wann das eher verletzend und/oder eine Zumutung ist.
Mindestens vier Haltestellen ging das so und es ist mir unmöglich, mich an das Gehörte en detail zu erinnern oder es hier zu reproduzieren (wie es etwa das großartige und für den Namen dieses Postings Pate stehende Blog Overheard in New York tut). Dennoch war die Lesung spannend. Es handelte sich durchaus um würdiges Poetry-Slam-Material. Auch hat das Format des “E-Mail-Vorlesens” gegenüber dem un- bis halbfreiwilligen Mithören von Telefonaten den großen Vorzug des permanenten Perspektivwechsels, durch den ich als Zuhörer nicht nur eine Seite zu hören bekam, sondern die Ansichten beider Freundinnen, plus Meta-Kommentar der Vorlesenden.
Eine Freundin erzählte mir neulich, sie arbeite an ihrer ersten Kurzgeschichte, die — in Anlehnung an das Genre des Briefromans — ausschließlich auf SMS-Mitteillungen beruhe. (Hat das schon mal jemand gemacht? Wer mehr weiß, bitte kommentieren!) Während dieser eher literarische Text auf fiktiven oder zumindest fiktionalisierten SMS’en beruhen wird, wäre es wohl ähnlich ergiebig, im Zuge eines New-Journalism- oder Creative-Non-Fiction-Revivals Stadtteil- oder U-Bahn-Linien-Porträts zu schreiben, die ausschließlich auf mitgehörten Gesprächen und vorgelesenen E-Mails fremder Leute bestehen. (Hat das schon mal jemand gemacht? Ich erinnere mich gerade nur an einen Beitrag in der TEMPO-Jubiläumsausgabe, für den Partygespräche von Michael Ammer mitgehört und dokumentiert wurden… wer mehr weiß, bitte kommentieren!)
Alles, was für die Recherche notwendig ist, ist ein Sonntagnachmittag in der U3. Als Arbeitswerkzeug müsste man nur ein Diktiergerät mitnehmen, so wie der Protagonist des wunderschönen Kurzfilms “Wackelkontakt”.
PS: Ach so — sollte mich jemand während meiner Türkei-Reise telefonisch zu erreichen versucht haben, kommt jetzt die nachträgliche Entschuldigung: mir ist beim wilden Schnappschießen in den Höhlen von Hasankeyf das Handy abgestürzt (genau: Windows Mobile), danach habe ich dreimal den PIN falsch eingegeben und war fortan nicht mehr zu erreichen. Mache mich jetzt mal auf die Suche des PUKs und bedanke mich für die Geduld.
PPS: Wie gut ist bittesehr, dass auf der Internetseite von Michael Ammer unter dem Untertitel “Sophisticated Nightlife” ein Foto von H.P. Baxxter und Dieter Bohlen beim gemeinsamen Betrunkenwerden gezeigt wird?
SMS-Literatur aus Finnland: http://www.netzeitung.de/internet/510809.html und Japan: http://www.sueddeutsche.de/kultur/169/408943/text/.
Hey, danke! Auch wenn der SZ-Artikel ist in diesem Zusammenhang ein bisschen gemogelt ist…
http://www.thalia.de/shop/tha_homestartseite/suchartikel/aber_wir_leben/anna_heesch/ISBN3-89950-461-5/ID16922589.html?jumpId=492237
“…einer der ersten SMS-Romane auf dem [deutschen] Buchmarkt…”
Hat sogar schon jemand gelesen. Und rezensiert. Bestimmt gut.
Wow. Das Cover allein! So stelle ich mir das wilde Leben auch vor… aber danke für den Hinweis, dann ist das Genre SMS-Literatur in Deutschland ja 1) schon erschlossen und bietet 2) vielleicht noch etwas Raum.
[...] in the Postprint Era” Posted in medien by oskar on 23. April 2009 Neulich ging es hier um die Möglichkeit(en) von SMS-Literatur. Passend dazu hat der Satiriker Robert Lanham einen [...]