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Och nö, ne? Das Massensterben der Zeitungen steht an. Und alle Rettungsideen sind unbeholfen und/oder doof. Was nun?

Posted in amerika, medien by oskar piegsa on 10. Februar 2009

Walter Isaacson war gestern zu Gast in der Daily Show, um ein Thema zu besprechen, das er für die aktuelle Ausgabe des Time-Magazine auch zu Papier gebracht hat — es ging um Möglichkeiten, die amerikanische Medienbranche zu retten. Diese, so erläutert Isaacson, ist in einer grotesken Situation gefangen: Immer mehr Menschen nutzen journalistischen Content. Und immer weniger bezahlen dafür. Dieser Trend werde von den Medien noch voran getrieben, so Isaacson, indem durch die kostenlose Veröffentlichung von Medieninhalten im Internet Anreize geschaffen werden, kostenpflichtige Abos abzubestellen.

Seine Vorschläge in der Daily Show:

  1. Verleger, kopiert das Erfolgsmodell von iTunes, und lass eure Leser niedrige Gebühren für das Aufrufen von Artikeln bezahlen!
  2. Verleger, berechnet Gebühren für Links, die von anderen Websites auf eure Inhalte verweisen! (Schließlich verdienen Nachrichtenaggregatoren wie Digg ihr Geld damit, die Inhalte anderer Seiten zu verlinken. Und Blogs wie Gawker haben ein Erfolgsmodell daraus gemacht, die Inhalte anderer Seiten zu kommentieren. Beide verhalten sich also im Grunde parasitär.)

Ebenfalls gestern postete Jeff Jarvis in seinem Blog einen Eintrag mit Gegenargumenten zu diesen (und anderen) Rettungsideen. Im Grunde reicht es aber auch schon, die Daily Show anzuschauen und dabei zweimal kurz angestrengt nachzudenken. Denn:

Zu 1.: iTunes-Songs mit Artikeln zu vergleichen ist problematisch. Mindestens, weil man, wie Daily-Show-Moderator Jon Stewart einwirft, Songs nicht nur einmal hört (während man die meisten Artikel wohl nur einmal liest). Außerdem gibt es Songs nur in drei Varianten. Entweder man hört sie in der Originalversion, oder als Remix oder Cover. Alle drei Varianten können von ein und demselben Rechte-Inhaber kontrolliert werden, während es die breite Masse journalistischen Contents (Meldungen, Berichten, per PR-Massenabfertigungstermin ermöglichte Interviews) parallel in zahlreichen Varianten gibt, die sich qualitativ und in ihrer Schwerpunktsetzung unterscheiden, aber anders als bei Musik im Regelfall keine Hierachisierung in “Original” und “Fälschung”, oder “Ursprungsversion” und “Nachbearbeitung” zulassen. Höchstens besonders originelle oder gekonnte Kommentare, Essays, Reportagen, Bilder, Fotostrecken oder Exklusivinterviews lassen sich mit Songs auf iTunes vergleichen.

Zu 2.: Ebenfalls problematisch. Denn nur Links sind es, die dir und deinem Medienprodukt und -content dazu verhelfen, in der Masse der Angebote im Netz überhaupt wahrgenommen zu werden. Links zu verbieten wäre das Online-Pendant dazu, anderen Printjournalisten zu verbieten, auf deine Texte zu verweisen oder deine Interviews zu zitieren. Und deinen Lesern zu verbieten, anderen von den spannenden Texten zu erzählen, die sie bei dir gelesen hahen. Wer Links kostenpflichtig macht, senkt ganz massiv die Anreize für andere Journalisten und Leser, seinen Content zu bewerben und Traffic auf seine Seite zu lenken.

Ein anderes Fazit, dass sich aus diesen Beobachtungen ziehen ließe, wäre, sich auf einzigartige Inhalte zu beschränken (Jarvis und andere Internetvordenken predigen das schon seit einiger Zeit). Wieso sollte zum Beispiel eine lokale Tageszeitung auch einen Politikteil veröffentlichen, der sich im wesentlichen aus umgeschriebenen DPA-Meldungen speist und mit der politischen Berichterstattung von FAZ, SZ, Welt und taz (und Spiegel Online, Zeit Online, Tagesthemen usw.) konkurriert, wenn sie stattdessen ihr Personal und ihre Mittel dafür verwenden könnte, aufwändige Geschichten in der Nachbarschaft zu recherchieren, für die es keine alternativen Anbieter gibt?

Die erwartete Entwicklung mit der Zunahme von RSS etc., und das passiert ja auch schon, ist schließlich, dass sich jeder Leser seine individuelle “Tageszeitung” zusammen sammelt aus der Lokalzeitung seines Vertrauens für Lokales, der Sportzeitung seines Vertrauens für Sport, der Wirtschaftszeitung seines Vertrauens für Wirtschaft, der Politikzeitung seines Vertrauens für Politik usw.

Oder, noch besser: ich mir im Zuge von “Networked News” von denjenigen meiner Bekannten, die ein ähnlich gelagertes politisches Interesse haben wie ich, meine politische Lektüre empfehlen lasse.  Und von denjenigen, die ich für ihren wirtschaftlichen Sachverstand beneide, lasse ich mir Wirtschaftsartikel schicken. Usw. Freunde müssen das nicht sein, sondern nur Leute, denen ich vertraue. So wie ich den Redakteuren meiner Lieblingszeitung schon immer vertrauen musste. (Nur, dass mir dort bei Vertrauensbruch nur die Möglichkeit des Leserbriefschreibens blieb, während ich aus meinem Nachrichtennetzwerk einfach rausschmeißen und ersetzen kann, wer mir nicht mehr passt.)

Hier gibt es mindestens zwei gängige Einwände:

  1. Gefährdet es die Demokratie, wenn jeder sich nur noch das liest, was er oder sie für richtig hält?
  2. Ist diese Form der Nachrichtendistribution profitabel genug? Lohnt sich hochwertige Berichterstattung noch?

Die zweite Frage beantwortet Michael Hirschorn für den Fall der New York Times mit “vielleicht, aber”.

Wie geht’s jetzt also weiter?

Als Leser, dessen Lieblingsmagazine ständig aus Geldgründen zugemacht werden (1, 2) und Schreiber, der vom Journalismus langfristig okay leben zu können hofft, nerven mich radikale Techno-Optimisten, die alles Alte totsagen und alles Neue geil finden, egal, ob das Alte vielleicht inhaltlich überlegen und das Neue nicht finanzierbar ist. Das Internet wieder abzuschaffen ist aber auch keine Alternative. Und jetzt noch die Spielregeln ändern und doch wieder anfangen, für Inhalte Geld zu erheben? Hmmmmmm.

Sympathisch finde ich den Gedanken des Verlegers Tyler Brûlé, der sinngemäß sagte, es werde in der Zukunft kostenlose, werbefinanzierte Zeitungen geben und teure, hochwertige Special-Interest-Titel. Der parallele Aufstieg von Welt Kompakt (das deutsche Äquivalent zu einer kostenlosen Tageszeitung, sozusagen) und Magazinen wie Brand Eins, Monopol und Cicero machte es mir leicht, das zu glauben. Und ebenso mein eigenes Leseverhalten, ein Spagat aus täglich Kostenlosem im Netz und mehreren viel zu teuren Zeitschriften, die monatlich, zweimonatlich oder quartalsweise erscheinen.

Unsympathisch, aber leider sehr nachvollziehbar, sind die acht Thesen zum Online-Journalismus von Stefan Niggemeier.

Aber dann ist da ja auch noch diese neue/alte Wochenzeitung, die den Spagat zwischen Print und Online versucht — und deren Werbekampagne zufälligerweise so aussieht, wie das Zeitungen-Rettungs-Titelbild der aktuellen Time-Ausgabe, was ja vielleicht so etwas wie ein gutes Omen für das hier versuchte Geschäftsmodell ist.

Also mal schauen, was kommt. Hauptsache, wir enden nicht so fürchterlich, wie die Medienunternehmer im Flughafen von Brüssel.

5 Antworten

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  1. Arno said, on 10. Februar 2009 at 20:10

    Applaus für Jarvis!

    1. “richtige” journalistische Arbeit wird bezahlt, siehe brandEins für 7,60 € (ob das als journalistische Arbeit anzusehen ist, ist jedem selbst überlassen). Und brandEins Artikel gibt es sogar kostenfrei online. Oder eben die Spex (Preiserhöhung etc.)

    2. 0,50 Cent für einen Stern/Spiegel Artikel zu verlangen war schon immer die größte Abzocke. Am besten auch noch mit DRM, zumindest früher.

    Mit kleineren Beiträgen hätte ich kein Problem. Nur die Verleger anscheinend. Scheint wohl die gleiche Situation wie in der Musikindustrie zu sein (Entschuldigung, dass ich hier die alten Kamellen raushole). Oder der Fernsehindustrie (Entschuldigung, dass ich hier die alten Kamellen raushole). Oder der Automobilindustrie (Entschuldigung, dass ich hier die alten Kamellen raushole). Oder irgendwie ein Problem mit allem was mit Industrie endet.

    Und der Kindle funktioniert angeblich ja auch recht gut, mit kostenpflichtigen, sogar DRMnten, aber billigeren (?) Abos.

    Es ist alles möglich, nur tendenziell nicht mit Gewinnvorstellungen vereinbar.

  2. oskar said, on 10. Februar 2009 at 20:18

    Super, dass du den Kindle erwähnst! Der scheint als Lichtstreif im Dunkel der Medienkrise bisher noch gar nicht so krass wahrgenommen zu werden. Obwohl plausibel ist, was du schreibst: E-Paper-Abos für E-Reader klingen nach einem guten Kompromiss: billiger für die Medienanbieter, billiger für die Mediennutzer, umweltfreundlicher als bedrucktes Papier, multimedial und verlinkbar wie Websites.

  3. Arno said, on 10. Februar 2009 at 20:52

    Na ja, so semi-verlinkbar, der Kindle an sich lässt da wohl nicht ganz so viel zu, aber: socialnetworkbar! Und eben bezahlbar.

    So schwarz würde ich das alles gar nicht sehen, es wird anfänglich für Nischen schwieriger, bis sich Qualität wieder durchsetzt, das dauert leider. Und alle die unrechtmässig an der Arbeit von guten Schreiberlingen/Musikern verdienen, nörgeln erstmal.

    Vor Wochen auch beim club.transmediale erlebt, zum Thema ob denn das Internet die Musikindustrie revitalisieren würde (JA!). Ein eigentlich guter und netter Plattenmanager/chef/boss beschrieb seine Rolle in der Musikindustrie, Import von billig produzierten gerade wohl angesagten brasilianischen Ghetto Sounds und eigentlich existiert seine Funktion heutzutage eben nicht mehr. Aber sein Umsatz sei komischerweise kleiner als früher… Übrigens von einem Spex Redakteur moderiert, leider vergessen von wem. War auch eher ein netter Versuch einer Moderation/Diskussion.

  4. Andreas said, on 25. Februar 2009 at 16:12

    Interessante Ansätze/Einwände. Habe letztlich auch über die Thematik gebloggt.
    Gruß, Andreas

  5. [...] On Walter Isaacson’s and Jeff Jarvis’ arguments for and against paid online content (in … Beschlagwortet mit:internet [...]


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